Pönisch, Alfred* Karl Emil

 
geboren
11.5.1902 Straßburg
gestorben
17.5.1981 Mühlheim am Main
Beruf
Jurist, Landrat
Titel
Dr. jur.
Konfession
katholisch
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125967055

Wirken

Werdegang

  • siebenjähriger Besuch der Volksschule
  • ab Ostern 1915 Besuch von Gymnasien in Trier (Friedrich-Wilhelms-Gymnasium) und Frankfurt am Main (Goethe-Gymnasium), dort Ostern 1923 Abitur
  • ab Sommersemester 1923 Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Frankfurt am Main
  • Februar/März 1924 militärische Ausbildung bei der „Schwarzen Reichswehr“ in Gießen und Hannover
  • Juli 1929 Referendarexamen, anschließend Ausbildung an den Gerichten und der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main
  • 1.4.1930 Eintritt in die NSDAP (Mitglieds-Nr. 230.741)
  • 25.5.1932 Große Staatsprüfung
  • 31.5.1932 Gerichtsassessor
  • September 1932 Rechtsanwalt in Windecken (Kreis Hanau)
  • Juni 1933 Eintritt in die SA
  • 1.10.1933 kommissarische Verwaltung des neugebildeten Kreises Biedenkopf, 5.4.1934 definitive Anstellung als Landrat des Kreises Biedenkopf
  • November 1933-Januar 1936 Obertruppführer, später im NSKK
  • 14.8.1935 Promotion zum Dr. jur. an der Universität Marburg
  • 8.4.1937 im einstweiligen Ruhestand nach einer Auseinandersetzung mit der NSDAP-Kreisleitung Biedenkopf
  • Juni 1937 Versetzung zur Regierung in Breslau als Justitiar
  • 31.7.1938 Eintritt in die SS (Mitglieds-Nr. 310.165)
  • Oktober 1938 kommissarischer Landrat des Kreises Friedland (Sudetengau), dort bis 1945
  • 30.1.1939 SS-Untersturmführer und Führer im SD
  • 20.4.1941 SS-Hauptsturmführer

Funktion

  • Biedenkopf, Landkreis, Landrat, 1934-1937

Werke

Lebensorte

Trier; Frankfurt am Main; Gießen; Hannover

Familie

Vater

Pönisch, Emil, Reichsbahninspektor

Partner

Köhler, Martha, (⚭ 3.7.1932) * Mühlheim am Main 7.6.1907, Tochter des H. Köhler, Kaufmann in Mühlheim am Main

Leben

Aus der Biografie

Dieses biografische Bild beruht im Wesentlichen auf dem Erkenntnisstand der im Juni 2022 publizierten Studie „Das Führungspersonal der Landratsämter Marburg und Biedenkopf in der NS-Zeit“1 und setzt sich schwerpunktmäßig mit Pönischs Rolle als Landrat des Kreises Biedenkopf im Nationalsozialismus auseinander.
Alfred Pönisch, geb. am 11. Mai 1902 in Straßburg, war Sohn eines Reichsbahninspektors. Er gehörte der katholischen Konfession an. Nach dem Abitur studierte er Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main. Während seines Studiums absolvierte Pönisch, der als Heranwachsender zwar den Ersten Weltkrieg miterlebt, aber aufgrund seines Alters nicht mehr am Kampfgeschehen teilgenommen hatte (sogenannte Kriegsjugendgeneration),2 im Februar/März 1924 eine militärische Ausbildung bei der „Schwarzen Reichswehr“ in Gießen und Hannover. Nach Abschluss seines Referendarexamens im Jahr 1929 bestritt er eine Ausbildung als Gerichtsassessor. Währenddessen fand Pönisch seinen Weg in die NSDAP, der er sich zum 1. April 1930 frühzeitig anschloss (Mitglieds-Nr. 230.741).3 Da Beamten in Preußen zu dieser Zeit eine NSDAP-Mitgliedschaft untersagt war, trat er zum 1. Juni 1931 aber wieder aus der Partei aus, um seine Ausbildung zum Gerichtsassessor fortsetzen zu können. Nachdem er 1932 die „Große Staatsprüfung“ bestanden hatte, ging Pönisch zunächst einer Tätigkeit als Gerichtsassessor nach, ehe er im September 1932 eine Arbeit als Rechtsanwalt in Windecken im Kreis Hanau aufnahm.
Zum 13. Juli 1933 erfolgte seine Wiederaufnahme in die NSDAP. Bereits einen Monat zuvor war Pönisch in die SA eingetreten, in welcher er zwischen November 1933 und Januar 1936 den Rang eines Ober-Truppführers innehaben sollte. Seiner hierin zum Ausdruck kommenden Nähe zum Nationalsozialismus verdankte Pönisch auch seine Ernennung zum Landrat. Nachdem ihn der Gauleiter von Hessen-Nassau im Juli 1933 beim preußischen Innenministerium für die Besetzung der Landratsstelle in Biedenkopf vorgeschlagen hatte,4 übernahm Pönisch zum 1. Oktober 1933 die Verwaltung des wiederhergestellten Kreises Biedenkopf. Die Ernennung zum Landrat stellte für Pönisch, der sich am 7. Juli 1932 mit der Kaufmannstochter Martha Köhler vermählt hatte, einen sozialen und ökonomischen Aufstieg dar. Bislang hatte er auf Kosten seiner Schwiegereltern leben müssen, da seine berufliche Existenz als Anwalt in Windecken nicht zur selbstständigen Lebensführung ausreichte.5
Charakteristisch für Pönischs Amtszeit ist, dass er sich als dezidiert nationalsozialistischer Landrat verstand. Noch vor seinem Amtsantritt hatte er im September 1933 in einem Interview mit dem Hinterländer Anzeiger erklärt: Ich will und werde als Landrat nicht nur der Beamte sein, sondern ich werde als SA-Mann auch meine Pflicht tun.6 Tatsächlich erschien er bei seiner offiziellen Amtseinführung im Sitzungssaal des Kreishauses in Biedenkopf am 2. Oktober 1933 in einer SA-Uniform und gelobte: Ich werde dem obersten Führer immer gehorchen und bekenne das schon damit, daß ich sein braunes Kleid trage, dem ich mich stets würdig erweisen werde. Ich hoffe, mir das Vertrauen der Bevölkerung zu erwerben und erwarte von meinen Beamten, daß Sie mit mir arbeiten im Sinne des Führers.7
Obwohl die Quellenüberlieferung zu seiner Amtszeit aufgrund des Verlusts zahlreicher Akten spärlich ist, sind einige Dokumente erhalten geblieben, die von Pönischs Beteiligung an der Umsetzung der nationalsozialistischen Unrechts-, Repressions- und Gewaltpolitik zeugen.8 So existieren etwa mehrere Schutzhaftbefehle, die Pönischs persönliche Unterschrift tragen.9 Zwar reagierte er darin in der Regel auf vorausgegangene Ersuchen der Kreisleitung, aber eine Verpflichtung diesen nachzukommen, bestand nicht. Vielmehr lag die Entscheidung allein bei Pönisch in seiner Eigenschaft als Landrat. Dokumentiert ist unter anderem auch, dass Pönisch mit vier SA-Führern sowie einem SD-Führer am 11. September 1935 an einem Strafverfahren des Schöffengerichts Marburg gegen einige Personen, die wegen des Gladenbacher Pogroms im August/September 1935 angeklagt waren, teilnahm – offenkundig mit der Absicht, das Gericht sowie die Zeugen und Angeklagten durch seine Präsenz unter Druck zu setzen.10 Überhaupt war der Landkreis Biedenkopf unter Pönischs bis 1937 währender Amtszeit auf bestem Wege sich zu einem „judenfreien“ Bezirk zu entwickeln.
Pönischs Amtszeit als Landrat des Kreises Biedenkopf war von anhaltenden Spannungen mit dem langjährigen Kreisleiter Wilhelm Thiele geprägt.11 Der latent vorhandene strukturelle Gegensatz zwischen Landrat und Kreisleiter wurde hier zusätzlich durch eine Reihe individueller Faktoren verschärft.12 Dazu gehörte die charakterliche Nichtverträglichkeit der beiden Protagonisten, der Suprematieanspruch von Kreisleiter Thiele, der seinen Ausdruck in sachlichen und personellen Einmischungen in das Geschäft der Kreisverwaltung fand, das Alter und die Unerfahrenheit Pönischs sowie eine spezifische Ämter-Konstellation, in welcher Pönisch als Parteimitglied dem Kreisleiter in der Parteihierarchie zwar untergeordnet, als Landrat dem Bürgermeister Thiele in der Verwaltungshierarchie jedoch übergeordnet war. Das endgültige Zerwürfnis brachte dann die Anprangerung von vier Beamten, darunter zwei Bediensteten der Kreisverwaltung, von Seiten der Partei, die Pönisch in seiner Eigenschaft als Landrat im Kreisblatt zurückwies.13 Auf Druck von Gauleiter Sprenger wurde Pönisch daraufhin im April 1937 in den einstweiligen Ruhestand versetzt.14
Die einstweilige Versetzung in den Ruhestand markierte allerdings keineswegs das Ende von Pönischs Karriere. Bereits am 6. November 1937 wurde er als Justiziar zur Regierung in Breslau versetzt und nach der Annexion des Sudetenlands am 2. Oktober 1938 in den neu gebildeten Kreis Friedland entsandt, wo er das dortige Amt des Landrats übernahm. Seit Juli 1937 gehörte er außerdem der SS an (Mitglieds-Nr. 310.165), in der er es bis zum Hauptsturmführer brachte und war ab 1940 ehrenamtlicher Außenstellenleiter des SD-Leitabschnitts Reichenberg.15 In einem SD-Personalbericht vom 15. Dezember 1938 wurde Pönisch als guter Nationalsozialist mit besonderer tiefer weltanschaulicher Ausrichtung bezeichnet. In Sachen Willenskraft und persönlicher Härte hielt der Bericht jedoch nicht ganz unkritisch fest, dass er bei gutem Willen mitunter nachgiebig sei.16
Am 1. September 1942 zur Wehrmacht eingezogen, wo er ab dem 3. Januar 1943 an der Ostfront eingesetzt war, geriet Pönisch auf dem italienischen Kriegsschauplatz 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft.17 Nach seiner Entlassung wurde er durch die Spruchkammer Main-Taunus am 16. Januar 1948 in die Belastungskategorie IV („Mitläufer“) eingestuft – ein Urteil, das auf vorsätzlichen Falschangaben auf seinem Meldebogen beruhte und zu einer Wiederaufnahme seines Entnazifizierungsverfahrens vor der Zentralspruch- und Berufungskammer in Frankfurt am Main im Jahr 1953 führte.18 Weil nach dortiger Ansicht die Voraussetzung für eine Einstufung Pönischs in die Belastungskategorien I oder II nach § 3 des „Gesetzes über den Abschluss der politischen Befreiung in Hessen“ vom 30. November 1949 nicht gegeben waren, wurde das Verfahren schließlich eingestellt.19
In den Staatsdienst kehrte Pönisch nach 1945 nicht zurück. Er ließ sich als Rechtsanwalt in Mühlheim am Main nieder und publizierte als Hobbyhistoriker zur Lokalgeschichte. Er starb am 17. Mai 1981.
Marcel Spannenberger

Nachweise

Fußnoten

  1. Marcel Spannenberger, Das Führungspersonal der Landratsämter Marburg und Biedenkopf in der NS-Zeit, Marburg 2022.
  2. Zur Kriegsjugendgeneration siehe Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903–1989, Bonn 1996, S. 42-45.
  3. BArch [Bundesarchiv] Berlin R 9361-IX KARTEI / 32760538.
  4. GStA PK [Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz], I. HA Rep. 77 Ministerium des Innern Nr. 5635, NSDAP-Gauleitung Hessen-Nassau an das Preußische Ministerium des Innern (gez. Sprenger), 31.7.1933, Bl. 277.
  5. Ebd., Bewerbungsschreiben von Alfred Pönisch um die Stellung des Landrats in Biedenkopf, 28.7.1933, Bl. 278 f.; Thomas Klein, Leitende Beamte der allgemeinen Verwaltung in der preußischen Provinz Hessen-Nassau und in Waldeck, 1867–1945, Darmstadt / Marburg 1988, S. 75.
  6. Der neue Landrat des Kreises Biedenkopf, in: Hinterländer Anzeiger, 14.9.1933.
  7. Offizielle Amtseinführung des Landrats Pönisch durch den Regierungspräsidenten im Kreishaus Biedenkopf, in: Hinterländer Anzeiger, 3.10.1933.
  8. Siehe dazu Spannenberger, Führungspersonal, S. 96-103.
  9. Siehe dazu HStAM, Best. 180 Biedenkopf, Nr. 5281, 5282, 5284.
  10. Siehe dazu Harald Maier-Metz, Gladenbach, in: Friedrich, Klaus-Peter (Hrsg.), Von der Ausgrenzung zur Deportation in Marburg und im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Neue Beiträge zur Verfolgung und Ermordung von Juden und Sinti im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch, Marburg 2017, S. 74-109, hier S. 96 f.
  11. Siehe dazu Spannenberger, Führungspersonal, S. 103-110.
  12. Zum Verhältnis von Landräten und Kreisleitern siehe Wolfgang Stelbrink, Der preußische Landrat im Nationalsozialismus. Studien zur nationalsozialistischen Personal- und Verwaltungspolitik auf Landkreisebene, Münster 1998, S. 366-390.
  13. Amtliche Bekanntmachung (gez. Pönisch), in: Hinterländer Anzeiger, 23.12.1936.
  14. GStA PK, I. HA Rep. 77 Ministerium des Innern Nr. 5635, Versetzungsanordnung, 8.4.1937 (gez. Hitler), Bl. 310.
  15. Siehe dazu BArch Berlin R 9361-III / 547990.
  16. BArch Berlin R 9361-III / 547990, SD-Personalbericht über Alfred Pönisch, 15.12.1938, Bl. 105 f.
  17. HHStAW, Abt. 520/11, Nr. 12628/2, Alfred Pönisch an die Zentralspruch- und Berufungskammer in Frankfurt am Main, 10.6.1953.
  18. HHStAW, Abt. 520/11, Nr. 12628/1, Meldebogen von Alfred Pönisch, 17.4.1946; ebd., Nr. 12628/2, Der öffentlichen Kläger bei der Zentralspruch- und Berufungskammer in Frankfurt am Main. – Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Alfred Pönisch, 23.3.1953; Ebd., Beschluss der Zentralspruch- und Berufungskammer in Frankfurt am Main im Verfahren gegen Alfred Pönisch, 12.5.1953.
  19. Ebd., Beschluss der Zentralspruch- und Berufungskammer in Frankfurt am Main im Verfahren gegen Alfred Pönisch, 12.6.1953.

Quellen

Literatur

Siehe auch

Extern

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Metadaten: Hessisches Institut für Landesgeschichte, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Pönisch, Alfred* Karl Emil“, in: Hessische Biografie <https://lagis.hessen.de/de/personen/hessische-biografie/alle-eintraege/13232_poenisch-alfred-karl-emil> (aufgerufen am 16.04.2026)

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