Priester Hartwin 10. Jahrhundert, Hersfeld

Abb. 7: Priester Hartwin 10. Jahrhundert, Hersfeld – Nr. 13
Merkmale
Datierung
10. Jahrhundert
Typ
Material
Erhaltung
erhalten
Größe
31 x 20 cm (B x H)
Größe der Buchstaben
4 cm
Beschreibung
Memorienstein des Priesters Hartwin. Der Quader aus rotem Sandstein ist in Zweitverwendung in der Nordwand des Langchors außen im dritten Entlastungsbogen von Osten vermauert. Sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite des Steins sind Stücke abgebrochen, so daß der in zwei Zeilen angeordnete Text unvollständig ist. Als Worttrenner dienen Dreiecke.
Das A trägt eine Art Dreieckssporn an der Spitze, der sich aus einem Problem bei der Winkelbildung ergibt. Der Mittelbalken ist gebrochen. Der Schrägschaft des N ist eingezogen, das fast kreisrunde O zeigt noch Ansätze von Schattenachsen, und die Bögen von P und R sind geschlossen. Das R trägt eine leicht gebogene Cauda, und das S wurde als retrogrades Z gebildet. Die Form des A, das N mit eingezogenem Schrägschaft sowie das umgekehrt Z-förmige S lassen sich im 9. Jahrhundert nicht nachweisen.1) Bramm datierte den Stein noch ins Ende des 8. Jahrhunderts und verwies dabei besonders auf das umgekehrt Z-förmige S und dessen Verwendung in Handschriften des 8. Jahrhunderts wie dem um 780 geschriebenen Evangeliar aus Flavigny.2) Dieser Hinweis führt jedoch in die Irre, da das Evangeliar von Flavigny ebenso wie viele andere Handschriften dieser Zeit3) eine von insularen Schreibgewohnheiten beeinflußte Mischmajuskel aufweist, die nicht mit der Kapitalis der Hersfelder Inschriften vergleichbar ist, da es sich hier um zwei verschiedene Schriftebenen handelt.4) In den vor dem 9. Jahrhundert entstandenen Inschriften läßt sich das umgekehrt Z-förmige S in Deutschland nur sehr selten belegen, so etwa in zwei Trierer Inschriften aus dem 8. Jahrhundert, deren Buchstabenformen im übrigen aber nicht mit denen der Hersfelder Inschrift vergleichbar sind.5) Die übrigen Formen wie A mit einer leichten Ausziehung der Spitze nach oben und gebrochenem Mittelbalken, N mit eingezogenem Schrägschaft und R mit gebogener Cauda lassen sich zwar durchaus in frühchristlichen und vorkarolingischen Inschriften belegen, doch zeigen die entsprechenden Inschriften insgesamt einen Schriftduktus, der sich deutlich von dem der Hersfelder Inschriften unterscheidet.6) Zudem sind die zuvor genannten Buchstabenformen einschließlich des umgekehrt Z-förmigen S auch noch in Inschriften des 10. und 11. Jahrhunderts vorhanden.7) Allein anhand der Paläographie läßt sich die Datierungsfrage kaum entscheiden. Betrachtet man jedoch zusätzlich die regelmäßige Verwendung von Worttrennern und das Formular, so weisen alle Faktoren auf eine Entstehung im 10. Jahrhundert hin.8)
Geschlecht, Alter, Familienstand
Stand
Inschrift
Umschrift
XIII K(A)L(ENDAS) ◦ SEP(TEMBRIS) ◦ OBI[IT] / [H]ARTVVIN9 ◦ S(A)C[(ERD)O(S)]
Übersetzung
Am 13. Tag vor den Kalenden des September (20. August) starb [H]artwin, Priester.
Schrift
Nachweise
Fußnoten
- Zur Entwicklung der karolingischen Inschriften vgl. DI 38 (Bergstraße) S. XXXIX–XLI u. Nrr. 1–5; Scholz, Karolingische Buchstaben 103–123; Scholz, Karolingische Inschrift 142–153. ↑
- Bramm 63; zu dem Evangeliar vgl. Karl der Große Nr. 439, Abb. 67. Außerdem verwies Bramm 64 für die Frühdatierung wiederum auf Schenkungsurkunden für die Klöster Fulda und Hersfeld aus dem Ende des 8. und dem Anfang des 9. Jahrhunderts, in denen ein Hartuuin als Zeuge erscheint, den Bramm mit dem in der Inschrift genannten Priester gleichsetzt, vgl. Urkundenbuch Fulda 280, Nr. 185; 288, Nr. 190; 404, Nr. 278; Urkundenbuch Hersfeld 49, Nr. 28. Da der Name wie schon im Falle Egilhelms (Nr. 4) ohne nähere Kennzeichnung mitten in den Zeugenlisten steht, gelten auch hier die dort angeführten Einwände. ↑
- Vgl. etwa Würzburg, Universitätsbibliothek, M.p.th.f. 69 (Würzburg, Ende 8. Jh.) und Oxford, Bodleian Library, Laud. lat. 108 (Würzburg, Anfang 9. Jh.) bei Weiner, Initialornamentik 188f. mit Taf. 63f. und 156f. mit Taf. 115 und 117. ↑
- Zur besonderen Bedeutung der Kapitalis innerhalb der Hierarchie der Buchstabenformen vgl. McKitterick, Text and Image 301–304. ↑
- DI 70 (Trier I) Nr. 22 mit Abb. 20 und Nr. 23 mit Abb. 21. ↑
- Vgl. etwa Kloos, Einführung 116; DI 70 (Trier I) Nr. 4 mit Abb. 5; Nr. 7 mit Abb. 8; Nr. 10 mit Abb. 9; Nr. 11 mit Abb. 9; Nr. 12 mit Abb. 11; Nr. 16 mit Abb. 14. ↑
- Deschamps, Études sur la paléographie 65ff., der vor allem Beispiele aus Südwestfrankreich anführt; Nisters-Weisbecker, Grabsteine Nrr. 109, 114, 120; Kloos, Einführung 124; DI 31 (Aachen Dom) Nr. 17 mit Abb. 9; DI 50 (Bonn) Nr. 4 mit Abb. 3, Nr. 7 mit Abb. 8, Nr. 11 mit Abb. 11–13. ↑
- Vgl. dazu ausführlich bei Nr. 4. ↑
Literatur
- Bramm, O., HARTVVIN … NIAS. Zwei neuentdeckte Steininschriften im Gemäuer unserer Stiftsruine vom Beginn des neunten Jahrhunderts, in: HJH 1957, 14–17, hier S. 14 mit Abb.
- May, F., Hersfelder Inschriften. Spiegel der Jahrhunderte, in: HJH 1965, 23–34, hier S. 24.
- Bramm, O., Ein neuer Inschriftenstein im Gemäuer der Stiftsruine zu Bad Hersfeld, in: Hess. Heimat 20 (1970), S. 62–64, hier S. 63.
- Scholz, S., Bedeutung und Möglichkeiten der Inschriftenpaläographie am Beispiel Hersfelder Inschriften, in: Archiv f. Diplomatik 59 (2013), S. 534–554, hier S. 542 m. Abb. 4.
Bearbeitung
Siehe auch
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Nachnutzung
Rechtehinweise
Erschließung: Die Rechte liegen bei den Urhebern, vgl. die Angaben im Abschnitt „Bearbeitung“
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Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Priester Hartwin 10. Jahrhundert, Hersfeld“, in: Grabdenkmäler <https://lagis.hessen.de/de/personen/grabdenkmaeler/alle-eintraege/2242_priester-hartwin-10-jahrhundert-hersfeld> (aufgerufen am 01.11.2026)
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