Biege-Rain: yn dem beygen reyn

Historischer Beleg aus Rumpenheim  
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Beleg

Standard-Flurname

Biege-Rain

Belegort

Belegtyp

historisch

Belegzeit

1445

Quelle

Staatsarchiv Darmstadt, A 1 (Die Urkunden werden nach Ortsnamen bzw. Provenienz und Jahr zitiert).

Deutungen

Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Biege

Im FlN sind zwei historische Sprachvarianten zusammengeflossen mhd. biege st. F. ‚Beugung, Neigung‘ und das nur als sw. M. bezeugte ahd. biogo ‚Biegung, Krümmung, Bogen‘. Die Substantive sind vom Verb ahd. biogan, mhd. biegen st.V. ‚biegen, beugen, krümmen‘ abgeleitet. Die Namen benennen meist Flurstücke an Gewässerkrümmungen; gelegentlich aber auch an Weg- oder Geländekrümmungen. Der Name erscheint oft stark kontrahiert als /bi:(n)/, so dass Vermengungen mit Bien (s.d.) u.a. nicht ausgeschlossen ist: Die Bienhecke in Ettingshausen beispielsweise liegt über der Krümmung des Äschersbachs an der Kolbenmühle.

Rain

Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. - Vereinzelt kann auch ein PN namengebend sein, so bei der Reynewiesen 1489 in Oppenrod, wo gleichzeitig eine Reyne Elsen als Eigentümerin genannt wird (Eckhardt).

Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Rain

Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. Im Südhess. ist die Bedeutung ‚mit Gras bewachsener Abhang; steiler Abhang an der Längsseite von terrassenförmig am Hang liegenden Äckern‘ vorherrschend; mit ungefähr gleicher Bedeutung wird (in FlN seltener) das Wort Rech verwendet. Ein Wechsel von Rain und Rech in FlN kommt in Südhessen jedoch nur in Ausnahmefällen vor. Formen mit einfachem Stammvokal sind in der Mundart häufig, in schriftlichen Belegen selten (etwa in Götzenhain, Viernheim). Im Westen sind Vermischungen mit dem GewN Rhein möglich. In Babenhausen hat eine Umdeutung stattgefunden1.

Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)

Biegen m.n.f.

1

Im FlN Biegen haben sich zwei historische Sprachvarianten vermengt: Die erst mhd. belegten femininen Formen biege st.f. ‚Beugung, Neigung‘ (Lexer 1, 266; DWB 1 [1], 1814) und biuge st.f. ,Krümme, Biegung‘ (Lexer 1, 288) und die maskuline Form ahd. biogo, sw.m. ‚Biegung, Krümmung‘ (Karg-Gasterstädt/Frings 1, 1080). Alle Substantive sind von biegen abgeleitet.

Als Wort ist Biegen in Hessen unbekannt (Vilmar 35), außer als Biege f. ‚kurze Strebe im Fachwerk‘ und ,Knie-biege‘ (SHessWb 1, 827). Für ,Biegung‘ gilt dialektal Krümme (SHessWb 1, 828; 2, 1875), vereinzelt Beuge f. (SHessWb 1, 755; vgl. SchwäbWb 1, 979).

Als FlN ist Biegen „der sehr häufig vorkommende Eigenname von Flurstücken, namentlich von Wiesen, welche an der Krümmung eines Flußes belegen sind“ (Vilmar 35; so auch Crecelius 159; Knöpp l8). Namengebend kann aber auch die Krümmung eines Weges, eines Rains o. ä. sein (Buck 25; Vollmann 56; Dittmaier 27), so in 5323a4 Üllershausen VBK (Hotz = HFB 1, 41) eine „starke Straßenkrümmung“. Der FlN tritt in den drei Genera auf.

2

Die Identifizierung der Biegen-Namen bereitet bei einigen wenigen Grenzfällen der Vermischung mit Bicke ,Bach‘ in Waldeck Schwierigkeiten: gekürzte Formen /bi:/, /be:/ fallen formal mit den gekürzten Formen von Beune (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 15) zusammen; Biegen kann vereinzelt in Bück u. ä. verborgen sein (so in 5620b2 Dudenrod WET, vgl. Corvinus = HFB 22, 43).

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 97

Rain m.

1

Rain, ahd. nur schwach in Namen bezeugt (Graff 2, 527; Förstemann 2, 2, 532), mhd. rein st.m. ,begrenzende Bodenerhöhung, Rain, limes‘ (Lexer 2, 388), mnd. rein ‚Rain, Grenze‘ (Schiller/Lübben 3, 451) ist ein gemeindt., „uraltes Wirtschaftswort ..., das den Streifen Landes bezeichnete, der ungebaut zwischen dem Ackerland zweier Gemarkungen gelassen wurde, sei es als ebenes Grasland oder als Bodenerhöhung“ (DWB 14 [VIII], 72; vgl. Kluge/Mitzka 579; Weigand/Hirt 2, 520; Dittmaier 239). Während im niederdt.-niederländischen Sprach- und Namengebrauch die Komponente ,Ackergrenze‘ vorherrschend wurde (vgl. für Limburg Goossens K. 11-13; Alpers/Barenscheer 127; Wiswe 344), gilt im Oberdt. daneben hauptsächlich die Bedeutung ,Abhang‘ (vgl. Valtavuo 120f.; Keinath 54, 114).

Rain bezieht sich im hessischen Sprachgebrauch heute fast ausschließlich auf kurze steile Abhänge, vor allem zwischen Ackerterrassen (SHessWb 4, 1193; HNassWb 2, 752), und ist deshalb synonym mit Rech im Südwesten und Ufer/Oiwer im Norden (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 84; zur Wortgrenze vgl. B. Martin 1925, 144).

In den mündlichen Formen der FlN herrschen entsprechend dem dialektalen Sprachgebrauch (Wiesinger K. 15 und 19) neben /rain/ die aus mhd. /ei/ entstandenen monophthongischen Formen /ra:/ und /re:/‚ teils weiter zu /ro:/ und /ri:/ gehoben, vor, wobei /ra:/ vereinzelt zu /rao, rou/ diphthongiert wurde. Wo das auslautende -/n/ erhalten ist, erfolgte mitunter Gutturalisierung zu -/ŋ/.

Die Raine sind teils natürlichen Ursprungs, teils aber auch erst durch terrassierende Pflugtechnik, durch Ablage von ausgelesenen Steinen oder durch Heckenpflanzungen entstanden (zur Heckenwirtschaft im Vogelsberg vgl. W. Kuhn). Insofern können u. U. bestimmte Kombinationstypen wie alter, langer, hoher, steinerner Rain Hinweise auf frühere Ackersysteme vor der Vergewannung enthalten (H. Jäger 33; Kroh 110).

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 83

Nachnutzung

Rechtehinweise

Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Biege-Rain: yn dem beygen reyn (Rumpenheim)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/109055_yn-dem-beygen-reyn> (aufgerufen am 03.11.2026)

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