Ober-Roden

Bearbeitet von Daniel Ristau  
Landkreis
Offenbach
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
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Basisdaten

Lage

63322 Rödermark, OT Ober-Roden, Frankfurter Straße (Haus des Abraham)

erhalten

nein

Gedenktafel vorhanden

nein

Synagogen-Gedenkbuch Hessen

Geschichte

Das Dorf Ober-Roden, dessen Ursprünge sich bis ins 8. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, kam 1425 an Kurmainz und im frühen 19. Jahrhundert an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Vermutlich ähnlich wie im benachbarten Urberach erfolgte eine Niederlassung von Juden hier erst im frühen 18. Jahrhundert. Sie gehörten der 1736 durch einen Vertrag gegründeten Synagogengemeinde an, zu der auch die Schutzjuden aus den Nachbarorten Urberach, Nieder-Roden, Dudenhofen, Dietzenbach und Eppertshausen gehörten. Der Betraum wurde in Ober-Roden eingerichtet.1

Ende des 18. Jahrhunderts zerbrach die Synagogengemeinde unter anderem infolge des Ausscheidens der Juden in Eppertshausen und Urberach, die eigenständige jüdische Gemeinden gründeten. Eine Klage der Ober-Rodener Juden gegen das Ausscheiden der Urberacher Glaubensgenossen, die die Einnahmen zum Betraum und den Minjan gefährdeten, blieb ohne Erfolg.2

Die wenigen jüdischen Einwohner waren Teil der Ober-Rodener Ortsgesellschaft. Moses Kahn gehörte 1848 zu den drei Gefallenen des Dorfes, die als Soldaten zur Bekämpfung des Badischen Aufstands eingesetzt waren. Sein Name ist auf dem örtlichen Kriegerdenkmal aufgeführt. Die jüdischen Kinder besuchten gemeinsam mit denen der christlichen Familien die Volksschule und Leopold Hirschmann war 1899 Mitgründer der Freiwilligen Feuerwehr.3

In der Mitte des 19. Jahrhunderts schrumpfte die Zahl der jüdischen Ortseinwohner, wozu auch der Wegzug von Mitgliedern der Familie Löb 1868 und 1886 nach Nordamerika beitrug.4

1897 eröffnete die Offenbacher Firma Bloch & Hirsch einen Hasenhaarschneiderei in Ober-Roden, die ein wichtiger Arbeitgeber in der Region wurde.5

Obwohl das Zusammenleben zwischen der mehrheitlich katholischen und der jüdischen Ortsbevölkerung weitgehend harmonisch gewesen sein soll, gab es judenfeindliche Vorfälle. In einem Bericht von Anfang September 1890, der in der Allgemeinen Zeitung des Judentums erschien, wird von einem tätlichen Übergriff auf den Handelsmann J. Hirschmann berichtet, der von einem Arbeiter namens Grimm zunächst wegen seiner Religion beleidigt, dann niedergestochen und schwer verletzt wurde.6

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ab 1933 sank die Zahl der Ober-Rodener Jüdinnen und Juden bis Jahresanfang 1938 auf drei Personen der Familie Kahn, die in der Frankfurter Straße 17 wohnten und dort noch immer ein Schuhgeschäft betrieben. Am 10. November wurden das Ladengeschäft demoliert und Waren abtransportiert. Auch die Wohnräume der Familie Kahn wurden verwüstet. Zu diesem Zeitpunkt wohnten in dem Haus nur noch die 69-jährige Frieda Kahn, die 1940 in Ober-Roden verstarb, und ihre Tochter Berta Hecht, die in der Shoah 1941 umkam. Sie versteckten sich im Nachthemd in einem Schuppen und fanden dann bei einer nichtjüdischen Familie Unterschlupf.7

2013 wurden in Ober-Roden sechs Stolpersteine für die Familie Kahn/Hecht verlegt.8

Statistik

  • 1811 15-16 Personen
  • 1812 16 Personen
  • 1815 16 Personen
  • 1816 19 Personen
  • 1818 20 Personen
  • 1825 24 Personen
  • 1828 26 Personen
  • 1836 23 Personen
  • 1840 22 Personen
  • 1843 20 Personen
  • 1845 21 Personen
  • 1846 22 Personen
  • 1854 21 Personen
  • 1859 35 Personen
  • 1861 19 Personen
  • 1864 22 Personen
  • 1865 21 Personen
  • 1867 19 Personen
  • 1871 11 Personen
  • 1875 9 Personen
  • 1880 12 Personen
  • 1885 12 Personen
  • 1892 12 Personen
  • 1897 12 Personen
  • 1900 13 Personen
  • 1902 12 Personen
  • 1911 10 Personen
  • 1913 9 Personen
  • 1924 18 Personen
  • 1930 10 Personen
  • 1933 6 Personen
  • 1934 6 Personen
  • Anfang 1936 3 Personen
  • Anfang 1938 3 Personen
  • Ende 1938 2 Personen
  • Anfang 1940 2 Personen
  • Anfang 1941 0 Personen (1 sog. “Halbjude”)

Quellenangabe Statistik

Cobabus, 2008, Juden in Ober-Roden, S. 17; Wagner, 1829, Statistisch-topographisch-historische Beschreibung, S. 175; Beiträge zur Statistik des Großherzogthums Hessen, Bd. 3, 1864, S. 211; Bd. 7, 1867, S. 207; Bd. 11, 1870, S. 31; Bd. 14, 1875, S. 76; Bd. 19, 1879, S. 64; Bd. 24, 1884, S. 122; Bd. 34, 1889/1890, S. 86; Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege, Jg. 20, 1911, S. 166; Jg. 21, 1913, S. 188.

Betsaal / Synagoge

1736 vereinbarten die Schutzjuden der Orte Ober-Roden, Urberach, Nieder-Roden, Dudenhofen, Dietzenbach und Eppertshausen die Einrichtung einer jüdischen Gemeinde mit Betraum in Ober-Roden. Dieser befand sich im Haus des Juden Abraham in der Kirchgasse, der heutigen Frankfurter Straße. Über seine Einrichtung und Ausstattung ist nichts bekannt.9 Nach einer Quelle bemühten sich die Juden aus Ober-Roden zusammen mit ihren Glaubensgenossen aus Urberach 1754 um die Einrichtung einer ‚Judenschule‘ in Ober-Roden.10

Ob und wie lange nach dem Ausscheiden mehrerer Nachbargemeinden aus dem Gemeindeverband am Ende des 18. Jahrhunderts die im Ort lebenden Jüdinnen und Juden noch Gottesdienste im Betraum abhielten, ist nicht bekannt. Vermutlich besuchten sie bald die Gottesdienste im benachbarten Urberach.

Weitere Einrichtungen

Friedhof

Die Ober-Rodener Jüdinnen und Juden setzten ihre Toten auf dem jüdischen Sammelfriedhof in Dieburg bei. Die letzte Beisetzung war 1940 die von Frieda Kahn, die mutmaßlich im Grab ihres 1918 verstorbenen Mannes Jakob Kahn beigesetzt wurde.11

Nachweise

Fußnoten

  1. Franz/Wiesner, 2009, Der jüdische Friedhof in Dieburg, S. 94; Körner, 1995, Ort Eppertshausen, S. 271. ↑
  2. Gempp-Friedrich, 2025, Urberach, S. 603. ↑
  3. Cobabus, 2008, Juden in Ober-Roden, S 53-56. ↑
  4. Cobabus, 2008, Juden in Ober-Roden, S 46, 50-51. ↑
  5. Gempp-Friedrich, 2025, Urberach, S. 605. ↑
  6. Gempp-Friedrich, 2025, Urberach, S. 606. ↑
  7. Gempp-Friedrich, 2025, Urberach, S. 606-607. ↑
  8. Gempp-Friedrich, 2025, Urberach, S. 607. ↑
  9. Franz/Wiesner, 2009, Der jüdische Friedhof in Dieburg, S. 94; Körner, 1995, Ort Eppertshausen, S. 271. ↑
  10. Cobabus, 2008, Juden in Ober-Roden, S 13. ↑
  11. Gempp-Friedrich, 2025, Urberach, S. 607. ↑

Weblinks

Quellen

Literatur

Indizes

Nachnutzung

Rechtehinweise

Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Ober-Roden“, in: Synagogen in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/orte/synagogen-in-hessen/alle-eintraege/874_ober-roden> (aufgerufen am 06.11.2026)

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