Marburg, Landesheil- und Pflegeanstalt

Das ehemalige Kriegsgefangenenlager der Landesheilanstalt, um 1960er
Nutzungsgeschichte
Objektbeschreibung
Die Anstaltsanlage wurde im Pavillonstil konzipiert. Ab dem 15.8.1872 entstanden auf dem Gelände der späteren Landesheil- und Pflegeanstalt zehn Stationshäuser, die symmetrisch angeordnet waren und Platz für etwa 300 Patientinnen und Patienten boten. Des Weiteren errichtete man ein Verwaltungsgebäude, ein Festsaal mit Küche, mehrere Einzelhäuser, mehrere Versorgungsgebäude und ein Waschhaus. Die Anstalt verfügte ab 1876 über einen eigenen Gutshof. Die verbindende Parkanlage war im Kolonialstil angelegt und verband das Gelände mit dem im Osten angrenzenden Buchenwald. Ab den 1920er Jahren erfolgten umfangreiche Umbau- und Sanierungsarbeiten, dessen Ergebnis 1937 acht Männer- und sieben Frauenhäuser waren, die jeweils im Souterrain Werkstätten für Beschäftigungstherapie aufwiesen und von Gartenanlagen umgeben waren. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche zur Versorgung der Einrichtung vervierfachte sich zwischen 1933 und 1937.
Bemerkungen
Die Landesheil- und Pflegeanstalt Marburg verfügte in den 1930er Jahren über 600 Betten. Die Belegungskapazitäten wurden Mitte des Jahrzehnts ausgereizt. 1934 waren 582 Betten belegt, in 1935 waren 591 Betten belegt und 1936 waren 587 Betten belegt. Frauen- und Männerseite der Einrichtung wurden von jeweils zwei Ärzten und dem ärztlichen Direktor versorgt. Anfang 1934 erfolgten die ersten Zwangssterilisationen an Anstaltspatientinnen und Anstaltspatienten. Die Eingriffe wurden bei den Frauen in der Marburger Universitäts-Frauenklinik und bei den Männern in der Marburger Chirurgischen Universitätsklinik vorgenommen. Auswirkungen der Sparmaßnahmen des Regierungsbezirks lassen sich bereits dem Jahresbericht 1936 ablesen. Den abnehmenden allgemeinen Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten, die Zunahme an Tuberkuloseerkrankungen und die Erhöhung der allgemeinen Sterblichkeitsrate kann man zum Teil auch als Resultat des gravierenden Ernährungsmangels werten. Sterbefälle und Sterberate in der LHA Marburg zwischen 1935 und 1942, zitiert nach: Lilienthal, Die Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen:
| Jahr | Sterbefälle | Sterberate bezogen auf Durchschnittsbelegung |
|---|---|---|
| 1935 | 75 | 7,1 % |
| 1936 | 76 | 7,7 % |
| 1937 | 101 | 9,3 % |
| 1938 | 87 | 7,6 % |
| 1939 | 112 | 10,2 % |
| 1940 | 109 | 11,0 % |
| 1941 | - | - |
| 1942 | 100 | 17,8 % |
Adresse in der NS-Zeit
Cappeler Straße 98
Heutige Adresse
Cappeler Straße 98
Nutzungsanfang (früheste Erwähnung)
1933
Nutzungsende (späteste Erwähnung)
1945
Weitere Nutzungen der Liegenschaft
Indizes
Orte
Sachbegriffe
Nachweise
Literatur
- Brinkmann-Frisch, Das Kriegsgefangenenkommando der Dynamit AG Allendorf in der Landesheilanstalt Marburg (1940-1942), in: Sandner; Aumüller; Vanja, (Hrsg.), Heilbar und nützlich. Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg, Marburg 2001, S. 315-320.
- Form, Einsatz und Behandlung von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen in der Landesheilanstalt Marburg, in: Sandner; Aumüller; Vanja, (Hrsg.), Heilbar und nützlich. Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg, Marburg 2001, S. 321-326.
- Grundmann, Vom Kaiserreich über die Weimarer Zeit bis zum Nationalsozialismus: Die Landesheilanstalt zur Zeit von Prof. Dr. Jahrmärker (1914-1937), in: Sandner; Aumüller; Vanja, (Hrsg.), Heilbar und nützlich. Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg, Marburg 2001, S. 247-275.
- Klee, „Euthanasie“ im Dritten Reich, Frankfurt a. M. 2018.
- Krause-Schmitt, Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945, Bd. 2, S. 157.
- Lilienthal, Die Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen, in: Sandner; Aumüller; Vanja, (Hrsg.), Heilbar und nützlich. Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg, Marburg 2001, S. 276-304.
- Müller, Militärpsychiatrie im Zweiten Weltkrieg. Die Reservelazarette III und IV in der Landesheilanstalt, in: Sandner; Aumüller; Vanja, (Hrsg.), Heilbar und nützlich. Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg, Marburg 2001, S. 305-314.
- Roth, Die Pflegerinnen der hessischen Landesheilanstalten in der Zeit des Nationalsozialismus, Kassel 2022.
- Sandner, Eine preußische Gründung. Die Entstehung der „Irrenheilanstalt Marburg“ im Spannungsfeld von Staatsinteressen und Selbstverwaltungsbestrebungen (1866-1876), in: Sandner; Aumüller; Vanja, (Hrsg.), Heilbar und nützlich. Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg, Marburg 2001, S. 40-65.
- Schmuck-Schätzel, „Euthanasie“ in der kirchlichen Publizistik – nach 1945: eine Untersuchung von kirchlichen Publikationen zu den „Euthanasie“-Verbrechen in Württemberg und Hessen, S. 139.
- Topp Konzeptgeschichten. Zur Marburger Psychiatrie im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2019.
Weblinks
Siehe auch
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Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Marburg, Landesheil- und Pflegeanstalt“, in: Topografie des Nationalsozialismus in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/orte/topografie-des-nationalsozialismus-in-hessen/alle-eintraege/90_marburg-landesheil-und-pflegeanstalt> (aufgerufen am 03.11.2026)
Kurzform der URL für Druckwerke
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