Schelm-Kaute: IN DER SCHELMSKAUTE ['ʃeməʃ,kaʊdə]
Deutungen
Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Kaute
Zu spätmhd. kûte F. (mitteldt.) ‚Grube, Loch‘. Am Ende des 15. Jahrhunderts beginnt Kaute älteres Grube zu ersetzen. Namengebend waren stets natürliche oder künstliche Bodenvertiefungen, dann meist mit Kaute im GT. In Eisenkauten wurde Eisen im Tagebau abgebaut; die zahlreichen Leimenkauten dienten der Lehmgewinnung.
Schelm
Zu ahd. skelmo, mhd. schelme, schelm st. sw. M. ‚Pest, (Vieh-)Seuche‘. Der Name verweist auf den Ort, wo das gefallene Vieh vergraben wurde, auf Schindanger (s.d.). Nicht auszuschließen ist ein FamN oder BerufsN (für den Abdecker oder den Henker): Schelm, Schelme ist im Raum auch historisch belegt.
Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Kaute
Zu spätmhd. kûte F. (mitteldt.) ‚Grube, Loch‘. Am Ende des 15. Jh.s beginnt Kaute älteres Grube zu ersetzen. Namengebend waren stets natürliche oder künstliche Bodenvertiefungen, dann meist mit Kaute im GT. Ob auch der Beleg aus Wattenheim (als Diminutiv) hierher gehört, ist ungewiss.
Schelm
Zu ahd. skelmo, mhd. schelme, schelm st. sw. M. ‚Pest, (Vieh-)Seuche‘. Die Namen verweisen in der Regel auf Orte, wo das gefallene Vieh vergraben wurde, auf Schindanger (s. d.), gelegentlich wohl auch auf einen BesitzerN
Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)
Kaule f.
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Die nordhessischen Kaule/Kuhle-FlN gehen auf mhd. kûle sw.st.f. ‚Grube, Loch‘ (Lexer 1, 1766) zurück. Das Wort ist im Mitteldt. als Kaule und im Niederdt. als Kuhle verbreitet (DWB 11 (V), 348; Weigand/Hirt 1, 1012).
Kaule bezeichnet als Wort zunächst allgemein eine ‚Vertiefung im Boden‘. Es kann eine natürliche Vertiefung sein, z.B. eine Erdmulde oder flache Grube, gelegentlich auch mit Wasser gefüllt. Zumeist sind jedoch von Menschen gegrabene Löcher und Gruben gemeint, die dazu dienen, landwirtschaftliche Vorräte aufzubewahren und zu überwintern, Abfälle zu lagern und natürliche Materialien (Stein, Sand, Schiefer, Lehm usw.) zu gewinnen. Daneben können mit Kaule auch Tierlager und -suhlen, Fanggruben, Schindgruben sowie ‚kleine Pflanzlöcher‘ gemeint sein (DWB ebd.; PfälzWb 4, 140; RheinWb 4, 330).
Kaule/Kuhle ist vorwiegend in Nordhessen bekannt, sonst überwiegt das weitverbreitete Kaute (SHessWb 3, 1218; WaldWb 60; Vilmar 231; B. Martin 1933, 10ff.; Reichmann 78 und K. 4).
Der FlN Kaule/Kuhle bezieht sich, wie auch Kaute, meist auf die oben beschriebenen Lager-, Nutz- und Vorratsstätten. Gelegentlich benennt der Name auch Fanglöcher, Schindgruben, Suhlen u.ä. (SHessWb ebd.; Dittmaier 135; KehreinNb 470ff.; KehreinWb 218).
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Die Identifizierung der Kaule/Kuhle-Namen machte eine besondere Betrachtung der morphologischen Namenstruktur notwendig. Gerade im Mittelhessischen sind gleichlautende Kaule/Kuhle-Namen belegt, die von mhd. kugele, kugel sw. f. ,Kugel‘, md. kûle (Lexer 1, 1765) abzuleiten sind und daher nicht zu dem hier bearbeiteten Namen gehören.
Kaulenköpfchen u.ä. bezeichnen kleinere Berge, kugelige Erhöhungen (DWB 11 (V), 349; RheinWb 4, 326), Kaulbahn, Kuhlbreite u.ä. entspricht dem Namen Kegelbahn (DWB ebd.), der meist die länglichschmale Form des Flurstücks beschreibt oder den Platz des Spieles selber meint (Dittmaier 135, Genzel 149). Kauleich/Kuhleich ist entstanden aus kontrahiertem Kugel > Kuhl + leich, thür. ,Spiel‘, abgeleitet von mhd. leich ‚Spiel, Tanz‘ (Lexer 1, 1863; Kluge/Mitzka 432), mit der Bedeutung ‚Platz für Spiel und Feste‘. Im östlichen Hessen ist Leich als ‚Spiel mit Tonkugeln‘ bekannt (Vilmar 243f.; vgl. Kugelleich DWB 11 [V], 2542f.).
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 94
Schelm f.m./n. / Schindanger m. / Schindleich f.m.n.
Unter den FlN, die sich auf Verarbeitungs- und Verscharrungsplätze für verendetes Vieh beziehen, sind die mit Schind- gebildeten Namen weitaus am häufigsten (vor allem Schindgrube, -kaute‚ -kaule‚ -loch‚ -graben, -wasen‚ -rasen) und allgemein und dicht in Hessen belegt. Es werden hier drei Namenverbreitungen abgebildet, die deutliche räumliche Schwerpunkte haben:
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Schelm(e(n))‚ ahd. scalmo, scelmo ‚Pest, (Vieh)Seuche‘ (Graff l A 6, 491f.)‚ mhd. schëlme, schëlm; schalme, schalm sw.st.m. ‚Pest, (Vieh)Seuche; toter Körper, Aas‘ (Lexer 2, 694), mit unsicherer Etymologie (Weigand/Hirt 2, 694; Kluge/Mitzka 642; DWB 14 [VIII], 2506), bezieht sich in FlN in der Regel auf den Schindanger (Dittmaier 263). Es ist in dieser Bedeutung als Wort in Hessen nicht erhalten, sondern nur als ,Kadaver‘ (FrankfWb 2661) sowie in der übertragenen, auf Menschen bezogenen Bedeutung wie nhd. Schelm (KehreinWb 343; HNassWb 3, 127; vgl. v. Pfister 244). FlN mit Schelm- als BT können deshalb im Einzelfall auch auf einen Besitzernamen zurückgehen. Das Genus der wenigen Simplex- und GT-Belege variiert zwischen die Schelme und der/das Schelmen.
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Das in der Standardsprache üblichste Synonym, Schindanger, zu schinden, ahd. scindan (Graff 6, 522), mhd. schinden, schinten st.v. ,enthäuten schlachten‘ (Lexer 2, 749f.), und Anger (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 29), scheint ein junges Wort zu sein (DWB 15 [IX], 187). Es ist dialektal in Hessen ungebräuchlich; das Wort wird nur bei Crecelius 41 beiläufig erwähnt, im WaldWb 90 ausdrücklich durch Schindkaule als Dialektwort wiedergegeben (vgl. auch KehreinWb 347); Estor 1423 erläutert Wouhlwase, Schindanger. Als FlN ist er heute offensichtlich vielfach nur katasteramtlich, dem als ortsübliche mündliche Form Schindwasen entspricht (so in 5316c2 Großaltenstädten LDK, 5317c1 Krumbach GIE, 5318d5 Odenhausen (Lollar) GIE, 5519d5 Langsdorf GIE, 5520d2 Ulfa WET, 5621d2 Wenings WET).
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Schindleich, zu schinden, ist ebenfalls gleichbedeutend mit Schindanger (HNassWb 3, 169) und geht auf „ein namentlich bei Luther sehr häufiges, später ausgestorbenes Wort, von dem noch Ausläufer in den Mundarten fortleben“ (DWB 15 [IX], 201) zurück. Als Wort lebt es in Hessen fort als Schimpfwort, „ist üblicher in Niederhessen als in Oberhessen“ (Vilmar 349; vgl. HNassWb ebd.)‚ ebenso in Thüringen, wo die Bedeutung ‚Schindanger‘ „selten“ noch bekannt ist (ThürWb 5, 594). In FlN tritt Schindleich mit wechselndem Genus auf (wie bei Luther, vgl. DWB ebd.) und ist wegen der Begrenzung auf das /nd/ > /ŋ/- Gebiet in mündlichen Formen meist zu /ʃiŋ(e)-/ gutturalisiert.
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Nicht aufgenommen sind FlN, die sich auf die Wüstungen Schelmenhausen beziehen (5818c2 Bergen-Enkheim FFM; 5818c3 Gronau WET; dazu Reimer 423; 5321c1 Storndorf VBK). Vereinzelt ist bei Schelm- als BT Vermengung mit mhd. schële, schël sw.m. ,Zuchthengst‘ (Lexer 2, 691) nicht auszuschließen.
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 47
Nachnutzung
Rechtehinweise
Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Schelm-Kaute: IN DER SCHELMSKAUTE (Hellstein)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/717632_in-der-schelmskaute> (aufgerufen am 07.11.2026)
Kurzform der URL für Druckwerke
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