Linse-Rain-Seife: seiffen in linnen rein

Historischer Beleg aus Nenderoth  
Gemeinde
Greifenstein
Landkreis
Lahn-Dill-Kreis
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Beleg

Standard-Flurname

Linse-Rain-Seife

Belegort

Belegtyp

historisch

Belegzeit

1775/1800

Quelle

Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abteilung 360, Nenderoth Nr. 5.

Deutungen

Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Linse

Meist zu ahd. linsa, linsin, linsî, mhd. linse, lins sw. st. F. ‚Linse‘ (Lens culinaris). Die Namen weisen auf Anbauflächen von Linsen hin. Mitunter ist eine Ableitung von mittellat. linsius ‚Luchs‘ (dazu mhd. linse, linze sw. M. ‚Wolfshund‘) und dem danach gebildeten Verb westmitteldt. linsen ‚(wie ein Luchs) scharf, listig, aufmerksam sehen‘ zu erwägen: Es handelt sich dabei womöglich um sog. Wartberge, von denen aus die Umgebung beobachtet wurde. Vermengung mit Lenz (s.d.) ist möglich.

Rain

Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. - Vereinzelt kann auch ein PN namengebend sein, so bei der Reynewiesen 1489 in Oppenrod, wo gleichzeitig eine Reyne Elsen als Eigentümerin genannt wird (Eckhardt).

Seife

Die Namen gehören als Substantivbildung von mhd. sîfen st. V. ‚tröpfeln, triefen‘ zu mhd. sîfe sw. M. ‚Bächlein, von einem Bächlein durchzogene Bergschlucht‘; in FlN im Flachland auch im Sinne von ‚feuchte Stelle‘. In Mittelhessen schwankt das Genus zwischen mask. und fem., während die Namen in Südhessen nur fem. Genus aufweisen.

Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Linse

Meist zu ahd. linsa, linsin, linsî, lins, mhd. linse, lins sw. st. F. ‚Linse‘ (Lens culinaris). Die Namen weisen auf Anbauflächen von Linsen hin. Linsenschüssel (Fürth, Mümling-Grumbach) ist hingegen ein FormN. Für den nicht nur im Untersuchungsgebiet häufigen Namen Linsenberg (auch Linsenbuckel und Linsenhöhe) ist eine Ableitung von mittellat. linsius ‚Luchs‘ (dazu mhd. linse, linze sw. M. ‚Wolfshund‘) und dem danach gebildeten Verb westmitteldt. linsen ‚(wie ein Luchs) scharf, listig, aufmerksam sehen‘ zu erwägen: Es handelt sich dabei womöglich um sog. Wartberge oder Schauberge, von denen aus die Umgebung beobachtet wurde. Für einen Teil der Namen ist auch ein Zusammenhang mit Lenz (s. d.) oder einem FamN Lins, Linz, Lenz zu vermuten.

Rain

Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. Im Südhess. ist die Bedeutung ‚mit Gras bewachsener Abhang; steiler Abhang an der Längsseite von terrassenförmig am Hang liegenden Äckern‘ vorherrschend; mit ungefähr gleicher Bedeutung wird (in FlN seltener) das Wort Rech verwendet. Ein Wechsel von Rain und Rech in FlN kommt in Südhessen jedoch nur in Ausnahmefällen vor. Formen mit einfachem Stammvokal sind in der Mundart häufig, in schriftlichen Belegen selten (etwa in Götzenhain, Viernheim). Im Westen sind Vermischungen mit dem GewN Rhein möglich. In Babenhausen hat eine Umdeutung stattgefunden1.

Seife

Die Namen gehören als Substantivbildung von mhd. sîfen st. V. ‚tröpfeln, triefen‘ zu mhd. sîfe sw. M. ‚Bächlein, von einem Bächlein durchzogene Bergschlucht‘; in FlN im Flachland auch im Sinne von ‚feuchte Stelle‘. In Südhessen weisen die Namen durchweg fem. Genus auf; in Nlieb liegt Diminutiv vor. Die auch im Pfälzischen vorkommenden Seifds-Namen gehen wohl auf mhd. *sîfezen zurück, vgl. lothringisch-elsässisch sifzen ‚durchsickern, tröpfeln, feucht sein‘, das als Intensivbildung mit dem Suffix -ezzen, -izzen ebenfalls zu mhd. sîfen st. V. gehört. Amtlich wurde der FlN an seufzen angeschlossen.

Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)

Rain m.

1

Rain, ahd. nur schwach in Namen bezeugt (Graff 2, 527; Förstemann 2, 2, 532), mhd. rein st.m. ,begrenzende Bodenerhöhung, Rain, limes‘ (Lexer 2, 388), mnd. rein ‚Rain, Grenze‘ (Schiller/Lübben 3, 451) ist ein gemeindt., „uraltes Wirtschaftswort ..., das den Streifen Landes bezeichnete, der ungebaut zwischen dem Ackerland zweier Gemarkungen gelassen wurde, sei es als ebenes Grasland oder als Bodenerhöhung“ (DWB 14 [VIII], 72; vgl. Kluge/Mitzka 579; Weigand/Hirt 2, 520; Dittmaier 239). Während im niederdt.-niederländischen Sprach- und Namengebrauch die Komponente ,Ackergrenze‘ vorherrschend wurde (vgl. für Limburg Goossens K. 11-13; Alpers/Barenscheer 127; Wiswe 344), gilt im Oberdt. daneben hauptsächlich die Bedeutung ,Abhang‘ (vgl. Valtavuo 120f.; Keinath 54, 114).

Rain bezieht sich im hessischen Sprachgebrauch heute fast ausschließlich auf kurze steile Abhänge, vor allem zwischen Ackerterrassen (SHessWb 4, 1193; HNassWb 2, 752), und ist deshalb synonym mit Rech im Südwesten und Ufer/Oiwer im Norden (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 84; zur Wortgrenze vgl. B. Martin 1925, 144).

In den mündlichen Formen der FlN herrschen entsprechend dem dialektalen Sprachgebrauch (Wiesinger K. 15 und 19) neben /rain/ die aus mhd. /ei/ entstandenen monophthongischen Formen /ra:/ und /re:/‚ teils weiter zu /ro:/ und /ri:/ gehoben, vor, wobei /ra:/ vereinzelt zu /rao, rou/ diphthongiert wurde. Wo das auslautende -/n/ erhalten ist, erfolgte mitunter Gutturalisierung zu -/ŋ/.

Die Raine sind teils natürlichen Ursprungs, teils aber auch erst durch terrassierende Pflugtechnik, durch Ablage von ausgelesenen Steinen oder durch Heckenpflanzungen entstanden (zur Heckenwirtschaft im Vogelsberg vgl. W. Kuhn). Insofern können u. U. bestimmte Kombinationstypen wie alter, langer, hoher, steinerner Rain Hinweise auf frühere Ackersysteme vor der Vergewannung enthalten (H. Jäger 33; Kroh 110).

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 83

Seife m. f.

1

Der Seife(n) oder die Seife, mhd. sîfe sw.m. ‚Bächlein, von einem Bächlein durchzogene Bergschlucht‘ (Lexer 2, 912) hat nichts mit nhd. Seife, mhd. seife sw.f. (Lexer 2, 854) zu tun, es sei denn über eine - fragwürdige - Wurzelverwandtschaft *sîp- (DWB 16 [X, I], 190; vgl. Weigand/Hirt 2, 836f.; Kluge/Mitzka 699). Bei Seife in FlN handelt es sich um eine Substantivierung zu mhd. sîfen ,tröpfeln, triefen‘ (Lexer ebd.); entsprechend mnd. sîpen > sip m.n. ‚träge rinnender Wasserlauf, Bach, kleiner Fluß‘ und sîpe, sippe ,wasserhaltiger Grund, feuchte Niederung‘ (Lasch/Borchling 3, 240). Die FlN scheinen ebenso wie die GewN und SN auf Seifen verhältnismäßig jung zu sein (Barth 39). Als Wort kommt Seife in Hessen nach Vilmar 381 nicht mehr vor, ist aber noch 1567 in dieser Eigenschaft belegt. KehreinWb 374 verzeichnet den Gebrauch des Wortes für das südwestliche Nassau.

In FlN bezieht sich Seife auf ein breites Spektrum von Geländeformen, das vom ‚engen, schluchtartigen Tal mit Rinnsal‘ bis zu ‚feuchter Stelle in Acker und Wiese‘ reicht (Dittmaier 287), deren gemeinsames Merkmal aber stets hervortretendes oder sickernd-quellendes Wasser bzw. Nässe ist (KehreinWb ebd.; Arnold 517; Crecelius 78l; HNassWb 3, 562).

Der in Hessen häufige FlN wird aber - im Gegensatz zum angrenzenden Westerwald und Bergischen Land - nur selten als GT zur SN-Bildung herangezogen: Großseifen, Langenseifen RTK (vgl. Vogt 1900; Bach 2 § 621).

Der FlN ist in Hessen entweder mask., meist der Seifen, oder fem., meist die Seife; das in den Lexika angegebene neutr. Genus findet sich nur vereinzelt (auch wenn bei Präpositionalgefügen eine eindeutige Entscheidung, ob mask. oder neutr., nicht zu treffen ist). In einer Reihe von Fällen zeigt die vokalische Dialektvariante - in Übereinstimmung mit Crecelius ebd. und abweichend vom Befund des HNassWbs ebd. -‚ daß angleichende Umdeutung in nhd. Seife stattgefunden hat. Das gilt vor allem für die /sa(:)f/-Belege‚ die mhd. /ei/ voraussetzen (außer in kleinen Gebieten Westhessens), aber auch wohl für einige /se(:)f/-Belege, soweit sie nicht wie die /si(:)f/-Variante im Monophthonggebiet liegen. Bemerkenswert ist die mehrfach vorkommende Form Seift, deren Endung-/d/ wohl unorganisch (vgl. u. a. Geist für Geiß → Hessischer Flurnamenatlas, Karte 45) ist und kaum auf eine alte /t/-Ableitung verweist (Arnold ebd.). Verhältnismäßig häufig kommen Kollektivierungen des Namens auf -ich vor.

2

In den meisten Fällen ist die Eingrenzung unproblematisch. In Einzelfällen kann Vermengung mit Sieb (nach der Form?) vorliegen, dialektal /saib, se:b, sif/ (vgl. HNassWb 3, 591f.); /-b/-Varianten wurden deshalb nur in begründeten Ausnahmefällen berücksichtigt. Auch die in Nordosthessen mitunter vorkommende Form /sifel/ (in: 4723b1 Quentel WMK, 4726a4 Motzenrode WMK, 4823a3 Melsungen SEK, 4824b3 Hetzerode WMK, 5026d1 Obersuhl HRK) wurde nicht aufgenommen, obwohl Dissimilation mit der Variante /sifen/ vorliegen könnte. Die kollektivierten (?) Belege /saifds/ (6319a2 Unter-Scharbach BGS, 6418c5 Wald-Michelbach BGS) gehören wohl dazu (Meyer = HFB 6, 50).

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 120

Nachnutzung

Rechtehinweise

Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Linse-Rain-Seife: seiffen in linnen rein (Nenderoth)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/89177_seiffen-in-linnen-rein> (aufgerufen am 06.11.2026)

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