Klinge-Kraut: Klingelkraut
Beleg
Standard-Flurname
Klinge-Kraut
Belegort
Belegtyp
historisch
Belegzeit
1835
Quelle
Fürstliches Archiv Braunfels, VII, 15.
Deutungen
Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Klinge
Zu ahd. klingo, klinga ‚(Sturz-)bach‘, mhd. klinge sw. st. F. in der Bedeutung ‚Gießbach, Talschlucht‘, das zum starken Verb ahd. klingan, mhd. klingen ‚rauschen, plätschern, klingen‘ gebildet ist. Klinge benennt daher im Allgemeinen Bäche und enge Schluchten, die sich bei starken Regenfällen in Sturzbäche verwandeln. Heute sind es oft enge Geländeeinschnitte.
Kraut
Zu ahd. krût ‚Kraut, Gras, Pflanze‘, mhd. krût st.N. ‚Kraut, Kohl‘. In den FlN kommt dabei insbesondere die Bedeutung ‚Kohlkraut, Weißkraut‘ in Betracht. In den Krautäckern und -gärten wurde das Gemüse gezogen, das keiner intensiven Pflege bedurfte. Die Gärten konnten daher auch etwas weiter von der Siedlung entfernt angelegt werden. Als Krautwiesen wurden bestimmte zu einem Hof gehörige Wiesen benannt, die über den Sommer hinweg kleinere Mengen Frischfutter liefern.
Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Klinge
Zu ahd. klingo, klinga, ‚(Sturz-)bach‘, mhd. klinge sw. st. F. in der Bedeutung ‚Gießbach, Talschlucht‘, das zum starken Verb ahd. klingan, mhd. klingen ‚rauschen, plätschern, klingen‘ gebildet ist. Klinge benennt daher im Allgemeinen Gebirgsbäche und enge Schluchten, die sich bei starken Regenfällen in Sturzbäche verwandeln. In Südhessen gilt vor allem die Bedeutung ‚Bach in einer Talschlucht‘ und dann auch ‚Talschlucht‘ selbst. Die Belegverteilung deutet für die Klingen-Namen auf oberdt. Sprachzusammenhang hin. Der südhess. Raum scheint das Zentrum ihrer hess.-mitteldt. Verbreitung zu sein.
Kraut
Zu ahd. krût ‚Kraut, Gras, Pflanze‘, mhd. krût st. N. ‚Kraut, Kohl‘. In den FlN kommt dabei insbesondere die Bedeutung ‚Kohlkraut, Weißkraut‘ in Betracht. In den Krautäckern und -gärten wurde das Obst und Gemüse gezogen, das keiner intensiven Pflege bedurfte. Die Gärten konnten daher auch etwas weiter von der Siedlung entfernt angelegt werden. Als Krautwiesen wurden auch bestimmte zu einem Hof gehörige Wiesen benannt, die über den Sommer hinweg kleinere Mengen Frischfutter liefern. Ob diese Bedeutung auch in Südhessen vorliegt, ist aber unklar.
Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)
Klinge f.
- 1
Die heutigen FlN Kling(e) f. und Klingen/Klingel m.n. sind abzuleiten von ahd. clinga, chlinga st. sw. f.‚ klinge, chlingo sw.m. ,(Sturz-)Bach‘ (Schützeichel 98), mhd. klinge sw.st.f. ,Gebirgsbach, Talschlucht‘ (Lexer 1, 1623f.), auch ‚Gießbach‘ (Kluge/Mitzka 377), ,rauschender Bach, Wildbach‘ (Weigand/Hirt 1, 1058) und dem Verb ahd. chlingan, klingan st.v. (Graff 4, 563), mhd. klingen ‚rauschen, plätschern, klingen, erklingen‘ (Lexer 1, 1626).
Klingel ist möglicherweise substantivierte Ableitung von mhd. klingelen sw.v. ‚rauschen, plätschern‘ (Lexer 1, 1625), kann aber auch durch Dissimilation von Klingen zu Klingel entstanden sein (Dittmaier 148). Die Klingen-Formen können von der Pluralform oder einer adjektivischen Wendung *‚an der klingenden Bach‘ → Klingenbach abgeleitet sein (vgl. Schröder 236).
Klinge benennt (Gebirgs-)Bäche überhaupt; viele heißen nach ihrem ,murmelnden, plätschernden Geräusch‘, das sie an seichten, steinigen Stellen verursachen, Klingel.
Ebenso sind enge Täler, ,wasserlose, enge Schluchten, schmale Gräben‘, die sich bei Gewittern und im Frühjahr in Sturzbäche verwandeln, gemeint (DWB 11 (V), 1174).
Klinge ist in Südhessen, besonders im Odenwald, bekannt als Benennung für einen ‚Bach in einer Talschlucht‘, eine ‚enge Talschlucht urspr. mit einem Bach, heute nicht selten ohne Wasser‘ (SHessWb 3, 1422) und in Oberhessen als ‚Bach, der durch ein Tal fließt, und Tal, dadurch ein Bach fließt‘ (Crecelius 506). In der Wetterau sind Klingen ‚Wasserrisse an Abhängen‘, die bei starkem Regen oder zur Schneeschmelze große Wassermengen führen (Braun 1954b 119).
Klinge ist eine im Mittel- und Oberdeutschen weitverbreitete Benennung für Gebirgsbäche, schluchtartige Täler, schmale, tiefe Gräben u.ä. (vgl. BadWb 3, 166; Buck 140; PfälzWb 4, 309; SchwäbWb 4, 490; Schmeller 1, 1334).
- 2
Die zu /e/ gesenkte Klenge-Form in Mittel- und Oberhessen hätte zu Vermengung mit klengen ,Leinsamenkapseln in der Sonne zum Trocknen ausbreiten, damit sie aufspringen‘ (Crecelius 506; Vilmar 206; Kluge/Mitzka 377) und davon abgeleiteten FlN z. B. Klengkaule ,Kaule, in der die Kapseln zum ,klengen‘ getrocknet werden‘ (Vilmar ebd.) führen können. Es ließen sich jedoch kaum Anhaltspunkte in Namenform und -kombination finden, die auf FlN in diesem Zusammenhang hinwiesen, nur Knottenklänger in 5118d1 Sterzhausen MBK wurde aussortiert. Namen, die sich auf die Form eines Flurstückes beziehen, z. B. Klingelbeutel in 4624c1 Ermschwerd WMK blieben unberücksichtigt.
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 93
Kraut n.
- 1
Von den vielfältigen Bedeutungen von nhd. Kraut, ahd. c(h)rût‚ chruit, chruot st.n. ‚Kraut, Gras, Pflanze‘ (Schützeichel 101), mhd. krût st.n. (Lexer 1, 1758) mit unklarer Etymologie (Weigand/Hirt l, 1142; Kluge/Mitzka 402) kommt für die FlN-Gebung insbesondere die Bedeutung ,Kohlkraut‘, ,Weißkraut‘ (DWB 11 [V], 2106) in Betracht. In dieser Bedeutung ist das Wort auch in ganz Hessen verbreitet (SHessWb 3, 1788ff.; WaldWb 62), wobei Vilmar 224 anmerkt, daß Kraut in Nordhessen üblicher sei als in Oberhessen, wo man eher Kohl als Bezeichnung verwende. KehreinWb 245 verweist nur auf ‚Feld- und Küchenkräuter‘.
Die meisten hessischen Kraut-FlN beziehen sich auf den ,(Weiß)-kraut‘-Anbau und sind insoweit synonym mit Kappes (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 24). Wieweit Kraut darüber hinaus mit Kohl konkurriert, kann nur abgeschätzt werden, da die rezenten Kohl-FlN die Herleitung von ‚Kraut‘ und ,Kohle(n)‘ so vermengen, daß keine formalen Trennungskriterien möglich sind.
- 2
Um die Bedeutung ,(Weiß)-kraut‘-Anbau auszusondern, blieben alle Namen unberücksichtigt, in denen ein bestimmtes Kraut namengebend war (häufig Bärenkraut). Unsicher ist nur die Zugehörigkeit der Krautwiesen. Denn diese bezeichnen nach Dittmaier 166 eine zum Hof gehörige Wiese, die den Sommer über kleinere Mengen Frischfutter liefert. Da diese Bedeutung einerseits in Hessen nicht belegt ist (HNassWb mündl.)‚ andererseits eine ganze Reihe Kappeswiesen (übrigens auch Kohlwiesen) zu vergleichen sind, so daß der Kombinationstyp wohl auf eine Nutzungsänderung hinweist, wurden die Krautwiesen hier aufgenommen. Die Belegorte sind: 5124b4 Konrode HRK, 5223b1 Großenmoor FUL, 53l9b2 Stangenrod GIE, 5322b1 Landenhausen VBK (vgl. Hilbig 79), 5323b2 Lüdermünd FUL, 5324b3 Silges FUL, 5324c3 Molzbach FUL, 5324d5 Hünhan FUL, 5422a3 Heisters VBK, 5422a5 Steinfurt VBK, 5423c4 Malkes FUL, 5423d2 Bimbach FUL, 5424a6 Kohlhaus FUL, 5424c8 Traisbach FUL, 5424d2 Petersberg FUL, 5424d4 Lehnerts FUL, 5425c8 Neuschwambach FUL, 5522c3 Reichlos VBK, 5522c7 Jossa FUL, 5621d2 Wenings WET, 5623a2 Hohenzell MKK, 5623c1 Gundhelm MKK, 5715c1 Esch RTK, 5817a5 Sulzbach (Taunus) MTK, 6218b2 Winterkasten BGS, 6218b4 Laudenau ODW. Der Schwerpunkt des Krautwiesen-Vorkommens liegt im Raum Fulda.
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 25
Nachnutzung
Rechtehinweise
Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Klinge-Kraut: Klingelkraut (Allendorf)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/53592_klingelkraut> (aufgerufen am 04.11.2026)
Kurzform der URL für Druckwerke
https://lagis.hessen.de/resolve/de/fln/53592