Angewann-Stück: genant das angewand stuck

Historischer Beleg aus Laufenselden  
Gemeinde
Heidenrod
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Beleg

Standard-Flurname

Angewann-Stück

Belegort

Belegtyp

historisch

Belegzeit

1554

Quelle

Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abteilung 303, Akten Nr. 370.

Deutungen

Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Angewann

Bedeutungsgleich mit Anwender (s.d.).

Stück

Im FlN Stück, ahd. stuki, mhd. stücke, stück, stucke, stuck st. N. ‚Teil wovon, Stück‘ schwingt meist die allgemeine Bedeutung ‚Acker, Feld, Land, Gartenland‘ mit, wobei die Teilbezeichnung für das Ganze steht (‚ein schönes Stück‘). Im Unterschied zu Südhessen, wo zahlreiche Vermengungen mit Stock (s. d.) und Stecken (s. d.) die Identifizierung erschweren, sind die mittelhessischen Vorkommen eindeutig.

Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Stück

In Stück haben sich offensichtlich drei verschiedene Namen vermengt: Stück N., ahd. stuki, mhd. stücke, stück, stucke, stuck st. N. ‚Teil wovon, Stück‘ einerseits und Stock (s. d.) und Steck(en) (s. d.) andererseits. -stück als GT bezieht sich meist auf Grundstücke, die durch den BT spezifiziert werden; es schwingt hier, wie bei anderen Stück-Namen, auch die allgemeine Bedeutung ‚Acker, Feld, Land, Gartenland‘ mit, wobei die Teilbezeichnung für das Ganze steht (‚ein schönes Stück‘). Verschiedentlich begegnet in den FlN das Diminutiv Stückel. - Andere Stück-Namen sind hyperkorrekt aus den beiden anderen Namen entstanden, die ihrerseits zahlreiche Übergänge und Vermischungen aufweisen. Hierhin gehören wohl vor allem die Belege mit schwacher Flexion (Stücken) sowie diejenigen, deren Endung als Kollektivierungsanzeiger verstanden werden kann (Bieber, Dieburg, Froschhausen, Klein-Krotzenburg). Umgekehrt können über Senkung und Entrundung auch in diesen Lemmata einzelne Stück-Namen aufgegangen sein.

Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)

Anwender m.; Anwand f.; Angewann f.

1

Von den zahlreichen Wort- und Namensynonymen, die die Pflugwendestelle bezeichnen, werden hier die Haupttypen zusammengenommen, in deren sprachlicher Form die Vorstellung des ‚(Pflug-)Wendens‘ noch enthalten ist und die sich deshalb eng an Gewann/Gewende (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 7) anschließen. Zu den Namenentsprechungen Anthaupt und Vorrat → Hessischer Flurnamenatlas, Karte 9.

Anwender und Anwand gehen zurück auf ahd. anauant, anauuanta f. (Karg-Gasterstädt/Frings 1, 455f.)‚ mhd. anwande, anwant, anwende st.f. ‚Grenze, Grenzstreifen (die Stelle, wo der Pflug wendet)‘, anwender st.m. ‚angrenzender Acker‘ (Lexer 1, 85). So wie sich bei Gewann die Bedeutung auf das zwischen den Wendestellen liegende Feld ausweitete, so erweiterten Anwand/Anwender wie Angewann ihre semantische Geltung auf den angrenzenden Acker, auf dem der Pflug gewendet werden durfte (Vollmann 40; Dittmaier 15). Der vom Wortbildungstyp im Mhd. noch nachvollziehbare Bedeutungsunterschied zwischen anwende f. und anwender m. verwischt sich so aus Sachgründen (vgl. DWB 1 [I], 513f.‚ 518). Der Ursprung von Anwand, aber auch der umgelauteten /e/-Formen (Anwand, Anwender), liegt wohl im oberrheinischen Raum. Die Bezeichnungen verbreiteten sich rheinabwärts im West- und Ostmitteldt. und reichten bis ins Niederdt. (Schmidt-Wiegand 1983, 256f.; HSS K. 7 und Textband 103f.). Sie sind zum „Rechtswort im Sinne eines besonderen Kulturwortschatzes geworden“, weil „dank der semantischen Differenzierungen, die Anwand/Anwende im Laufe seiner Geschichte erfuhr, … sich mit seiner Hilfe verschiedene, beieinanderliegende Aspekte des Nachbarrechts bei Überfahrts-, Wege- und Grenzrechten ausdrücken ließen“ (Schmidt-Wiegand 1983, 259f.; vgl. DRWb l, 774-777; HRG 1, 191f.).

Während Vilmar 15 Anwand und Anwender als synonym beschreibt („Anwender … was anwand, ein Acker auf dessen lange (breite) Seite andere Aecker mit der schmalen Seite (Stirnseite) stoßen.“), hebt Crecelius 37 für Anwand die Eigenschaft ‚Ackergrenze, Rand eines Ackerfeldes‘ hervor. Auch KehreinWb 47 betont die Bedeutungsgleichheit der beiden Wörter, zu denen er auch Ang(e)wann zählt. Das WaldWb 4, 6 gibt für das Waldeckische anewant f. als ‚die beiden Kopfenden des Ackers‘ und anwenger m. als ‚Acker, an welchen mehrere Kopfenden andrer Äcker stoßen‘ an. Synonymie von Anwand, Angewann und Anwender nimmt auch das SHessWb 1, 249, 309 an.

Von den hessischen FlN her können mögliche Unterschiede in den Sachbezügen nicht entschieden werden. Verglichen werden kann hingegen mit den Bezeichnungen für die Pflugwende im Wortgebrauch (H. Christmann; DWA IV ‚Pflugwende‘). Die Verhältnisse, wie sie die Wortatlaskarte zeigt, sind auch in Hessen außerordentlich differenziert. Gliedert man ganz grob, so gilt heute: In Nordhessen herrscht Anewand vor, in Osthessen Anwender. Im mittleren Hessen überwiegt Vorrat, Forrer, das nach Westen zu von einem schmalen Ende-Gebiet abgelöst wird, während Westhessen vom Taunus bis ins Lahn-Dill-Gebiet Gewann haben. In Südhessen herrscht im östlichen Teil Vorende, im westlichen Teil Anthaupt vor.

In den FlN finden sich nur die hier und in →K. 9 wiedergegebenen Namen häufiger wieder. Auf die Wiedergabe seltener oder sehr unsicher zu identifizierender FlN mußte verzichtet werden.

2

Es wurden nur die Namen aufgenommen, deren mündliche bzw. amtliche Form mit hinreichender Sicherheit zu einer der drei Hauptvarianten zu stellen sind. Da die Bezeichnungen für die Pflugwende dazu neigen, außerordentlich stark „zersprochen“ zu werden, gibt es vermutlich noch eine Reihe von Belegen, deren Zugehörigkeit zum Typ nicht festgestellt werden konnte.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 8

Stück n.

1

Stück, ahd. stuki, stu(c)che st.n. ‚Stück, Teil‘ (Schützeichel 186) mhd. stücke, stück; stucke, stuck (Lexer 2, 1259) ist „seit dem 13. Jh. im Sinne von Acker, Feld, Grundstück, zuerst besonders in Flurbeschreibungen bezeugt“ (DWB 20 [X,IV], 212). In dieser Bedeutung ist Stück auch für das Hessische (HNassWb 3, 872) belegt. Als FlN bezieht sich Stück darauf oder auf ein „Teilstück eines Ganzen, also auch von Wald und Wiese“ (Dittmaier 307).

Da ca. 3500 rezente FlN mit Stück gebildet sind, mußte eine Auswahl getroffen werden, damit ein aussagefähiges Bild zustandekommt. Ausgewählt wurden solche Namentypen, in denen sich das Merkmal des Feldteils, des größeren Flurstücks besonders deutlich widerspiegelt: Neben dem Simplex Stück die Typen, die auf ein verhältnismäßig großes Stück hindeuten (großes, langes, breites Stück), sowie diejenigen, die im BT auf Besitzstücke geistlicher oder weltlicher Herren hinweisen. Damit wird auch der agrargenetische Gesichtspunkt berücksichtigt, daß viele Stück-Fluren besonders groß sind und anscheinend oft erst verhältnismäßig spät in die Vergewannung einbezogen wurden, also nicht nur „kleinere Teile des Restlandes“ darstellen (Flechsig 1959a, 44). Darauf deuten auch die aufgenommenen Kombinationstypen mit Stück als BT (Stück(s)acker‚ Stück( s)feld) hin.

Diese Namentypen dürften zudem die älteren Schichten der Stück-Namen repräsentieren, denen die zahlreichen, oft wohl jungen Wiesen-‚ Kraut-‚ Erlenstücke usw. gegenüber stehen.

2

1. Etwas fraglich ist die Zugehörigkeit der wenigen stuck-Namen, doch scheint es sich um Reste nichtumgelauteter Formen zu handeln.

2. Abweichend vom sonstigen Verfahren wurde bei Stück auf die Kennzeichnung vom Mehrfachvorkommen am Ort verzichtet, weil es auf die speziellen Namentypen ankam.

3. Baumstück (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 12) ist nicht aufgenommen.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 48

Nachnutzung

Rechtehinweise

Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Angewann-Stück: genant das angewand stuck (Laufenselden)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/484136_genant-das-angewand-stuck> (aufgerufen am 06.11.2026)

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