Schelm-Rain: Am Schelmßrain

Historischer Beleg aus Roßbach  
Gemeinde
Biebergemünd
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Beleg

Standard-Flurname

Schelm-Rain

Belegort

Belegtyp

historisch

Belegzeit

1654

Quelle

Staatsarchiv Marburg, 86. Hanauer Nachträge, Nr. 1604.

Weitere Belege

Deutungen

Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Rain

Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. - Vereinzelt kann auch ein PN namengebend sein, so bei der Reynewiesen 1489 in Oppenrod, wo gleichzeitig eine Reyne Elsen als Eigentümerin genannt wird (Eckhardt).

Schelm

Zu ahd. skelmo, mhd. schelme, schelm st. sw. M. ‚Pest, (Vieh-)Seuche‘. Der Name verweist auf den Ort, wo das gefallene Vieh vergraben wurde, auf Schindanger (s.d.). Nicht auszuschließen ist ein FamN oder BerufsN (für den Abdecker oder den Henker): Schelm, Schelme ist im Raum auch historisch belegt.

Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Rain

Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. Im Südhess. ist die Bedeutung ‚mit Gras bewachsener Abhang; steiler Abhang an der Längsseite von terrassenförmig am Hang liegenden Äckern‘ vorherrschend; mit ungefähr gleicher Bedeutung wird (in FlN seltener) das Wort Rech verwendet. Ein Wechsel von Rain und Rech in FlN kommt in Südhessen jedoch nur in Ausnahmefällen vor. Formen mit einfachem Stammvokal sind in der Mundart häufig, in schriftlichen Belegen selten (etwa in Götzenhain, Viernheim). Im Westen sind Vermischungen mit dem GewN Rhein möglich. In Babenhausen hat eine Umdeutung stattgefunden1.

Schelm

Zu ahd. skelmo, mhd. schelme, schelm st. sw. M. ‚Pest, (Vieh-)Seuche‘. Die Namen verweisen in der Regel auf Orte, wo das gefallene Vieh vergraben wurde, auf Schindanger (s. d.), gelegentlich wohl auch auf einen BesitzerN1.

Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)

Rain m.

1

Rain, ahd. nur schwach in Namen bezeugt (Graff 2, 527; Förstemann 2, 2, 532), mhd. rein st.m. ,begrenzende Bodenerhöhung, Rain, limes‘ (Lexer 2, 388), mnd. rein ‚Rain, Grenze‘ (Schiller/Lübben 3, 451) ist ein gemeindt., „uraltes Wirtschaftswort ..., das den Streifen Landes bezeichnete, der ungebaut zwischen dem Ackerland zweier Gemarkungen gelassen wurde, sei es als ebenes Grasland oder als Bodenerhöhung“ (DWB 14 [VIII], 72; vgl. Kluge/Mitzka 579; Weigand/Hirt 2, 520; Dittmaier 239). Während im niederdt.-niederländischen Sprach- und Namengebrauch die Komponente ,Ackergrenze‘ vorherrschend wurde (vgl. für Limburg Goossens K. 11-13; Alpers/Barenscheer 127; Wiswe 344), gilt im Oberdt. daneben hauptsächlich die Bedeutung ,Abhang‘ (vgl. Valtavuo 120f.; Keinath 54, 114).

Rain bezieht sich im hessischen Sprachgebrauch heute fast ausschließlich auf kurze steile Abhänge, vor allem zwischen Ackerterrassen (SHessWb 4, 1193; HNassWb 2, 752), und ist deshalb synonym mit Rech im Südwesten und Ufer/Oiwer im Norden (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 84; zur Wortgrenze vgl. B. Martin 1925, 144).

In den mündlichen Formen der FlN herrschen entsprechend dem dialektalen Sprachgebrauch (Wiesinger K. 15 und 19) neben /rain/ die aus mhd. /ei/ entstandenen monophthongischen Formen /ra:/ und /re:/‚ teils weiter zu /ro:/ und /ri:/ gehoben, vor, wobei /ra:/ vereinzelt zu /rao, rou/ diphthongiert wurde. Wo das auslautende -/n/ erhalten ist, erfolgte mitunter Gutturalisierung zu -/ŋ/.

Die Raine sind teils natürlichen Ursprungs, teils aber auch erst durch terrassierende Pflugtechnik, durch Ablage von ausgelesenen Steinen oder durch Heckenpflanzungen entstanden (zur Heckenwirtschaft im Vogelsberg vgl. W. Kuhn). Insofern können u. U. bestimmte Kombinationstypen wie alter, langer, hoher, steinerner Rain Hinweise auf frühere Ackersysteme vor der Vergewannung enthalten (H. Jäger 33; Kroh 110).

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 83

Schelm f.m./n. / Schindanger m. / Schindleich f.m.n.

Unter den FlN, die sich auf Verarbeitungs- und Verscharrungsplätze für verendetes Vieh beziehen, sind die mit Schind- gebildeten Namen weitaus am häufigsten (vor allem Schindgrube, -kaute‚ -kaule‚ -loch‚ -graben, -wasen‚ -rasen) und allgemein und dicht in Hessen belegt. Es werden hier drei Namenverbreitungen abgebildet, die deutliche räumliche Schwerpunkte haben:

1A

Schelm(e(n))‚ ahd. scalmo, scelmo ‚Pest, (Vieh)Seuche‘ (Graff l A 6, 491f.)‚ mhd. schëlme, schëlm; schalme, schalm sw.st.m. ‚Pest, (Vieh)Seuche; toter Körper, Aas‘ (Lexer 2, 694), mit unsicherer Etymologie (Weigand/Hirt 2, 694; Kluge/Mitzka 642; DWB 14 [VIII], 2506), bezieht sich in FlN in der Regel auf den Schindanger (Dittmaier 263). Es ist in dieser Bedeutung als Wort in Hessen nicht erhalten, sondern nur als ,Kadaver‘ (FrankfWb 2661) sowie in der übertragenen, auf Menschen bezogenen Bedeutung wie nhd. Schelm (KehreinWb 343; HNassWb 3, 127; vgl. v. Pfister 244). FlN mit Schelm- als BT können deshalb im Einzelfall auch auf einen Besitzernamen zurückgehen. Das Genus der wenigen Simplex- und GT-Belege variiert zwischen die Schelme und der/das Schelmen.

1B

Das in der Standardsprache üblichste Synonym, Schindanger, zu schinden, ahd. scindan (Graff 6, 522), mhd. schinden, schinten st.v. ,enthäuten schlachten‘ (Lexer 2, 749f.), und Anger (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 29), scheint ein junges Wort zu sein (DWB 15 [IX], 187). Es ist dialektal in Hessen ungebräuchlich; das Wort wird nur bei Crecelius 41 beiläufig erwähnt, im WaldWb 90 ausdrücklich durch Schindkaule als Dialektwort wiedergegeben (vgl. auch KehreinWb 347); Estor 1423 erläutert Wouhlwase, Schindanger. Als FlN ist er heute offensichtlich vielfach nur katasteramtlich, dem als ortsübliche mündliche Form Schindwasen entspricht (so in 5316c2 Großaltenstädten LDK, 5317c1 Krumbach GIE, 5318d5 Odenhausen (Lollar) GIE, 5519d5 Langsdorf GIE, 5520d2 Ulfa WET, 5621d2 Wenings WET).

1C

Schindleich, zu schinden, ist ebenfalls gleichbedeutend mit Schindanger (HNassWb 3, 169) und geht auf „ein namentlich bei Luther sehr häufiges, später ausgestorbenes Wort, von dem noch Ausläufer in den Mundarten fortleben“ (DWB 15 [IX], 201) zurück. Als Wort lebt es in Hessen fort als Schimpfwort, „ist üblicher in Niederhessen als in Oberhessen“ (Vilmar 349; vgl. HNassWb ebd.)‚ ebenso in Thüringen, wo die Bedeutung ‚Schindanger‘ „selten“ noch bekannt ist (ThürWb 5, 594). In FlN tritt Schindleich mit wechselndem Genus auf (wie bei Luther, vgl. DWB ebd.) und ist wegen der Begrenzung auf das /nd/ > /ŋ/- Gebiet in mündlichen Formen meist zu /ʃiŋ(e)-/ gutturalisiert.

2A

Nicht aufgenommen sind FlN, die sich auf die Wüstungen Schelmenhausen beziehen (5818c2 Bergen-Enkheim FFM; 5818c3 Gronau WET; dazu Reimer 423; 5321c1 Storndorf VBK). Vereinzelt ist bei Schelm- als BT Vermengung mit mhd. schële, schël sw.m. ,Zuchthengst‘ (Lexer 2, 691) nicht auszuschließen.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 47

Nachnutzung

Rechtehinweise

Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Schelm-Rain: Am Schelmßrain (Roßbach)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/743825_am-schelmssrain> (aufgerufen am 07.11.2026)

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