Ehemals Breithardt, Pfarrkirche
Enthaltene Fenster
Katalogdaten
Beschreibung
Über die spätgotische Verglasung der 1341 erstmals erwähnten, um 1451 erneuerten Kirche geben eine um 1835 entstandene Fensterskizze und ein kommentiertes Erhaltungsschema des Pfarrers Luja von Dotzheim relativ detailliert Auskunft5. Demnach waren von der ursprünglich 34 Scheiben umfassenden Chorverglasung nurmehr dreizehn Felder sowie Reste der Maßwerkverglasung erhalten. Das Chorachsenfenster zeigte auf den drei erhaltenen Feldern der linken Fensterbahn eine gekrönte Maria, die ihrem Kind einen Apfel reicht, darüber eine Kreuzigung mit Maria und Johannes unter einer Architekturbekrönung. Das bis auf zwei Felder vollständig erhaltene Fenster süd II bewahrte in der vierten Zeile unter einer Architekturbekrönung eine sich über zwei Felder erstreckende Anbetung der Könige, wobei das linke Feld Maria und Kind mit einem knienden König, das rechte zwei stehende Könige zeigte. In der dritten Zeile erblickte Luja eine männliche Gestalt mit grünen Stiefeln und einem Schwert in der Hand (Ritterheiliger?) und daneben eine gekrönte Figur mit Palmzweig und einer »wunderschönen, wie lebendigen Grasblume« in der Rechten (wohl die Hl. Dorothea). Die beiden übrigen Felder der linken Fensterbahn zeigten offensichtlich die Hl. Katharina und die Mantelteilung des Hl. Martin6. In Chorfenster nord II waren offenbar nurmehr Maßwerkreste erhalten, während das einbahnige Fenster süd III in den beiden oberen Feldern Maria und eine Heiligenfigur zeigte7. Aus Lujas Kommentar geht ferner hervor, daß die obersten Zeilen der Fenster I und süd II »gothische Thurmspitzen mit Knospen auf Purpurgrund schwarz und braun gemalt« und die Maßwerke aller Fenster »fingiertes Laubwerk« enthielten. Dies läßt sich an Hand der Skizze von 1835 weitgehend bestätigen; in den Kopfscheiben erblickt man Blüten und Blattwerk, wie sie in ähnlicher Form auch in den Kopfscheiben des Chorachsenfensters der Marienkirche zu Friedberg auftreten. In der Skizze sind rote, weiße und blaue Farbgläser verzeichnet.
Nachdem sich Pfarrer Luja im November 1830 für die Breithardter Glasgemälde begeistert hatte, versuchte er diese für den Verein für nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung in Wiesbaden zu erwerben. Die Verhandlungen zogen sich aber über mehr als fünf Jahre hin, bis der Verein den zwischenzeitlich weiter dezimierten Restbestand im Frühjahr 1836 ausbauen lassen konnte (Reg. Nr. 1-5, 65). Mit der Nachricht, daß die Restaurierung der Glasgemälde auf Grund mangelnder Fachkräfte auf spätere Zeit verschoben werden mußte, verliert sich ihre Spur; nach Lotz waren sie im Wiesbadener Museum bereits 1880 nicht mehr nachweisbar. Rund drei Jahrzehnte später legte Heubach eine falsche Fährte, indem er die beiden in Wiesbaden bewahrten Felder eines stauferzeitlichen Vita-Christi-Zyklus mit Breithardt in Verbindung brachte. Trotz der Berichtigung durch Jungjohann, der erstmals auf die Skizzen von 1835 hingewiesen hatte, geisterte Heubachs These noch lange durch die Literatur; sie ist auf der Grundlage der archivalischen Überlieferung jedoch endgültig zurückzuweisen. Die Chorverglasung der Breithardter Pfarrkirche stammt mit größter Wahrscheinlichkeit aus dem 15. Jahrhundert. Ob sie im Rahmen der Kirchenerneuerung bereits 1451 oder erst rund 40 Jahre später im Zusammenhang mit der Stiftung des Wandtabernakels von 1490 und der Einrichtung einer Grablege im Chor der Kirche durch den mainzischen Domscholaster Adolf von Breithardt entstanden ist, wird sich erst nach Wiederauffindung der Scheiben klären lassen.
Bibliographie
Lotz, 1880, S. 47 (die Breithardter Glasmalereien sollen 1835 an das Landesmuseum in Wiesbaden gekommen sein, sind dort aber nicht mehr nachzuweisen); Oidtmann, 1898, S. 244 (Glasmalereien verloren); Luthmer, 1914, S. 174 (wie Lotz); Heubach, 1916/17, S. 30 (lokalisiert die zwei in Wiesbaden befindlichen Reste eines Vita-Christi-Zyklus vom Ende des 12. Jh. nach Breithardt); Jungjohann, 1934, S. 25 (weist Heubachs These unter dem Hinweis auf Skizzen nach den ehemaligen Breithardter Glasgemälden »aus gotischer Zeit« zurück); Dehio-Gall, 1950, S. 266 (folgt dennoch Heubach); Schenk von Schweinsberg, 1957, S. 15 (ebenfalls nach Heubach); Hellmuth Gensicke, Kirchspiel und Gericht Breithardt, in: NA 80, 1969, S. 267 (verweist auf Jungjohann und setzt die verschollenen Glasgemälde in die Spätgotik); Kurt Köster, Kunstgeschichtliches aus Breithardt, in: Der Untertaunus, Heimat-Jb. Untertaunuskreis 4, 1953, S. 76-80 (Auswertung der Archivalien zur ehemaligen Verglasung).
Nachweise
Fußnoten
- Die Fensterskizze befindet sich in einem Konvolut von fünf im August 1835 angefertigten Zeichnungen (Wiesbaden, HStA 1163/809), die außerdem die Breithardter Kirche in Grundriß und Außenansicht zeigen sowie das 1490 von Adolf von Breithardt gestiftete Wandtabernakel und das Taufbecken von 1519. Zum 1830 entstandenen und 1834 aktualisierten Erhaltungsschema des Pfarrers Luja vgl. Kurt Köster (s. Bibl.), 1953, S. 78, leider ohne Quellennachweis. ↑
- Die in der Skizze von 1835 als Katharina überlieferte Figur beschrieb Luja als männliche Gestalt mit Rad und vermutete darin den mainzischen Erzbischof Willigis. ↑
- Luja beschrieb Letztere als männliche Figur mit einem Kreuz in der Rechten und einem »angebundenen Tier (Lamm oder Hund)« in der Linken. Im Hinblick auf die nicht immer präzise Unterscheidung von männlichen und weiblichen Heiligen bei Luja (s. Anm. 6), darf hier eine Hl. Margareta vermutet werden. Auch bei der von Luja überlieferten Marienfigur sind Zweifel angebracht, da die Skizze von 1835 eine Heiligengestalt mit Märtyrerpalme zu zeigen scheint. ↑
Drucknachweis
Die mittelalterlichen Glasmalereien in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet / Daniel Hess (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. III, 2), Berlin 1999
Nachnutzung
Rechtehinweise
Katalogdaten: Corpus Vitrearum Deutschland / Freiburg i. Br.
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Ehemals Breithardt, Pfarrkirche“, in: Mittelalterliche Glasmalereien in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/quellen-und-materialien/mittelalterliche-glasmalereien-in-hessen/alle-objekte/235-1_ehemals-breithardt-pfarrkirche> (aufgerufen am 03.11.2026)
Kurzform der URL für Druckwerke
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