Idstein, „Kinderfachabteilung“, Heilerziehungsanstalt „Kalmenhof“

Gemeinde
Idstein
Kategorie
Verfolgung
Subkategorie
Euthanasie

Nutzungsgeschichte

Objektbeschreibung

Die "Kinderfachabteilung" befand sich im Dachgeschoss des Krankenhauses.

Beschreibung

Die „Kinderfachabteilung“ des Kalmenhofs in Idstein war ein zentraler Tatort der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen, bei denen systematisch Kinder und Jugendliche ermordet wurden. Ab Anfang 1941 diente der Kalmenhof zunächst im Rahmen der „Aktion T4“ als „Zwischenanstalt“, was den Verantwortlichen vor Ort mehr Handlungsspielraum verschaffte. Ende 1941 wurde dann im Dachgeschoss des Krankenhauses eine „Kinderfachabteilung“ eingerichtet, eine von 31 ähnlichen Einrichtungen im Deutschen Reich, die zwischen 1940 und 1945 in Heil- und Pflegeanstalten errichtet wurden, um im Rahmen des NS-„Euthanasie“-Programms gezielt Kinder zu töten. Der Kalmenhof war ein Ort der sogenannten „Kindereuthanasie“, die durch den „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ organisiert wurde. Dieser Ausschuss, unterstützt durch das Reichsministerium des Innern, war für die Auswahl und Erfassung möglicher Opfer verantwortlich. Neben den Kindern, die direkt durch den „Reichsausschuss“ ausgewählt wurden („Reichsausschusskinder“), befanden sich im Kalmenhof auch Kinder und Jugendliche, die von Fürsorge- und Jugendämtern eingewiesen wurden, darunter Kinder aus ärmlichen Verhältnissen und politisch verfolgten Familien. Letztere hatten mitunter bessere Überlebenschancen, insbesondere wenn sie über ein Landesaufnahmeheim in den Kalmenhof kamen, im Gegensatz zu denen, die in größeren Transporten aus anderen Anstalten oder direkt durch den „Reichsausschuss“ nach Idstein gebracht wurden. Viele der betroffenen Kinder starben durch Überdosierungen von Medikamenten, die ihnen in Form von Injektionen oder in aufgelöster Tablettenform verabreicht wurden. Die Verabreichung erfolgte entweder in der Ambulanz im Erdgeschoss oder direkt in den Krankenzimmern. In Vorbereitung der Tötungen wurde den Kindern häufig Nahrung entzogen, was teilweise bereits zu ihrem Tod führte. In manchen Fällen überlebten die Kinder noch einige Tage nach der Medikamentengabe. Das Dachgeschoss des Kalmenhofs war oft überbelegt und bot Platz für 8-10 Betten. Schrittweise wurde die Altersgrenze der Opfer angehoben, sodass auch Jugendliche ermordet wurden. Die systematischen Morde im Kalmenhof folgten ähnlichen Mustern wie in der „Aktion T4“, bei der Erwachsene in „Zwischenanstalten“ gesammelt und anschließend ermordet wurden. Ab 1943 diente der Kalmenhof vermehrt als Tötungsstätte für Kinder, die aus den Anstalten Scheuern, Goddelau, Hamburg und Bonn dorthin transportiert wurden. Die Selektion dieser Kinder folgte unterschiedlichen Kriterien: In Scheuern und Bonn erfolgte die Auswahl aufgrund medizinischer Kriterien, ohne direkte Anweisungen aus Berlin. In Goddelau und Hamburg dagegen wurden Kinder oft im Zuge von Überlegungen zur Entlastung der durch den Krieg belasteten Gesellschaft selektiert. Die Kinder wurden nach ihrer Verlegung zügig getötet, entweder durch Verwahrlosung, Nahrungsentzug oder die Verabreichung von Medikamenten. Die genaue Zahl der im Kalmenhof ermordeten Kinder ist nicht bekannt, doch landesweit fielen den „Kinderfachabteilungen“ mehr als 5.000 Kinder und Jugendliche zum Opfer. Die toten Kinder wurden von den Totengräbern des Kalmenhofs zur Leichenhalle gebracht und meist bei Dämmerung oder nachts beerdigt. Die Anstaltsärztin Mathilde Weber und andere Mitarbeiter, darunter die Oberpflegerin Maria Müller, waren aktiv an den Tötungen beteiligt. Weber und Müller verabreichten die tödlichen Spritzen und spielten auch eine zentrale Rolle bei der gezielten Nahrungsverweigerung. Obwohl die „Kinderfachabteilung“ formell dem „Reichsausschuss“ unterstand, traf das Personal vor Ort die Entscheidungen über Leben und Tod der Kinder eigenständig. Webers Ehemann, der als Arzt im Wehrmachtslazarett eine Etage tiefer tätig war, war in die Vorgänge eingeweiht. Für ihre Beteiligung an den Morden erhielten die Mitarbeiter besondere Boni und Gratifikationen.

Nutzungsanfang (früheste Erwähnung)

1941

Nutzungsende (späteste Erwähnung)

März 1945

Weitere Nutzungen der Liegenschaft

Nachnutzung

Rechtehinweise

Metadaten: Hessisches Institut für Landesgeschichte, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Idstein, „Kinderfachabteilung“, Heilerziehungsanstalt „Kalmenhof““, in: Topografie des Nationalsozialismus in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/orte/topografie-des-nationalsozialismus-in-hessen/alle-eintraege/101_idstein-kinderfachabteilung-heilerziehungsanstalt-kalmenhof> (aufgerufen am 15.07.2026)

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