Wingert-Gewann: neben der Wingert Gewann

Historischer Beleg aus Bürgel  
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Beleg

Standard-Flurname

Wingert-Gewann

Belegort

Belegtyp

historisch

Belegzeit

1790

Quelle

Staatsarchiv Darmstadt, C 2, Nr. 20/1.

Deutungen

Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Gewann

Zu mhd. gewande st. sw. F. ‚Grenze, Umkreis, Acker‘; eigentlich ‚der Grenzstreifen, der beim Wenden des Pfluges entsteht‘. Das Wort gehört daher, wie ahd. giwanta ‚(Jahres-) Wende, Wechsel; Bewandtnis, Beschaffenheit‘ als Ableitung zum schwachen Verb ahd. wenten, mhd. wenden ‚wenden‘. Der durch die Wendefläche des Pflugs an den Enden des Feldes verbleibende Grenzstreifen, der nachträglich vertikal zur Hauptrichtung gepflügt werden musste, fasst die im Prozess der Vergewannung entstandenen Parzellen zu einer Einheit zusammen, auf deren Gesamtheit sich der Begriff Gewann ausweitet. Aus der allgemeineren Bedeutung entwickelt sich schließlich ein Fachbegriff für eine Einteilungseinheit der Ackerflächen, die in Vierecke von gleichartiger Bodenbeschaffenheit aufgeteilt wurden. In den Belegen zeigt sich eine Varianz zwischen fem. und neutr. Genus; viele Belege sind <d>-haltig und stehen damit formal enger an der Ausgangsbedeutung ‚wenden‘.

Wingert

Zu ahd. wîngarto, wingarto, wîngart, mhd. wîngart sw. st. M. ‚Wingert, Weinberg‘. Wingert ist ähnlich wie Bangert aus mhd. baumgarte sw. M. eine alte Zusammenziehung aus wîn-garte. Der Stammvokal /i:/ wurde dabei frühzeitig gekürzt und hat daher die Diphthongierung /i:/ > /ai/ nicht mitvollzogen. Die mundartlich einheimisch gewordene Form Wingert überwiegt klar gegenüber schriftsprachlichem Weingarten, doch handelt es sich bei der Vollform keineswegs nur um jüngere Katasterbildungen. Weingarten ist auch historisch gut belegt. In den Namen spiegelt sich der früher allgemein verbreitete Weinbau in Mittelhessen. Die Namen kennzeichnen meist die Weinberge und Weingärten selbst, teils aber auch die Wege, die dahinführen, Rechtsverhältnisse, Kulturveränderungen u.ä.

Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Gewann

Zu mhd. gewande st. sw. F. ‚Grenze, Umkreis, Acker‘; eigentlich ‚der Grenzstreifen, der beim Wenden des Pfluges entsteht‘. Das Wort gehört daher, wie ahd. giwanta ‚(Jahres-) Wende, Wechsel; Bewandtnis, Beschaffenheit‘, als Ableitung zum schwachen Verb ahd. wenten, mhd. wenden ‚wenden‘. „Der durch die Wendefläche des Pflugs an den Enden des Feldes verbleibende Grenzstreifen, der nachträglich vertikal zur Hauptrichtung gepflügt werden musste, fasst die im Prozess der Vergewannung entstehenden Parzellen zu einer Einheit zusammen, auf deren Gesamtheit sich der Begriff Gewann ausweitet.“1 Aus der allgemeineren Bedeutung entwickelt sich schließlich ein Fachbegriff für eine Einteilungseinheit der Ackerflächen, die in Vierecke von gleichartiger Bodenbeschaffenheit aufgeteilt wurden. Die ältesten Belege zeigen dentalhaltige Formen wie gewande st. sw. F., deren etymologischer Zusammenhang mit wenden noch durchsichtig ist, dann folgt die aus regionaler Assimilierung von /nd/ > /n(n)/ entstandene Form Gewann. Daneben stehen nur wenige der sonst in Hessen häufigeren Gewende-Belege, die als Umlautformen von Gewand zu erklären sind. Das Genus schwankt örtlich verschieden zwischen fem. und neutr.

Wingert

Zu ahd. wîngarto, wingarto, wîngart, mhd. wîngart(e) sw. st. M. ‚Wingert, Weinberg‘. Wingert ist ähnlich wie Bangert aus mhd. boumgarte sw. M. eine alte Zusammenziehung aus wîn-garte. Der Stammvokal /iː/ wurde dabei frühzeitig gekürzt und hat daher die Diphthongierung /iː/ > /ɑɪ/ nicht mitvollzogen. Die mundartlich heimisch gewordene Form Wingert überwiegt klar gegenüber schriftsprachlichem Weingarten, doch handelt es sich bei der Vollform keineswegs nur um jüngere Katasterbildungen. Weingarten ist auch im 15., 16. und 17. Jh. gut belegt. In den Namen spiegelt sich der intensive und früher allgemein verbreitete Weinbau in Südhessen. Die Namen kennzeichnen meist die Weinberge und Weingärten selbst, teils aber auch die Wege, die dahinführen, Rechtsverhältnisse, Kulturveränderungen u. ä.

Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)

Gewann f ‚n.

1

Gewann mit seinen hessischen Hauptvarianten Gewann, Gewenn, Gewende und Wanne, ahd. giwant, giwanta (Graff l, 762), mhd. gewande st.sw.f. und gewende st.n. (Lexer 1, 975, 982) hängt etymologisch mit wenden zusammen „und bezeichnet eigentlich die Stelle, wo der Pflug wendet“ (Dittmaier 88; Kluge/Mitzka 255; Weigand/Hirt 216f.; Bach 2 § 369); mnd. gewende ,Gewann, Acker, Ackerbreite‘ und wande f. ‚Kehre, Grenze‘ (Schiller/Lübben 2, 101 und 5, 586), woraus sich im Niederdt. Wanne ,Gewann‘ entwickelte (Flechsig 1959a, 42-44; Wiswe 434). Die komplizierte Wortgeschichte von Gewann entwickelt DWB 6 [IV, I, 3], 5319-5324, von Gewende DWB 6 [IV, I, 3], 5465-5472; zu Wanne DWB 27 [XIII], 1894.

Der durch die Wendefläche des Pfluges an den Enden des Feldes verbleibende Grenzstreifen, der nachträglich vertikal zur Hauptrichtung gepflügt werden mußte, faßt die im Prozeß der Vergewannung entstehenden Parzellen zu einer Einheit zusammen, auf deren Gesamtheit sich der Begriff Gewann ausweitet. ,Flurabteilung‘ ist dementsprechend auch die heutige Hauptbedeutung von Gewann zumindest in Süd- und Mittelhessen, wenngleich dort auch die engere Vorstellung ,Pflugwende‘ und die weitere ‚die gesamte Feldflur, Gemarkung eines Dorfes‘ nicht unbekannt sind (SHessWb 2, 1325). Das gilt auch für die nassauischen Landesteile (KehreinNb 410).

Auch das in Hessen verbreitete Gewende bezeichnet als Wort das „Ackerland mit gleicher Umwendung beim Pflügen, also Äcker, die an ein und derselben /a:newant/ liegen“, d.h. an den „beiden Kopfenden des Ackers“ (WaldWb 40 und 4). In Gewende hat sich die Vorstellung des ,Wendens‘ stärker erhalten als bei Gewann. Bei großen Fluren konnte sich Gewende auf Unterteilungen dieser Flur beziehen, weil es in mehreren Abschnitten gepflügt wurde, so daß ein Ober-‚ Mittel- und Untergewende entstehen (DWB 6 [IV, I, 3], 5466f.). Anhaltspunkte dafür, daß Gewende in hessischen FlN auch die Bedeutung eines Flächenmaßes haben konnte (DWB 6, [IV, l, 3] 5469f.), gibt es nicht.

Wanne ist als Wort in der Bedeutung ‚Grenze des Ackers‘ in Nordwesthessen belegt (WaldWb 111; Vilmar 448); aber auch - etwas unsicher - in der Bedeutung ,Gewann‘ (HNassWb 4, 508f.).

Die gemeinsame Ursprungsbedeutung von Gewann und Gewende, verbunden mit Ähnlichkeiten der wortgeschichtlichen Bedeutungsentwicklung und nicht zuletzt auf der phonetischen Ähnlichkeit der beiden Wörter beruhend, haben eine Reihe von Interferenzen zwischen beiden Wörtern hervorgerufen, die ihren Niederschlag auch in der sprachlichen Form der FlN gefunden haben. Sie betreffen

- das Genus: fem. und neutr. Formen wechseln, wenn auch nicht beliebig;

- den Stammvokal: Neben /gevan/ steht die umgelautete Form /geven/, die von der durch Assimilation aus gewende entstandenen Form /geven/ vor allem wegen der Genusvermischung nicht zu trennen ist;

- binnen- oder endkonsonantische /n/ bzw. /nd/, die durch Assimilation des letzteren zur gleichen Form zusammenfallen;

- das Fehlen des kollektivierenden Präfixes /ge/- in Wanne.

2

Die Masse der Gewann-/Gewende-Namen ist problemlos identifizierbar. Hingegen sind die Wanne-Namen schwierig zu beurteilen. Zum einen läßt sich die Variante formal nicht von Wanne ,wannenförmige Bodenvertiefung‘ trennen; zum anderen gibt es nur sehr schwache Hinweise, daß Wanne in der Bedeutung ‚Gewann‘ als Wort in Hessen sprachüblich war. Daß die Wanne-Namen dennoch aufgenommen wurden, liegt darin begründet, daß sie als FlN sehr dicht in einem geschlossenen Block von der Wetterau bis an die Eder, unmittelbar anschließend an die Nordostgrenze des Massenvorkommens von Gewann, belegt sind und sonst nur verhältnismäßig selten. Diese Verteilung schließt die generelle Deutung als Bodenvertiefung aus, wenngleich diese zweifellos für eine Reihe von Wanne-Namen das namengebende Motiv war. Die diffus streuenden hessischen Wand-FlN wurden dagegen nicht aufgenommen, da hier anscheinend die Benennung doch meist nach einer anstehenden Erd- oder Felswand erfolgte, obwohl eine Reihe Belege sich vom Kombinationstyp auch zwanglos als Gewann-Namen verstehen ließen. Da bei den Wann-Namen auch die wenigen Wannstein-Namen (,Grenzstein‘) aufgenommen wurden, sind als Ausnahmen auch die seltenen Wandstein- Belege (in 4522d2 Hofgeismar KSK, 4620c3 Ehringen WFK, 4622a3 Dörnberg KSK) berücksichtigt (vgl. Vilmar 448f.; DWB 6 [IV, I, 3], 5324). Unklar bleibt, 0b und ggf. wo die Wanne-Namen sich ursprünglich auf die ,Grenze‘ bezogen.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 7

Wingert m.‚ Weingarten m. / Weinberg m.

1

Wingert, ahd. wîngart st.m., wîngarto sw.m. (Schützeichel 236), mhd. wîn-gart st.m., wîn-garte sw.m. (Lexer 1, 903) ‚Weingarten, Weinberg‘ ist „unser ältester Ausdruck für das Grundstück, auf dem Reben gebaut werden“ (Kluge/Mitzka 861). Ähnlich wie Bangert (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 21) < mhd. boumgarte, entsteht die sprachliche Form Wingert durch Kürzung des Vokals, Teilassimilierung von /n-g/ > /ŋ-g/ und weitergehende Velarisierung zu /ŋ/‚ wobei das im Nebenton stehende -gart(e) zu -gert abgeschwächt wurde, teilweise unter Ausfall des /r/, manchmal aber mit erhaltenem Endungs-/e/, besonders in der gesenkten Form /veŋe(r)d(e)/. Als Wort ist Wingert in den südlichen und mittleren Landesteilen Hessens gebräuchlich (v. Pfister 337, KehreinWb 442).

Weingarten bleibt im nördlichen und östlichen Hessen monophthongisch, teils mit Vokalkürzung (/vi:n-, vin/-, teils zusätzlich mit /-n/-Ausfall (/vi(:)/-)). Entsprechendes gilt für die mündlichen Formen von Weinberg.

Der FlN Wingert/Weingarten bezieht sich als ,Weingarten‘ auf einen (ursprünglich gehegten) Garten, der als privates Eigentum dem Gartenrecht unterlag (Bader 3, 83-91). Die Schließung (,Bannung‘) der Wingerte vor der Weinlese stellt noch heute ein Relikt dieser rechtlichen Sonderstellung dar. Weinberg ist erst spätmhd. als wîn-bërc st.m. ,Weinberg‘ (Lexer 3, 898) belegt und wohl als Ellipse aus mhd. wîngartbërc entstanden (Lexer 3, 902; DWB 28 [XIV, I, 1], 867, 922). Das Wort ist in Hessen ebenfalls gebräuchlich. Wo Wingert gebraucht wird, ist es heute mit diesem gleichbedeutend.

Sprachgeschichtlich ist Weinberg das jüngere Wort; es ist seit dem 13./14. Jh. zuerst im Ostmitteldt. produktiv geworden und hat, von dort ausgehend, das ältere Wingert, nicht zuletzt aufgrund des Sprachgebrauchs Luthers, zurückgedrängt (Götze 1924, 280-285; DWB 28 [XIV, I, 1] 867ff. und 30 [XIV, II], 337; für die Pfalz vgl. E. Christmann 1965, 190f.). Daraus ergibt sich für die hessischen Weinberg-FlN das Problem, ob sie nur junge, katasteramtlich-künstliche, gar spöttische Namengebungen (Stroh 42f.; zustimmend Dittmaier 338) oder fälschliche Umdeutungen aus ehemaligen Winnbergen (< ahd. winne, wunnja, wunna ,Grasplatz, Weideplatz, Wiese‘) (Dittmaier 347) darstellen, wofür Schröder 152 und - mit Einschränkungen - Arnold 539ff. plädieren (vgl. Bach 2 § 371), oder sich tatsächlich auf (ehemaligen) Weinbau beziehen. Eng verbunden damit ist die Frage, was die heutige Verbreitung der Wingert/Weinberg-Namen in Hessen über die frühere Verbreitung des Weinbaus in Hessen aussagt.

2

Während die Identifizierung der Wingert-Namen unproblematisch ist, ist die etymologische Abteilung von Weinberg als ,Weinberg‘ oder ,Weideberg‘ von den rezenten Namenformen her unentscheidbar. Dies gilt verstärkt für die ost- und nordhessischen Gebiete mit unterbliebener Diphthongierung (zur Grenze vgl. Wiesinger K. 8), wo neben vielen Winbergen auch viele (mundartliche und amtliche) Weinberge stehen.

Im ganzen Raum finden sich Wein-Namen, die vom Kombinationstyp ziemlich zuverlässig auf winne ‚Weide‘ schließen lassen, z. B.: „Weinsesse“ (4726a4 Motzenrode WMK); „Weinsoder“ (5714b4 Strinz-Trinitatis HTK); „Weinplatz“ (4621b2 Ehlen KSK); „Winplatz“ (5415c2 Allendorf/Wetzlar LDK); „Weintriesch“ (54l4a5 Wilsenroth LIW, aber: „Weingarten Triescher“: 5317b3 Krofdorf-Gleiberg GIE); „Weinborn“ (5022c3 Wallenstein SEK, 5116c1 Quotshausen MBK, 5116c4 Niederdieten MBK, 5424b1 Dietershausen FUL, 5617d4 Maibach WET, 5721d1 Breitenborn a.W. MKK, aber auch „Wingertsborn“: 5516a1 Rohnstadt LIW); „Wein-“/„Windelle“ (4825a2 Rechtebach WMK, 5022b1 Schwarzenborn SEK, 5022b2 Grebenhagen SEK, 5022c3 Wallenstein SEK, aber auch: „Winbergsdelle“: 4926a4 Ulfen WMK).

Eine Scheidung nach anderen sprachlichen Kriterien als dem Kombinationstyp ist ausgeschlossen.

Es wurden entsprechend alle Wingert- und Weinberg-Namen aufgenommen, soweit der Kombinationstyp das zuließ.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 23

Nachnutzung

Rechtehinweise

Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Wingert-Gewann: neben der Wingert Gewann (Bürgel)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/52756_neben-der-wingert-gewann> (aufgerufen am 03.11.2026)

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