Ehemals Bechtolsheim, Pfarrkirche (seit 1685 Simultankirche)

Standort
Bechtolsheim
Anzahl Fenster
1
Anzahl Scheiben
1
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Katalogdaten

Beschreibung

Das einige wenige Kilometer nordöstlich von Alzey gelegene Dorf Bechtolsheim besaß im Mittelalter zwei Kirchen: eine bereits 1292 erwähnte, heute verschwundene »alte« Kirche, die außerhalb des Dorfes lag, und eine vermutlich aufgrund deren eingeschränkter Zugänglichkeit in den Jahren 1482–1494/96 errichtete »neue« Kirche, die der Jungfrau Maria geweiht war10. Dieser ambitionierte Bau – eine dreischiffige, fünfjochige Halle mit lang gestrecktem Chor mit 3/8-Schluss – enthielt eine Verglasung mit Stifter- und Wappendarstellungen, die der Vikar und Inschriftensammler Georg Helwich 1612 beschrieben hat (s. Reg. Nr. 4). Die Glasgemälde dürften 1689 beim Brand Bechtolsheims im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstört worden sein; im Jahr 1700 wurden »die leeren Fenster mit Borden verschalt«11.

Laut Helwichs Beschreibung scheint es in mehreren Fenstern Stifterdarstellungen gegeben zu haben, die sich auf folgende, von Helwich nur z.T. identifizierte historische Personen bezogen haben müssen: 1. Philipp I. Kämmerer von Worms gen. von Dalberg († 1492) und Barbara von Flersheim († 1483)12; 2. Friedrich X. von Rüdesheim († vor 1526) und Gertrud von Scharfenstein († 1499?)13; 3. Wilhelm von Mauchenheim gen. von Bechtolsheim († 1501) und Guta von der Spor14; 4. Wolf II. Kämmerer von Worms gen. von Dalberg († 1476) und Gertrud von Greiffenclau zu Vollrads († 1502)15; 5. Johann Kämmerer von Worms gen. von Dalberg († 1503), Bischof von Worms16. In einem weiteren Fenster befanden sich – wohl ohne figürliche Darstellungen – die Wappen Bechtolsheim und Kettenheim.

Als Stifter der Glasgemälde lassen sich demnach zwei Gruppen von Personen ausmachen: zum einen Mitglieder der im späten 13. Jh. gegründeten Ganerbschaft Bechtolsheim, der zur Zeit der Erbauung der Kirche Philipp I. von Dalberg, Friedrich X. von Rüdesheim und Wilhelm von Bechtolsheim angehörten17, zum anderen Mitglieder der Familie der Kämmerer von Worms gen. von Dalberg, die mit zwei resp. drei Fensterstiftungen ihre in der zweiten Hälfte des 15. Jh. erlangte führende Stellung innerhalb der Ganerbengemeinschaft unter Beweis stellte18.

Welche Fensterplätze die Glasgemälde einnahmen und wie sie kompositorisch aufgebaut waren, ist den knappen Angaben Helwichs nicht zu entnehmen. Ihm zufolge müssen die Stifter, ihrem Familienstand entsprechend, entweder als Einzelpersonen oder als Ehepaare dargestellt gewesen sein, z.T. von ihren Kindern begleitet und mit ihren jeweiligen Familienwappen versehen. Zwingende Hinweise auf zwei- oder dreibahnige Kompositionen und damit auf einen Standort im Chor oder im Langhaus der Kirche ergeben sich daraus aber nicht, selbst dann nicht, wenn man voraussetzt, dass auch Heilige als Fürbitter dargestellt waren. Es lassen sich demnach keine Anhaltspunkte für eine Lokalisierung der vermutlich um 1480/90 entstandenen Scheiben gewinnen.

Was demgegenüber die künstlerische Herkunft der verlorenen Bechtolsheimer Glasgemälde betrifft, besteht aus historischen Gründen die Möglichkeit, dass sie aus derselben am Mittelrhein tätigen Tafel- und Glasmaler-Werkstatt hervorgegangen waren wie die Stifterscheiben aus Herrnsheim (Textabb. 27). Denn der Bauherr der Herrnsheimer Kirche, Philipp I. von Dalberg, war auch »Initiator« des Kirchenbaues in Bechtolsheim, und es hat den Anschein, als habe man für Bau und Ausstattung hier wie dort auf z.T. identische Kräfte zurückgegriffen19, so eventuell auch bei der für die Verglasung zuständigen Werkstatt.

Bibliographie

Scriba 1855, S. 301 (zitiert die Beschreibung Helwichs von 1612); Karl Oberle, Geschichte von Bechtolsheim (JbBistumMz, Erg.-Bd. 2), Alzey 1951, S. 77f. (zitiert ebenfalls Helwich); Hess 1994, S. 171, Anm. 207 (erwähnt verlorene Stifterscheiben im Zusammenhang mit den Scheiben aus Herrnsheim); Hess 1999, S. 273, Anm. 33 (Erwähnung).

Nachweise

Fußnoten

  1. Zur Baugeschichte grundlegend: Fischer 1962, S. 150–155. Vgl. ferner Regine Dölling, Die Simultankirche in Bechtolsheim (Rheinhessen) (Rheinische Kunststätten 232), Neuss 1980, bes. S. 5–8, Dehio Rheinland-Pfalz/Saarland 21984, S. 82f., zuletzt Germund 1997, S. 102–105. ↑
  2. Oberle 1951 (s. Bibl.), S. 72 ↑
  3. Humbracht 1707, Taf. 14; Möller, II, 1933, Taf. LXVI. ↑
  4. Humbracht 1707, Taf. 159; Möller, I, 1922, Taf. XXXIII. ↑
  5. Humbracht 1707, Taf. 150 ↑
  6. Humbracht 1707, Taf. 15; Möller, II, 1933, Taf. LXVI ↑
  7. Ebd. – Zu Leben und Wirken Johanns von Dalberg s. zuletzt Bönnen/Keilmann 2005 und Mertens 2009 ↑
  8. Oberle 1951 (s. Bibl.), S. 43 (ohne Nachweis). ↑
  9. 1444 befanden sich die Kämmerer von Worms gen. von Dalberg noch nicht unter den Ganerben; s. Johannes F. S. Zimmermann, Ritterschaftliche Ganerbschaften in Rheinhessen, Phil. Diss. Mainz 1957, S. 43. Als solche werden sie mit Philipp I. von Dalberg erstmals 1481 ausgewiesen; s. hierzu Anm. 17 ↑
  10. Fischer 1962, S. 155 ↑

Drucknachweis

Die mittelalterlichen Glasmalereien in Oppenheim, Rhein- und Südhessen / Uwe Gast unter Mitwirkung von Ivo Rauch (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. III, 1), Berlin 2011

Nachnutzung

Rechtehinweise

Katalogdaten: Corpus Vitrearum Deutschland / Freiburg i. Br.

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Ehemals Bechtolsheim, Pfarrkirche (seit 1685 Simultankirche)“, in: Mittelalterliche Glasmalereien in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/quellen-und-materialien/mittelalterliche-glasmalereien-in-hessen/alle-objekte/142-1_ehemals-bechtolsheim-pfarrkirche-seit-1685-simultankirche> (aufgerufen am 02.11.2026)

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