Heldenbergen

Bearbeitet von Susanne Gerschlauer  
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
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Basisdaten

Juden belegt seit

um 1500

Lage

61130 Nidderau, Ortsteil Heldenbergen, Bahnhofstraße 10

Rabbinat

Oberhessen

erhalten

nein

Jahr des Verlusts

1938

Art des Verlusts

Zerstörung

Gedenktafel vorhanden

ja

Geschichte

Die Ortsherren von Heldenbergen waren anfangs die Grafen und das Freigericht Kaichen, seit 1475 die Burggrafen von Friedberg und nach 1806/1819 das Großherzogtum Hessen.

Zu den Mitgliedern der orthodoxen Synagogengemeinde Heldenbergen, die schon um 1500 bestand, gehörten auch die im etwa drei Kilometer entfernt liegenden Kaichen wohnenden Juden. Dort lebten um 1830 drei Juden.1

Im Jahr 1830 lebten in Heldenbergen 169 Juden, 1895 noch 181, um 1905 waren es 149 (70 Familien), was bei 1.469 Einwohnern insgesamt einem Anteil von ca. 10 Prozent entspricht.2 Die Gemeinde war bis zu ihrer erzwungenen Auflösung sehr wohlhabend. Einer der letzten Vorsitzenden war Isaak Haas; der letzte Vorsitzende der Gemeinde war bis 1936 Samuel Scheuer, der in die USA auswanderte. Die jüdischen Heldenbergener verdienten ihren Lebensunterhalt als Händler, Kaufleute (Textil- und Schuhhandel), Handwerker (Metzger) und Religionslehrer.3

Die Mehrheit der Heldenbergener Juden floh nicht bzw. wanderte nicht aus. Sie wurden 1942 verhaftet und die meisten von ihnen nach Buchenwald deportiert und dort ermordet.4

Betsaal / Synagoge

Bevor die Heldenbergener Juden ein eigenes Gotteshaus bauen ließen, besuchten sie den Gottesdienst im benachbarten Windecken, wo es offenbar schon vor 1603 eine Synagoge gab.5 Bereits um 1772 soll es in Heldenbergen einen Betraum gegeben haben. Hinweise deuten auf das Haus Nr. 139 hin, das an der Gabelung der ehemaligen Judengasse (heute Bahnhofstraße) mit der Straubelgasse lag und im Brandkataster von 1811 mit 1.000 fl. angesetzt war. Nach dem Neubau der Synagoge verkaufte die jüdische Gemeinde das Gebäude; spätere Besitzer ließen es abreißen.6

Um 1836 wurde in der heutigen Bahnhofstraße Nr. 10 eine Synagoge errichtet. Das Grundstück liegt in Nachbarschaft zur katholischen Kirche an der Windecker Straße, etwa 40 Meter vom Straßenverlauf zurückgesetzt. Das Grundstück war nach etwa 15 Metern durch ein Holztor geteilt, so dass ein schmales Hofareal zwischen vorneliegendem Mikwengebäude und der im rückwärtigen Bereich stehenden Synagoge entstand.7 Auf der Nordseite des Synagogengebäudes schloss sich ein – vermutlich ebenfalls umzäunter – Gartenbereich an, in dessen Nordwest-Ecke sich ein separates WC-Häuschen befand.

Die Synagoge hatte einen rechteckigen Grundriss mit einer Fläche von etwa 8 x 6 Metern. Das Satteldach war vermutlich mit Biberschwanzziegeln, eventuell mit Schopf im Westen gedeckt. Ein niedriger, umlaufender Bruchsteinsockel trug Wände aus Ziegelstein, die vollständig verputzt waren. Parallel zu Straßenverlauf öffnete sich die Südtraufe, die im westlichen Bereich der Wand einen eingeschossigen, etwa 2,50 Meter breiten Vorbau besaß, der durch das bis hierher herabgezogene Satteldach miterfasst war. Auf seiner Ostseite wurde durch eine zweiflügelige Tür mit schmalem Oberlicht ein Windfang vor dem Eintritt in den Gottesdienstraum betreten. Den östlich gelegenen Rest der Südtraufenwand und die Nordwand gliederten drei einfache hohe Rundbogenfenster, vermutlich zweiflügelig, mit Oberlicht, die mit Butzenglasscheiben geschlossen waren. In Ost- und Westgiebel waren je ein Rundfenster im Giebelbereich eingebaut. Vermutlich gab es aufgrund der wenig exponierten Lage der Synagoge im zeitgenössischen Ortsbild in der Ostwand nur wenig Schmuckelemente.

Vom Vorbau aus führte innen eine Treppe, unter der sich zwei gusseiserne Waschbecken befanden, zur Frauenempore an der Westwand des Synagogenraumes. Die Empore bot 35 Frauen Platz und war nach orthodoxer Tradition mit einem Holzgitter vom Männerbereich abgetrennt. Durch eine hölzerne Flügeltür gelangen die Männer durch den Windfang in den Betsaal, wo die zur Raummitte hin ausgerichteten, in je einer Reihe an der Süd- und Nordwand stehenden Bänke, versehen mit verschließbaren Fächern für Gebetsriemen und -bücher, 62 Plätze boten. Im Erdgeschoss bestand der Fußboden aus roten Sandsteinplatten; die in der Mitte stehende Bimah war aus grünem Stein gefertigt.8 In der Mitte der Ostwand befand sich, zwei Stufen erhöht und in einer Ausnischung der Wand eingelassen, der zweiflügelige Toraschrein.9 In der Synagoge waren wertvolle Gottesdienstgeräte vorhanden, etwa silberne und bronzene aufwändig gearbeitete Thorakronen, -schilder und -zeiger, Vorhänge und Thoramäntel aus Samt und Seide.

Das Gebäude wurde durch die SA in der Reichspogromnacht am 9.11.1938 völlig zerstört und blieb zunächst Ruine. Nach Zwangsverkauf an einen privaten Käufer wurde es von den Grundmauern auf neu gestaltet und ist daher für außenstehende Interessierte ohne Informationen nicht mehr identifizierbar. Einige der ehemals dreizehn Thorarollen konnten auf dem Dachboden der Schule versteckt und dadurch gerettet werden. Sie wurden nach 1945 wiedergefunden und der neugegründeten jüdischen Gemeinde in Bad Nauheim übergeben.10

Weitere Einrichtungen

Mikwe

Südwestlich vor der Synagoge wird in den Archivalien 1828 eine Mikwe erwähnt, die vermutlich ein Vorgänger des Neubaus von 1836 war. Das neuerrichtete Gebäude umfasste auch die Schule und einen Raum für Gemeindeversammlungen. Es lag zwischen der Synagoge und dem Straßenverlauf und stand giebelständig zur Straße. Ein etwa 1 Meter schmaler gepflasterter Pfad führte an dem Haus entlang zur nach hinten gelegenen Synagoge. Innen gab es neben dem gebührenpflichtigen Tauchbad mit den entsprechenden Räumlichkeiten ein Zimmer, in dem Religionsunterricht abgehalten wurde und das in den 1930er Jahren einem Gemeindemitglied als Wohnung diente. Die Mikwe wurde mit Regenwasser betrieben, das von außen über eine Rinne ins gekachelte, etwa 12 Stufen tiefe Becken lief. Um 1930 wurde die Mikwe aufgegeben.11

Friedhof

Es gibt zwei jüdische Friedhöfe in Heldenbergen: Der alte Friedhof mit nur noch wenigen bestehenden Steinen liegt am Kellerberg. Der neu angelegte Friedhof von 1884 liegt an der Landstraße nach Kaichen. Die letzte Beerdigung fand hier 1936 statt.12

Nachweise

Fußnoten

  1. Ruppin, Juden, S. 74; Arnsberg, Jüdische Gemeinden 1, S. 344
  2. Ruppin, Juden, S. 74
  3. Arnsberg, Jüdische Gemeinden 1, S. 343
  4. Arnsberg, Jüdische Gemeinden 1, S. 343
  5. Kingreen, Landleben, S. 312
  6. Kingreen, Landleben, S. 312
  7. Kingreen, Landleben, S. 312
  8. Kingreen, Landleben, S. 312
  9. Kingreen, Landleben, S. 313 f.
  10. Kingreen, Landleben, S. 385, mit weiteren Angaben zum Verbleib der Thorarollen.
  11. Kingreen, Landleben, S. 316
  12. Arnsberg, Jüdische Gemeinden, S. 345

Weblinks

Literatur

Abbildung vorhanden

(in Bearbeitung)

Indizes

Nachnutzung

Rechtehinweise

Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, CC BY-SA 4.0
Abbildungen: siehe Angaben beim jeweiligen Digitalisat

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Heldenbergen“, in: Synagogen in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/orte/synagogen-in-hessen/alle-eintraege/169_heldenbergen> (aufgerufen am 29.05.2026)

Kurzform der URL für Druckwerke

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