Raibach

Der Standort der Synagoge von Raibach im modernen Orthofoto (Bildmitte)
Basisdaten
Juden belegt seit
2. Hälfte 17. Jahrhundert
Lage
64823 Groß-Umstadt, Stadtteil Raibach, Unterdorf 16
erhalten
nein
Jahr des Verlusts
ca. 1894
Art des Verlusts
Abbruch
Gedenktafel vorhanden
nein
Synagogen-Gedenkbuch Hessen
Geschichte
Anm.: Diesem Beitrag liegen Passagen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Raibach im Artikel Groß-Umstadt des "Synagogengedenkbuchs Hessen" zugrunde.1
Raibach, 1392 urkundlich zum ersten Mal erwähnt, gehörte ab 1504 jeweils zur Hälfte zu Hessen und zur Kurpfalz. 1787 teilten sich die Freiherren von Reibelt, von Wambolt zu Umstadt und von Groschlag zu Dieburg die Verwaltung des kurpfälzischen Anteils von Raibach. Insbesondere die Freiherren von Groschlag initiierten bereits früh die Ansiedlung von Jüdinnen und Juden in ihrem Territorium. 1802 kam der gesamte Ort unter hessische Herrschaft. Seit 1972 ist er ein Stadtteil von Groß-Umstadt.
In Raibach sind jüdische Einwohner seit der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg belegt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts werden Afron, Abrahams Witwe, Isaak, Itzig und Mortge namentlich in einem Rügeprotokoll genannt.2 Ob es sich dabei um eine vollständige Aufzählung handelt, ist nicht bekannt.
1705 zahlten Däffel (David), Joseph der Ältere und Joseph der Jüngere sowie Itzik (Isaak) Beisassengeld an die Ortsgemeinde. 1719 sind vier jüdische Familien mit insgesamt 27 Personen im Ort belegt, die unter anderem als Metzger ihren Lebensunterhalt verdienten. Es ist anzunehmen, dass sie bereits zu dieser Zeit als jüdische Gemeinde organisiert waren. So wird 1704/1705 der Zehngebotschreiber (Sofer) Joseph der Ältere genannt. Eine Mikwe ist für 1723, ein Betraum für 1728 belegt. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts verfügten bereits zehn Juden über Hausbesitz im Ort.3
Bis 1813 stieg die Zahl der jüdischen Einwohner auf ihren höchsten Stand von 62 an. Das entsprach rund elf Prozent der Gesamtbevölkerung. Berücksichtigt man, dass zur gleichen Zeit im nahen Groß-Umstadt von 1.984 Einwohnern 52 Juden waren, so war der Anteil in Raibach bemerkenswert hoch.4 Sie lebten vorwiegend vom Handel mit Vieh, landwirtschaftlichen Produkten und Spezereiwaren.
Anfang des 18. Jahrhunderts lebte der Schutzjude Levi Amschel in Raibach. 1759 wurde dessen Sohn Maier Levi geboren, der später Metzger wurde und Anfang des 19. Jahrhunderts den Namen Lichtenstein annahm. Er verzog 1824 mit seinem 1803 geborenen Sohn Simon Lichtenstein nach Groß-Umstadt, wo die Familie bald zu den einflussreichsten und bekanntesten in der jüdischen Gemeinde gehören sollte.5 In den folgenden Dekaden zogen weitere Nachkommen Raibacher Familien nach Groß-Umstadt, darunter beispielsweise die Familien Klipstein, Sichel, Rapp und Rothschild.6
Eine Zeitlang gehörten auch Juden aus Klein-Umstadt zur Synagogengemeinde Raibach, so 1865 Moses Sänder, für den die Gemeindevorsteher J. Rapp, L. Rothschild und Herz Lichtenstein Spenden sammelten. Nach dem Synagogenbau von 1860/1861 schrumpfte die jüdische Gemeinde indes schnell: 1867 war ihre Zahl auf 30, bis 1885 auf sechs gesunken. Bereits ab 1873 sind keine von den Gemeindemitgliedern erhobene Umlagen mehr im Großherzoglich-Hessischen Regierungsblatt aufgeführt.7 Ob und wann die Gemeinde formal aufgelöst wurde, ist nicht bekannt.
Statistik
- 1704/1705 4 Beisassen
- 1719 4 Beisassen mit 27 Personen
- 1802 10 Familien
- 1813 62 Personen
- 1829 53 Personen
- 1858 10 Familien
- 1867 33 Personen
- 1900 0 Personen
Quellenangabe Statistik
Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt mit Raibach, S. 245.
Betsaal / Synagoge
Betraum im 19. Jahrhundert
Es wird davon ausgegangen, dass bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Betsaal bestand. Eine sogenannte „Schule“, also ein Betraum, in dem sich die Raibacher Jüdinnen und Juden versammelten, wird 1723 aktenkundig. Allerdings ist der Standort nicht bekannt.8
Synagoge, Untergasse 11
Im 1802 angelegten Brandkataster wird eine „Schule“ der jüdischen Gemeinde Raibach, also ein Gemeindehaus mit Betraum, unter der heutigen Adresse Unterdorf 11 genannt. Allerdings fanden Gottesdienste im Winter auch in der „warmen Stube“ statt: an Werktagen bei Jesel Löb (Joseph Sternberg), also offenbar im selben Haus, in dem sich auch die Mikwe befand, und an Schabbat bei Meyer Lichtenstein. Dafür wurden die Thorarollen offenbar extra aus der Synagoge herbeigeholt. Bis 1809 hatte das Amt des Chasan der aus Steinach stammende Salomon Hirsch Steinheimer inne.9
Das Gebäude in der Untergasse galt 1858 als so baufällig, dass die Großherzogliche Baubehörde die weitere Nutzung untersagte. Ersatzweise soll ein Raum im Anwesen von Zodick Rapp (Nr. 94) im Unterdorf 9 genutzt worden sein, auf dem auch eine private Laubhütte stand.10 Eine mit 400 fl. veranschlagte Reparatur wurde letztlich aufgrund des Zustands verworfen und durch den Vorsteher Abraham Rapp ein mit zunächst 1.200 fl. geplanter Neubau ins Auge gefasst. Die gerade einmal zehn jüdischen Familien im Ort, deren Einkommen eher bescheiden waren, konnten dieses Projekt allerdings nicht ohne Hilfe finanzieren. Rapp richtete zusammen mit Herz Lichtenstein und Joseph Sternberg deshalb Spendenaufrufe an Glaubensgenossen und durfte 1859 unter den Jüdinnen und Juden der Provinz Starkenburg eine offizielle Kollekte veranstalten.11
Die neue Synagoge, Unterdorf 16
Zum Zwecke des Neubaus erwarb die jüdische Gemeinde ein Baugrundstück von Zodick Vogel, das nur wenige Meter von der bisherigen Synagoge entfernt lag. Die darauf vorhandenen Gebäude wurden abgebrochen und 1860 konnten die mit rund 1.850 fl. veranschlagten Bauleistungen versteigert werden. Zwei Baupläne sind überliefert, von denen der erste wegen des viel zu schmal geplanten Almemors verworfen wurde. Zur Umsetzung gelangte deshalb mutmaßlich der zweite Entwurf des Dieburger Baukandidaten Albert Ferdinand Schöneck. Der traufseitig zur Straße liegende Neubau befand sich schräg gegenüber der alten Synagoge. Er war 10,75 m lang und 8,25 m breit und verfügte über ein Satteldach. In der nördlichen und südlichen Längsseite waren jeweils drei große, geschossübergreifende Rundbogenfenster eingelassen. Der Zugang erfolgte über die Westseite, wo zwei kleinere Rundbogenfenster das über eine kleine Treppe erreichbare Eingangsportal flankierten. Darüber befand sich ein Okulus aus farbigem Glas. Links des Eingangs befand sich im Erdgeschoss das Schulzimmer für den Religionsunterrichts, rechts das Zimmer des Religionslehrers. Über diesen beiden Räumen lag an der Westwand die durch eine Wendeltreppe erreichbare Frauenempore. Der mit 36 Plätzen und zwei Kinderbänken ausgestattete Betraum der Männer maß 7 m in der Breite, 9,20 m in der Länge und 5,25 m in der Höhe und war mit einer Flachdecke versehen. Der Thoraschrein aus Holz lag erhöht auf der Ostseite des Raumes und war mit den Zehn-Gebote-Tafeln verziert. Die Bima war in die Brüstung der davorliegenden, die gesamte Raumbreite einnehmenden Estrade eingebaut, was auf eine liberale Grundhaltung der jüdischen Gemeinde schließen lässt. Insgesamt wies der Bau große Ähnlichkeit mit der Umstädter Synagoge auf, bis hin zu textgleichen Inschriften über dem Portal und einer Fenstersprosse12
In der zweiten Jahreshälfte 1861 waren die Arbeiten schließlich abgeschlossen. Die Baukosten beliefen sich auf 2.512 fl. 44 kr. In einem Dankesschreiben vom 12. Mai 1862 bemerkten die Gemeindevorsteher Abraham Rapp und Herz Lichtenstein, dass das Großherzogliche Kreisbauamt den Synagogenbau in einer Art und Weise ausgeführt habe, der an Schönheit, Zweckmäßigkeit und Dauerhaftigkeit nichts zu wünschen übrig lasse. Dadurch sei sogar von der ursprünglich projektierten Bausumme einiges gespart worden und man spreche „daher zum Schlusse der Hohen Baubehörde unsre vollkommene Zufriedenheit und Dankbarkeit aus“.13
Bald nach Fertigstellung der Synagoge gestaltete sich die Sicherstellung des Minjan in Raibach schwierig. Zuletzt wirkte Zodick Rapp als Vorbeter an Schabbat und den Festtagen, der 1881 verstarb.14 Zu dieser Zeit dürfte aber längst kein Minjan mehr im Ort zustande gekommen sein.
1882 erwarb Philipp Fischer das Anwesen, ließ das Synagogengebäude weitgehend abbrechen und integrierte die verbliebenen Mauern 1894 in die an dessen Stelle errichtete Scheune.15 Im Zweiten Weltkrieg waren da russische Zwangsarbeiter untergebracht. Nach Kriegsende wohnten dort Heimatvertriebene, ab den 1960er-Jahren dann auch Gastarbeiter.16
Weitere Einrichtungen
Mikwe
Bereits 1723 wird in Raibach eine „Juden Deuchen“ erwähnt, mit der eine Mikwe gemeint ist. Das ab 1777 geführte Güterbuch nennt die Brüder Hirsch (Hörsche) und Joseph Löb (später Sternberg) als Betreiber eines privaten Tauchbads unter Joseph Löbs Haus im heutigen Fliederweg 4 (Ecke Weißdorn- und Fliederweg). Das Grundstück im Unterdorf grenzte direkt an einen Bach, der die Wasserversorgung sicherstellte. In den Wintertagen fanden in diesem Haus in einem beheizbaren Raum offenbar auch die Wochentagsgottesdienste statt. Auch die Umstädter Jüdinnen nutzten das Bad nach der Schließung der dortigen Mikwe – sogar noch dann, als die jüdische Gemeinde in Raibach längst aufgehört hatte zu existieren. Bis 1898 befand sich das Grundstück im Besitz der jüdischen Gemeinde Groß-Umstadt. Dann wurde es wohl auch aufgrund eines Krätzmilbenbefalls des Wassers verkauft. Das Bad wurde verfüllt. 1960 erfolgte der Abbruch des Gebäudes, an dessen Stelle ein Neubau errichtet wurde. Die ehemalige Mikwe ist durch eine dort angebrachte Tafel markiert.17
Schule
Zur Unterrichtung der Kinder wurden bereits 1715 befristet auswärtige Lehrer angestellt, die bei den jüdischen Familien von Mortge, Affrom und Joseph wohnten und dort auch den Unterricht erteilten. 1863 hatte das Amt der Sohn des Michelstädter Rabbiners Baal-Schem Seckel Löb Wormser, Michael Wormser, inne. Ab Mitte der 1860er-Jahre ist Moses Strauß als Religionslehrer genannt. In der 1860/1861 errichteten neuen Synagoge befanden sich auf der Westseite im Erdgeschoss ein Schul- und ein Lehrerzimmer.18 Dort wurden Anfang der 1870er-Jahre noch sieben jüdische Kinder unterrichtet.19
Friedhof
Spätestens seit 1720 wurden die Verstorbenen aus Raibach auf dem Friedhof in Dieburg beigesetzt.20 Der älteste bekannte Grabstein für einen Raibacher Juden wurde für den 1778 verstorbenen Seifensieder Jehuda, Sohn des Abraham, gesetzt. Als letzte Raibacher Jude wurde in Dieburg am 12. September 1881 Zodick Rapp bestattet.
Nachweise
Fußnoten
- Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt. ↑
- HStAD, R 21 J, Nr. 3572. ↑
- Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt, S. 228. ↑
- Verein zur Bewahrung der Groß-Umstädter Synagoge, 1988, Groß-Umstadt, S. 21. ↑
- Verein zur Bewahrung der Groß-Umstädter Synagoge, 1988, Groß-Umstadt, S. 22. ↑
- Kron, o. J., Juden; Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt, S. 236-237. ↑
- Zuletzt angezeigt für 1872, vgl. Großherzoglich-Hessisches Regierungsblatt, Nr. 25, 18.5.1872, S. 192. ↑
- Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt, S. 228. ↑
- Brenner/Köbler, 2010, Umstädter, S. 138; Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt, S. 229. ↑
- Brenner/Köbler, 2010, Umstädter, S. 83. ↑
- Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt, S. 229. ↑
- Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt, S. 230-232. ↑
- HStAD G 34, Nr. 3444. ↑
- Der Israelit, Nr. 42, 19.10.1881, S. 1064. ↑
- Brenner/Köbler, 2010, Umstädter, S. 141. ↑
- Dorf Arbeitsgemeinschaft Raibach e. V., Landjuden, online unter: https://raibach-online.de/landjuden (Stand: 11.11.2025). ↑
- Brenner/Köbler, 2010, Umstädter, S. 140; Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt, S. 228-229, 248. ↑
- Der Israelit, Nr. 33, 16.8.1865, S. 466; Berger-Dittscheid, 2025, Groß-Umstadt, S. 228, 231. ↑
- Engelbert, 1875, Statistik, S. 53. ↑
- Franz/Wiesner, 2009, Friedhof, S. 78. ↑
Weblinks
Quellen
- ** Hessisches Staatsarchiv Darmstadt (HStAD)
- HStAD, G 34, Nr. 3444: Errichtung der Synagoge zu Raibach, 1860-1862.
- HStAD, P 11, Nr. 3578/1-4: Grund- und Aufrisse sowie Schnitte zum Bau und zur Innenausstattung der Synagoge für die israelitische Gemeinde zu Raibach, um 1860.
- HStAD, P 11, Nr. 3579/1-10: Grund- und Aufrisse sowie Schnitte zum Bau und zur Innenausstattung der Synagoge für die israelitische Gemeinde zu Raibach, 1860.
- HStAD, R 21 J, Nr. 3572: Rügeverfahren vor dem Amt Habitzheim gegen Juden im Amt, namentlich gegen Jakob Mordechai und Mortge aus Brensbach, Moses von Georgenhausen, Hayum, Jakob (Jekuf), Löw, Mang [Manche], Mayers Witwe, Seckel und Zadek aus Groß-Zimmern, Jakob, Isaak, Jonas, Mayer und Moses aus Habitzheim, Afron, Abrahams Witwe, Isaak, Itzig und Mortge aus Raibach sowie Elias, Löw, Moses, Jakob und [[gesamt:Schime, Jude zu Spachbrücken, 1662-1756.
Literatur
- Alicke, Klaus-Dieter, Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Gütersloh 2008.
- Berger-Dittscheid, Cornelia, Groß-Umstadt. Mit Raibach und Klein-Umstadt, in: Wiese, Christian, et al. (Hg.), Zerbrechliche Nachbarschaft. Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen, Bd. 1/1, Berlin/Boston 2025, S. 225-251.
- Brenner, Georg/Köbler, Sie waren Umstädter. Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Umstadt, Raibach, Klein-Umstadt, Kleestadt und Semd, Groß-Umstadt 2010.
- Engelbert, Hermann, Statistik des Judenthums im Deutschen Reiche ausschließlich Preußens und in der Schweiz, Frankfurt am Main 1875.
- Franz, Eckhart G./Wiesner, Christa, Der jüdische Friedhof in Dieburg, Wiesbaden 2009.
- Kron, Helga, Juden in Raibach, masch. Ms., o. O. o. J.
- Lange, Thomas (Hg.), L´chajim. Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, Reinheim 1997.
- Verein zur Bewahrung der Groß-Umstädter Synagoge (Hg.), Groß-Umstadt. Zur Geschichte der Juden und ihrer Synagoge, Groß-Umstadt 1988.
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