Johannes Motz 1611, Witzenhausen
Standort
Gebäude / Areal
Witzenhausen, Evangelische Stadtkirche
Angaben zum Standort
Im südlichen Seitenschiff an der Südwand des Turmes.
Heutiger Aufbewahrungsort
Merkmale
Datierung
1611
Typ
Erhaltung
erhalten
Größe
100 x 150 cm (B x H)
Größe der Buchstaben
(A) ca. 5, (C) ca. 3,5 cm
Beschreibung
Epitaph für Johannes Motz. Hochrechteckige Holztafel. Die Bekrönung der Tafel trägt in der Mitte ein kreisförmiges blaues Feld mit dem hebräischen Gottesnamen (Inschrift A). Tafel mit umlaufendem Randfeld, ca. 10 cm breit; oben im Randfeld Inschrift B, unten im Randfeld Inschrift D; Ornamente in den Ecken des Randfeldes und an den Seitenmitten (Beschlagwerk), das Randfeld umgibt ein Innenfeld mit Inschrift C, Schrift und Ornamente goldfarben gemalt. Als Worttrenner Quadrangel mit Schrägrechtsstrichen (B), ebensolche und Kommata sowie Doppelpunkte zur Vers- und unregelmäßig gehandhabten Sinngliederung (C).Tafel mit Inschrift.
Auf den ersten Blick scheinen die Inschriften zeitgenössische Formen wiederzugeben, obwohl die unterschiedlichen Textmengen zur Drängung der ohnehin schon schlanken Buchstaben zwangen. Linksschrägen- und Bogenverstärkung sowie ausgeprägte Sporen lassen den Eindruck einer Kapitalis der Spätrenaissance zu. Im Großen und Ganzen wird man die
Buchstabentypen akzeptieren können, gerade auch das offene D und das M mit stark schräggestellten Außenschäften und dem kurzen Mittelteil. Die Cauda des R ist wegen der engen
Buchstabenstellung stark nach unten geschwungen, Sporen an den Balken- und Bogenenden oben fast ausnahmslos linksschräg, unten rechtsschräg ausgerichtet, die des T symmetrisch (wegen der häufigen Nähe zu A, O und R), nur eben gegen die Interessen der Anpassung nicht im ersten Wort. In einer gemalten Schrift sollte man regelmäßigere Gewichtung der S-Bögen erwarten und vor allem auch eine gleichmäßigere Verstärkung des Übergangs zwischen den Bögen. Überarbeitung verrät auch die senkrecht-gerade Innenkontur der O-Bögen, insbesondere in den Worten BELLOPHORONTIS (Z. 4), EDOCTO (Z. 6), MARITO (Z. 19). Eher handschriftlichen Usancen entspricht die Kennung weniger kurzer Vokale (EXSTRVCTA, O) durch hier den Trennern vergleichbare Zeichen.
Abkürzungen gibt es nur in Zeile 25 (Doppelpunkte). Mit Karl Heinrich Schäfer6) lese ich in dieser Zeile, die nicht ins Metrum passt: DIST(ICHON) ANNVM, MENS(EM) ET DIEM OBIT(VS) DENOT(ANS) = Ein Distichon, das Jahr, Monat und Tag des Todes angibt. Ich sehe darin einen Hinweis auf das letzte Distichon, der notwendig ist, damit man nach dem Todesjahr sucht: Dieses versteckt sich in den Buchstaben, die ja zum Teil als römische Zahlen aufzufassen sind, hier aber entgegen zeitgenössischem Brauch optisch nicht hervorgehoben wurden. Die beiden Verse sind ein Chronodistichon mit einem M = 1000, vier C = 400, drei L = 150, zwei X = 20, sechs V = 30 und elf I =11, zusammen 1611.
Geschlecht, Alter, Familienstand
Dargestellte Personen
Johannes Motz, *ca. 1566, war Sohn des Schultheißen Hans Motz (s. Kat.-Nr. 94) und Bürgermeister in Witzenhausen. Er war verheiratet mit Elisabeth geb. Gudenus und hatte mit ihr 5 Kinder.7)
Im Epitaph sind die für Inschriften auf Bürgermeister typischen Merkmale anzutreffen.8) Das Amt wird ausdrücklich genannt. Es steht im Vordergrund samt allem, was den Träger qualifizierte: Bildung, Klugheit und persönliche Reife und – alles überwiegend und das mittlere Drittel, nämlich 8 von 24 Versen füllend – Frömmigkeit. Hinzu kommt etwas Besonderes, das gerade diesen Bürgermeister auszeichnet: seine Zugehörigkeit zur hochangesehenen, in öffentlichen Ämtern bewährten Familie Motz. Das ist der eines Bürgermeisters würdige Name, den er trägt. Familiäres und Privates bleiben nicht unerwähnt, treten aber in den Hintergrund. Einer Erläuterung bedürftig scheint Vers 18: dies sine nube ist ein wolkenloser Tag, also non sine nube dies ein nicht ungetrübter Tag. Davon nur wenige erlebt zu haben, rechtfertigt kein schmerzerfülltes heu. Also wird non – und das ist wohl gegen den Sprachgebrauch – zu paucas zu ziehen sein, denn es mag als schmerzlich erscheinen, aus einem Leben von „nicht wenigen glücklichen Tagen“ gerissen zu werden.
Inschrift
Umschrift
A4 י ְהו ָה
B D(EO) · T(ER) · O(PTIMO) · M(AXIMO) · S(ACRVM)5 ·
C CONDITVS EXTRVCTA IACET HIC SVB MOLE IOANNES
MOTZIVS, EGREGIVM QVI DECVS VRBIS ERAT ·
PALLADIAS PRIMVM IVVENIS TRACTAVERAT ARTES ·
HAVSERAT ET DVLCES BELLEROPHONTIS1) AQVAS ·
5 POST VBI SVCCESSIT VITA⌣EMATVRIOR AETAS,
NON MINVS EDOCTO CREVERAT INGENIO ·
HVIVS HONORATVS DIREXIT CONSVL HABENAS
VRBIS, ET O DIGNVM CONSVLE NOM⌣EN HABENS :
TEMNERE QVI MVNDVM, STVDVIT QVI VIVERE CAH⌣RISTO,
10 SOEPIVS HOS ITERANS PECTORE ET ORE SONOS :
VITA HOMINVM MORS EST MVNDI SVBIECTA TENEBRIS
CVMQVE DOLORE LABOR, CVMQVE LABORE DOLOR
SED MORS SANCTORVM VITA EST, LA⌣ETISSIMA VITA,
CVMQVE QVIETE DECOR, CVMQVE DECORE QVIES ·
15 CHRISTVS VITA MIHI EST, MORS LVCRVM2), VIVERE TOTVS
VT CH⌣RISTO POSSIM, DVLCITER OPTO MORI ·
VIX TRIA LVSTRA SIMVL TER DENOS VIXERAT ANNOS,
VIXERAT HEV PAVCAS NON SINE NVBE DIES ·
ILLI REDDIDERAT CVM PIGNORA QVINQVE MARITO
20 LEGITIMI CONSORS ELISABETHA THORI
POST VARTOS8 CASVS, POST TOT DISCRIMINA VITA⌣E3)
IN DOMINO PLACIDA MORTE SOLVTVS OBIT ·
IN COELO PATRIAM QVA⌣ERENS, VBI DVLCIA TEMPE4)
ELISIA⌣EQVE VIDET REGNA BEATA PLAGA⌣E
25 DIST(ICHON) ANNVM MENS(EM) ET DIEM OBIT(VS) DENO-
T(ANS) :
TERTIVS APRILIS VIX LVXERAT ECCE IOANNES
MOTZIVS IN CHBISTO11 H[INC]12 SOLVITVR, ASTRA PETIT
D 1 6 1 1 ·
Übersetzung
(B) Gott, dem dreimal besten und größten, geweiht.
(C) Beerdigt liegt hier unter dem errichteten Bau/Grabstein Johannes Motz, der eine hervorragende Zierde der Stadt war. Als junger Mann hatte er sich zuerst mit den Künsten der (Göttin) Pallas beschäftigt, auch hatte er von den süßen Wassern des Bellerophon getrunken. Später, als das reifere Lebensalter folgte, hatte er nicht weniger an hochgebildetem Geist zugenommen. Als Bürgermeister geehrt und oh! eines Bürgermeisters würdigen Namen tragend lenkte er die Zügel dieser Stadt. Er bemühte sich, die Welt gering zu schätzen (und) für Christus zu leben, indem er häufiger folgende Worte mit Herz und Mund wiederholte: „Das Leben der Menschen ist ein Tod, da es dem Dunkel der Welt unterworfen ist, eine Mühsal mit Schmerz, ein Schmerz mit Mühsal. Aber der Tod der Frommen bedeutet Leben, ein höchst erfreuliches Leben, ein Glanz mit Ruhe, eine Ruhe mit Glanz. Christus ist mir Leben, Sterben Gewinn; um ganz Christus leben zu können, wünsche ich mir, sanft zu sterben.“ Kaum drei Lustren (dreimal fünf Jahre) und zugleich dreimal zehn (= 45) Jahre hatte er gelebt, hatte ach! nur wenige Tage mit Wolken5) gelebt. Als ihm, dem Gatten, Elisabeth, Gefährtin in gesetzlicher Ehe, fünf Kinder (Unterpfänder der Liebe) geschenkt hatte, nach verschiedenen Schicksalsschlägen, nach so vielen Gefahren für sein Leben starb er im Herrn, erlöst durch einen sanften Tod, im Himmel eine Heimat suchend, wo er das beglückende Tempe und die gesegneten Gefilde des elysischen Reiches sieht.
Ein Distichon, das Jahr, Monat und Tag des Todes angibt:
Kaum war der 3. April erschienen, siehe, da wird Johannes Motz in Christus von hier erlöst (und) steigt zum Himmel auf.
Kommentar
13 elegische Distichen, das letzte ein Chronodistichon (C).
Schrift
Nachweise
Fußnoten
- Schäfers Ansicht zitiert Eckhardt, Familien 159/1911 unter dem Buchstaben D. ↑
- Ausführlich zu Johannes Motz schreiben Credé 205 und Eckhardt, Familien 159/1911 unter dem Buchstaben D. Das Epitaph erscheint bei Eckhardt in Abschrift (mit offensichtlichen Lesefehlern, die eine Diskussion nicht lohnen) und mit Übersetzung, für die er auf Karl Heinrich Schäfer verweist. Credé zitiert den Text aus Eckhardt, die Übersetzung hat er überarbeitet. ↑
- Vgl. Giersiepen 176 f. ↑
Bearbeitung
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Quellen und Materialien
Nachnutzung
Rechtehinweise
Erschließung: Die Rechte liegen bei den Urhebern, vgl. die Angaben im Abschnitt „Bearbeitung“
Abbildung(en): siehe die Angaben beim jeweiligen Digitalisat
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Johannes Motz 1611, Witzenhausen“, in: Grabdenkmäler <https://lagis.hessen.de/de/personen/grabdenkmaeler/alle-eintraege/558_johannes-motz-1611-witzenhausen> (aufgerufen am 02.11.2026)
Kurzform der URL für Druckwerke
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