Har-Seife: in den Hahseifen

Historischer Beleg aus Allendorf  
Gemeinde
Greifenstein
Landkreis
Lahn-Dill-Kreis
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Beleg

Standard-Flurname

Har-Seife

Belegort

Belegtyp

historisch

Belegzeit

1835

Quelle

Fürstliches Archiv Braunfels, VII, 15.

Deutungen

Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Har

Hier liegen mehrere namengebende Motive vor: (1) Einige Namen gehören sicher zu ahd. hâro, hâr, mhd. hâr st.N., nhd. Haar ‚Flachs‘ (Linum usitatissimum). Namengebend waren Anbauflächen (Hargarten) von Flachs und Stellen, an denen der Flachs mittels Wasser- oder Tauröste (Harschwärze) weiterbearbeitet wurde. (2) Bei einigen liegt offenbar Umdeutung bzw. Kontrastschreibung von Hor ‚feuchte, sumpfige Stelle‘ (s.d.) vor. (3) Im Einzelfall liegt den Namen die dialektale Form von Heide (s.d.) /ha:r(e)/ zu Grunde, so offenbar in Oberkleen.

Seife

Die Namen gehören als Substantivbildung von mhd. sîfen st. V. ‚tröpfeln, triefen‘ zu mhd. sîfe sw. M. ‚Bächlein, von einem Bächlein durchzogene Bergschlucht‘; in FlN im Flachland auch im Sinne von ‚feuchte Stelle‘. In Mittelhessen schwankt das Genus zwischen mask. und fem., während die Namen in Südhessen nur fem. Genus aufweisen.

Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Seife

Die Namen gehören als Substantivbildung von mhd. sîfen st. V. ‚tröpfeln, triefen‘ zu mhd. sîfe sw. M. ‚Bächlein, von einem Bächlein durchzogene Bergschlucht‘; in FlN im Flachland auch im Sinne von ‚feuchte Stelle‘. In Südhessen weisen die Namen durchweg fem. Genus auf; in Nlieb liegt Diminutiv vor. Die auch im Pfälzischen vorkommenden Seifds-Namen gehen wohl auf mhd. *sîfezen zurück, vgl. lothringisch-elsässisch sifzen ‚durchsickern, tröpfeln, feucht sein‘, das als Intensivbildung mit dem Suffix -ezzen, -izzen ebenfalls zu mhd. sîfen st. V. gehört. Amtlich wurde der FlN an seufzen angeschlossen.

Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)

Flachs m. / Har-

Auf den Flachsanbau, vor allem aber auch auf die Weiterverarbeitungsanlagen (→ Roße K. 28), beziehen sich viele FlN, in denen teils das Wort Flachs, teils das Wort Har enthalten ist. (Das synonyme Wort Lein kommt in hessischen FlN nur vereinzelt und gestreut vor).

Der Flachs gehörte zu den Sonderkulturen, die ursprünglich meist in Beunen (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 15) und Gärten angebaut wurden (Bader 3, 98). Anbau und Verarbeitung des Flachses spielten bis ins 19. Jh. eine wichtige Rolle im bäuerlichen Wirtschaftssystem (Kammer 29-53; weitere Lit. über die Flachswirtschaft in Hessen s. Demandt 1, 625f.). Von den Arbeitsgeräten finden der Schwingstock und der Blauel (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 59) als Formnamen ihren Niederschlag in hessischen FlN.

1A

Flachs, ahd. flahs, st.m. ‚Flachs, Docht‘ (Karg-Gasterstädt/Frings 3, 941), mhd. vlahs st.m., md. flas (Lexer 3, 385; DWB 3 [III], 1700f.) ist als Wort im Hessischen allgemein verbreitet und wird auch von E. Alberus verwendet (SHessWb 2, 759; Crecelius 376; Kammer 33 u.ö.). Im Waldeckischen ist flas neutr., entsprechend dem niederdt. Wortgebrauch (WaldWb 33; vgl. Kluge/Mitzka 201) < mnd. vIas (vlasch) n. (Lasch-Borchling 1, 739). In den mündlichen Namenformen stehen sich wie im Dialekt die Hauptvarianten /flags/ und /flas/ mit dem Lautwandel > (K. Wagner 1926, 30-46; 1927, 33-47; vgl. HSS K.204-206 und Textband 295-297) gegenüber.

1B

Mit Har- u.ä. gebildete Namen gehen auf ahd. haru, haro (Graff 4, 987), mhd. har st.m. ,Flachs‘ (Lexer 1, 1182; Kluge/ Mitzka 278) zurück. Das Wort ist noch im Oberdt. lebendig (DWB 10 [IV‚ II], 6); im Hessischen begegnet es nur in Namen (SHessWb 3, 129).

2

Während die Identifizierung der Flachs-Namen keine Schwierigkeiten bereitet, ist die Eingrenzung der Har-Belege außerordentlich unsicher, weil Har- sich in Namen mit von mhd. hor st.n. ,kotiger Boden, Kot, Schmutz‘ (Lexer 1, 1337) stammenden Herleitungen vermengt hat, die nach formalen Kriterien nicht auseinanderzuhalten sind. Um wenigstens einen Grundbestand an hinreichend sicheren Har-Namen herauszufiltern und damit ungefähr deren Verteilung in hessischen Namen herauszufinden, wurden einige Kombinationstypen ausgewählt: Ganz sicher sind davon die Bildungen Harras‚ Harres u.ä. (< Har-roße; vgl. Stroh 34; Dittmaier 102) und Harschwärze (in 4822d3 Maden SEK, 4921b6 Trockenerfurth SEK, 5117c1 Kernbach MBK, 5316b1 Bechlingen LDK), wo der Flachs zum schwärzenden Faulen ausgelegt war, sowie Harhechelwiese (in 5718d2 Rodheim v.d. Höhe WET). Höchst wahrscheinlich zu Har- gehören die Typen Harkaute, -acker, -feld‚ -garten (vgl. Dittmaier 101f.). Nur diese Kombinationstypen sind berücksichtigt.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 27

Seife m. f.

1

Der Seife(n) oder die Seife, mhd. sîfe sw.m. ‚Bächlein, von einem Bächlein durchzogene Bergschlucht‘ (Lexer 2, 912) hat nichts mit nhd. Seife, mhd. seife sw.f. (Lexer 2, 854) zu tun, es sei denn über eine - fragwürdige - Wurzelverwandtschaft *sîp- (DWB 16 [X, I], 190; vgl. Weigand/Hirt 2, 836f.; Kluge/Mitzka 699). Bei Seife in FlN handelt es sich um eine Substantivierung zu mhd. sîfen ,tröpfeln, triefen‘ (Lexer ebd.); entsprechend mnd. sîpen > sip m.n. ‚träge rinnender Wasserlauf, Bach, kleiner Fluß‘ und sîpe, sippe ,wasserhaltiger Grund, feuchte Niederung‘ (Lasch/Borchling 3, 240). Die FlN scheinen ebenso wie die GewN und SN auf Seifen verhältnismäßig jung zu sein (Barth 39). Als Wort kommt Seife in Hessen nach Vilmar 381 nicht mehr vor, ist aber noch 1567 in dieser Eigenschaft belegt. KehreinWb 374 verzeichnet den Gebrauch des Wortes für das südwestliche Nassau.

In FlN bezieht sich Seife auf ein breites Spektrum von Geländeformen, das vom ‚engen, schluchtartigen Tal mit Rinnsal‘ bis zu ‚feuchter Stelle in Acker und Wiese‘ reicht (Dittmaier 287), deren gemeinsames Merkmal aber stets hervortretendes oder sickernd-quellendes Wasser bzw. Nässe ist (KehreinWb ebd.; Arnold 517; Crecelius 78l; HNassWb 3, 562).

Der in Hessen häufige FlN wird aber - im Gegensatz zum angrenzenden Westerwald und Bergischen Land - nur selten als GT zur SN-Bildung herangezogen: Großseifen, Langenseifen RTK (vgl. Vogt 1900; Bach 2 § 621).

Der FlN ist in Hessen entweder mask., meist der Seifen, oder fem., meist die Seife; das in den Lexika angegebene neutr. Genus findet sich nur vereinzelt (auch wenn bei Präpositionalgefügen eine eindeutige Entscheidung, ob mask. oder neutr., nicht zu treffen ist). In einer Reihe von Fällen zeigt die vokalische Dialektvariante - in Übereinstimmung mit Crecelius ebd. und abweichend vom Befund des HNassWbs ebd. -‚ daß angleichende Umdeutung in nhd. Seife stattgefunden hat. Das gilt vor allem für die /sa(:)f/-Belege‚ die mhd. /ei/ voraussetzen (außer in kleinen Gebieten Westhessens), aber auch wohl für einige /se(:)f/-Belege, soweit sie nicht wie die /si(:)f/-Variante im Monophthonggebiet liegen. Bemerkenswert ist die mehrfach vorkommende Form Seift, deren Endung-/d/ wohl unorganisch (vgl. u. a. Geist für Geiß → Hessischer Flurnamenatlas, Karte 45) ist und kaum auf eine alte /t/-Ableitung verweist (Arnold ebd.). Verhältnismäßig häufig kommen Kollektivierungen des Namens auf -ich vor.

2

In den meisten Fällen ist die Eingrenzung unproblematisch. In Einzelfällen kann Vermengung mit Sieb (nach der Form?) vorliegen, dialektal /saib, se:b, sif/ (vgl. HNassWb 3, 591f.); /-b/-Varianten wurden deshalb nur in begründeten Ausnahmefällen berücksichtigt. Auch die in Nordosthessen mitunter vorkommende Form /sifel/ (in: 4723b1 Quentel WMK, 4726a4 Motzenrode WMK, 4823a3 Melsungen SEK, 4824b3 Hetzerode WMK, 5026d1 Obersuhl HRK) wurde nicht aufgenommen, obwohl Dissimilation mit der Variante /sifen/ vorliegen könnte. Die kollektivierten (?) Belege /saifds/ (6319a2 Unter-Scharbach BGS, 6418c5 Wald-Michelbach BGS) gehören wohl dazu (Meyer = HFB 6, 50).

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 120

Nachnutzung

Rechtehinweise

Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Har-Seife: in den Hahseifen (Allendorf)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/53563_in-den-hahseifen> (aufgerufen am 04.11.2026)

Kurzform der URL für Druckwerke

https://lagis.hessen.de/resolve/de/fln/53563