Kaute-Wingert: Im Kauten wingert
Beleg
Standard-Flurname
Kaute-Wingert
Belegort
Belegtyp
historisch
Belegzeit
1781
Quelle
Staatsarchiv Marburg, Karten, A II 1638.
Deutungen
Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Kaute
Zu spätmhd. kûte F. (mitteldt.) ‚Grube, Loch‘. Am Ende des 15. Jahrhunderts beginnt Kaute älteres Grube zu ersetzen. Namengebend waren stets natürliche oder künstliche Bodenvertiefungen, dann meist mit Kaute im GT. In Eisenkauten wurde Eisen im Tagebau abgebaut; die zahlreichen Leimenkauten dienten der Lehmgewinnung.
Wingert
Zu ahd. wîngarto, wingarto, wîngart, mhd. wîngart sw. st. M. ‚Wingert, Weinberg‘. Wingert ist ähnlich wie Bangert aus mhd. baumgarte sw. M. eine alte Zusammenziehung aus wîn-garte. Der Stammvokal /i:/ wurde dabei frühzeitig gekürzt und hat daher die Diphthongierung /i:/ > /ai/ nicht mitvollzogen. Die mundartlich einheimisch gewordene Form Wingert überwiegt klar gegenüber schriftsprachlichem Weingarten, doch handelt es sich bei der Vollform keineswegs nur um jüngere Katasterbildungen. Weingarten ist auch historisch gut belegt. In den Namen spiegelt sich der früher allgemein verbreitete Weinbau in Mittelhessen. Die Namen kennzeichnen meist die Weinberge und Weingärten selbst, teils aber auch die Wege, die dahinführen, Rechtsverhältnisse, Kulturveränderungen u.ä.
Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Kaute
Zu spätmhd. kûte F. (mitteldt.) ‚Grube, Loch‘. Am Ende des 15. Jh.s beginnt Kaute älteres Grube zu ersetzen. Namengebend waren stets natürliche oder künstliche Bodenvertiefungen, dann meist mit Kaute im GT. Ob auch der Beleg aus Wattenheim (als Diminutiv) hierher gehört, ist ungewiss.
Wingert
Zu ahd. wîngarto, wingarto, wîngart, mhd. wîngart(e) sw. st. M. ‚Wingert, Weinberg‘. Wingert ist ähnlich wie Bangert aus mhd. boumgarte sw. M. eine alte Zusammenziehung aus wîn-garte. Der Stammvokal /iː/ wurde dabei frühzeitig gekürzt und hat daher die Diphthongierung /iː/ > /ɑɪ/ nicht mitvollzogen. Die mundartlich heimisch gewordene Form Wingert überwiegt klar gegenüber schriftsprachlichem Weingarten, doch handelt es sich bei der Vollform keineswegs nur um jüngere Katasterbildungen. Weingarten ist auch im 15., 16. und 17. Jh. gut belegt. In den Namen spiegelt sich der intensive und früher allgemein verbreitete Weinbau in Südhessen. Die Namen kennzeichnen meist die Weinberge und Weingärten selbst, teils aber auch die Wege, die dahinführen, Rechtsverhältnisse, Kulturveränderungen u. ä.
Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)
Kaule f.
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Die nordhessischen Kaule/Kuhle-FlN gehen auf mhd. kûle sw.st.f. ‚Grube, Loch‘ (Lexer 1, 1766) zurück. Das Wort ist im Mitteldt. als Kaule und im Niederdt. als Kuhle verbreitet (DWB 11 (V), 348; Weigand/Hirt 1, 1012).
Kaule bezeichnet als Wort zunächst allgemein eine ‚Vertiefung im Boden‘. Es kann eine natürliche Vertiefung sein, z.B. eine Erdmulde oder flache Grube, gelegentlich auch mit Wasser gefüllt. Zumeist sind jedoch von Menschen gegrabene Löcher und Gruben gemeint, die dazu dienen, landwirtschaftliche Vorräte aufzubewahren und zu überwintern, Abfälle zu lagern und natürliche Materialien (Stein, Sand, Schiefer, Lehm usw.) zu gewinnen. Daneben können mit Kaule auch Tierlager und -suhlen, Fanggruben, Schindgruben sowie ‚kleine Pflanzlöcher‘ gemeint sein (DWB ebd.; PfälzWb 4, 140; RheinWb 4, 330).
Kaule/Kuhle ist vorwiegend in Nordhessen bekannt, sonst überwiegt das weitverbreitete Kaute (SHessWb 3, 1218; WaldWb 60; Vilmar 231; B. Martin 1933, 10ff.; Reichmann 78 und K. 4).
Der FlN Kaule/Kuhle bezieht sich, wie auch Kaute, meist auf die oben beschriebenen Lager-, Nutz- und Vorratsstätten. Gelegentlich benennt der Name auch Fanglöcher, Schindgruben, Suhlen u.ä. (SHessWb ebd.; Dittmaier 135; KehreinNb 470ff.; KehreinWb 218).
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Die Identifizierung der Kaule/Kuhle-Namen machte eine besondere Betrachtung der morphologischen Namenstruktur notwendig. Gerade im Mittelhessischen sind gleichlautende Kaule/Kuhle-Namen belegt, die von mhd. kugele, kugel sw. f. ,Kugel‘, md. kûle (Lexer 1, 1765) abzuleiten sind und daher nicht zu dem hier bearbeiteten Namen gehören.
Kaulenköpfchen u.ä. bezeichnen kleinere Berge, kugelige Erhöhungen (DWB 11 (V), 349; RheinWb 4, 326), Kaulbahn, Kuhlbreite u.ä. entspricht dem Namen Kegelbahn (DWB ebd.), der meist die länglichschmale Form des Flurstücks beschreibt oder den Platz des Spieles selber meint (Dittmaier 135, Genzel 149). Kauleich/Kuhleich ist entstanden aus kontrahiertem Kugel > Kuhl + leich, thür. ,Spiel‘, abgeleitet von mhd. leich ‚Spiel, Tanz‘ (Lexer 1, 1863; Kluge/Mitzka 432), mit der Bedeutung ‚Platz für Spiel und Feste‘. Im östlichen Hessen ist Leich als ‚Spiel mit Tonkugeln‘ bekannt (Vilmar 243f.; vgl. Kugelleich DWB 11 [V], 2542f.).
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 94
Wingert m.‚ Weingarten m. / Weinberg m.
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Wingert, ahd. wîngart st.m., wîngarto sw.m. (Schützeichel 236), mhd. wîn-gart st.m., wîn-garte sw.m. (Lexer 1, 903) ‚Weingarten, Weinberg‘ ist „unser ältester Ausdruck für das Grundstück, auf dem Reben gebaut werden“ (Kluge/Mitzka 861). Ähnlich wie Bangert (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 21) < mhd. boumgarte, entsteht die sprachliche Form Wingert durch Kürzung des Vokals, Teilassimilierung von /n-g/ > /ŋ-g/ und weitergehende Velarisierung zu /ŋ/‚ wobei das im Nebenton stehende -gart(e) zu -gert abgeschwächt wurde, teilweise unter Ausfall des /r/, manchmal aber mit erhaltenem Endungs-/e/, besonders in der gesenkten Form /veŋe(r)d(e)/. Als Wort ist Wingert in den südlichen und mittleren Landesteilen Hessens gebräuchlich (v. Pfister 337, KehreinWb 442).
Weingarten bleibt im nördlichen und östlichen Hessen monophthongisch, teils mit Vokalkürzung (/vi:n-, vin/-, teils zusätzlich mit /-n/-Ausfall (/vi(:)/-)). Entsprechendes gilt für die mündlichen Formen von Weinberg.
Der FlN Wingert/Weingarten bezieht sich als ,Weingarten‘ auf einen (ursprünglich gehegten) Garten, der als privates Eigentum dem Gartenrecht unterlag (Bader 3, 83-91). Die Schließung (,Bannung‘) der Wingerte vor der Weinlese stellt noch heute ein Relikt dieser rechtlichen Sonderstellung dar. Weinberg ist erst spätmhd. als wîn-bërc st.m. ,Weinberg‘ (Lexer 3, 898) belegt und wohl als Ellipse aus mhd. wîngartbërc entstanden (Lexer 3, 902; DWB 28 [XIV, I, 1], 867, 922). Das Wort ist in Hessen ebenfalls gebräuchlich. Wo Wingert gebraucht wird, ist es heute mit diesem gleichbedeutend.
Sprachgeschichtlich ist Weinberg das jüngere Wort; es ist seit dem 13./14. Jh. zuerst im Ostmitteldt. produktiv geworden und hat, von dort ausgehend, das ältere Wingert, nicht zuletzt aufgrund des Sprachgebrauchs Luthers, zurückgedrängt (Götze 1924, 280-285; DWB 28 [XIV, I, 1] 867ff. und 30 [XIV, II], 337; für die Pfalz vgl. E. Christmann 1965, 190f.). Daraus ergibt sich für die hessischen Weinberg-FlN das Problem, ob sie nur junge, katasteramtlich-künstliche, gar spöttische Namengebungen (Stroh 42f.; zustimmend Dittmaier 338) oder fälschliche Umdeutungen aus ehemaligen Winnbergen (< ahd. winne, wunnja, wunna ,Grasplatz, Weideplatz, Wiese‘) (Dittmaier 347) darstellen, wofür Schröder 152 und - mit Einschränkungen - Arnold 539ff. plädieren (vgl. Bach 2 § 371), oder sich tatsächlich auf (ehemaligen) Weinbau beziehen. Eng verbunden damit ist die Frage, was die heutige Verbreitung der Wingert/Weinberg-Namen in Hessen über die frühere Verbreitung des Weinbaus in Hessen aussagt.
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Während die Identifizierung der Wingert-Namen unproblematisch ist, ist die etymologische Abteilung von Weinberg als ,Weinberg‘ oder ,Weideberg‘ von den rezenten Namenformen her unentscheidbar. Dies gilt verstärkt für die ost- und nordhessischen Gebiete mit unterbliebener Diphthongierung (zur Grenze vgl. Wiesinger K. 8), wo neben vielen Winbergen auch viele (mundartliche und amtliche) Weinberge stehen.
Im ganzen Raum finden sich Wein-Namen, die vom Kombinationstyp ziemlich zuverlässig auf winne ‚Weide‘ schließen lassen, z. B.: „Weinsesse“ (4726a4 Motzenrode WMK); „Weinsoder“ (5714b4 Strinz-Trinitatis HTK); „Weinplatz“ (4621b2 Ehlen KSK); „Winplatz“ (5415c2 Allendorf/Wetzlar LDK); „Weintriesch“ (54l4a5 Wilsenroth LIW, aber: „Weingarten Triescher“: 5317b3 Krofdorf-Gleiberg GIE); „Weinborn“ (5022c3 Wallenstein SEK, 5116c1 Quotshausen MBK, 5116c4 Niederdieten MBK, 5424b1 Dietershausen FUL, 5617d4 Maibach WET, 5721d1 Breitenborn a.W. MKK, aber auch „Wingertsborn“: 5516a1 Rohnstadt LIW); „Wein-“/„Windelle“ (4825a2 Rechtebach WMK, 5022b1 Schwarzenborn SEK, 5022b2 Grebenhagen SEK, 5022c3 Wallenstein SEK, aber auch: „Winbergsdelle“: 4926a4 Ulfen WMK).
Eine Scheidung nach anderen sprachlichen Kriterien als dem Kombinationstyp ist ausgeschlossen.
Es wurden entsprechend alle Wingert- und Weinberg-Namen aufgenommen, soweit der Kombinationstyp das zuließ.
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 23
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Rechtehinweise
Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Kaute-Wingert: Im Kauten wingert (Geislitz)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/711299_im-kauten-wingert> (aufgerufen am 04.11.2026)
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