Stoß-Rain: VOR DEM STOSSRAIN
Weitere Belege
- vor dem stossreine
Staatsarchiv Marburg, Kataster, 1737, 1745
Deutungen
Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Rain
Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. - Vereinzelt kann auch ein PN namengebend sein, so bei der Reynewiesen 1489 in Oppenrod, wo gleichzeitig eine Reyne Elsen als Eigentümerin genannt wird (Eckhardt).
Stoß
Name eines Waldstücks mit Steilhang. Der Name gehört deshalb zu ahd. mhd. stôz st. M. ‚Stich, Stoß‘ in der Bedeutung ‚jäher Abhang, Hügel‘.
Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Rain
Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. Im Südhess. ist die Bedeutung ‚mit Gras bewachsener Abhang; steiler Abhang an der Längsseite von terrassenförmig am Hang liegenden Äckern‘ vorherrschend; mit ungefähr gleicher Bedeutung wird (in FlN seltener) das Wort Rech verwendet. Ein Wechsel von Rain und Rech in FlN kommt in Südhessen jedoch nur in Ausnahmefällen vor. Formen mit einfachem Stammvokal sind in der Mundart häufig, in schriftlichen Belegen selten (etwa in Götzenhain, Viernheim). Im Westen sind Vermischungen mit dem GewN Rhein möglich. In Babenhausen hat eine Umdeutung stattgefunden
Stoß
Von den beiden Hauptbezügen der Stoß-FlN als ‚jäher Abhang, Hügel‘ und ‚Stelle, wo Äcker aufeinanderstoßen‘ trifft hier der erste Sachverhalt zu, da der FlN an einem ziemlich steilen Hang haftet. Der Name geht damit auf ahd. mhd. stôʒ st. M. ‚Stich, Stoß‘ zurück.
Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)
Rain m.
- 1
Rain, ahd. nur schwach in Namen bezeugt (Graff 2, 527; Förstemann 2, 2, 532), mhd. rein st.m. ,begrenzende Bodenerhöhung, Rain, limes‘ (Lexer 2, 388), mnd. rein ‚Rain, Grenze‘ (Schiller/Lübben 3, 451) ist ein gemeindt., „uraltes Wirtschaftswort ..., das den Streifen Landes bezeichnete, der ungebaut zwischen dem Ackerland zweier Gemarkungen gelassen wurde, sei es als ebenes Grasland oder als Bodenerhöhung“ (DWB 14 [VIII], 72; vgl. Kluge/Mitzka 579; Weigand/Hirt 2, 520; Dittmaier 239). Während im niederdt.-niederländischen Sprach- und Namengebrauch die Komponente ,Ackergrenze‘ vorherrschend wurde (vgl. für Limburg Goossens K. 11-13; Alpers/Barenscheer 127; Wiswe 344), gilt im Oberdt. daneben hauptsächlich die Bedeutung ,Abhang‘ (vgl. Valtavuo 120f.; Keinath 54, 114).
Rain bezieht sich im hessischen Sprachgebrauch heute fast ausschließlich auf kurze steile Abhänge, vor allem zwischen Ackerterrassen (SHessWb 4, 1193; HNassWb 2, 752), und ist deshalb synonym mit Rech im Südwesten und Ufer/Oiwer im Norden (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 84; zur Wortgrenze vgl. B. Martin 1925, 144).
In den mündlichen Formen der FlN herrschen entsprechend dem dialektalen Sprachgebrauch (Wiesinger K. 15 und 19) neben /rain/ die aus mhd. /ei/ entstandenen monophthongischen Formen /ra:/ und /re:/‚ teils weiter zu /ro:/ und /ri:/ gehoben, vor, wobei /ra:/ vereinzelt zu /rao, rou/ diphthongiert wurde. Wo das auslautende -/n/ erhalten ist, erfolgte mitunter Gutturalisierung zu -/ŋ/.
Die Raine sind teils natürlichen Ursprungs, teils aber auch erst durch terrassierende Pflugtechnik, durch Ablage von ausgelesenen Steinen oder durch Heckenpflanzungen entstanden (zur Heckenwirtschaft im Vogelsberg vgl. W. Kuhn). Insofern können u. U. bestimmte Kombinationstypen wie alter, langer, hoher, steinerner Rain Hinweise auf frühere Ackersysteme vor der Vergewannung enthalten (H. Jäger 33; Kroh 110).
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 83
Stoß m. / Stutz m.
- 1A
Der Stoß, ahd. stôz st.m. (Schützeichel 185), mhd. stôz, st.m. (Lexer 2, 1217) ist Substantivierung zu stoßen (Weigand/Hirt 2, 980). In FlN haben sich - von der allgemeinen Bedeutung des ,(An-)Stoßens‘ ausgehend - zwei verschiedene Sonderbedeutungen niedergeschlagen: l. ‚jäher Abhang, Hügel‘ (Dittmaier 304; nach RheinWb 8, 762 auch ‚kurzer, steiler Weg, Anstieg‘), das sich auch im Wortgebrauch in Hessen restweise nachweisen läßt (HNassWb 3, 813). 2. ‚Stelle, wo Äcker aufeinanderstoßen‘ (Dittmaier ebd. nach KehreinNb 567), also sachentsprechend Anwender, Anthaupt (K. 8, 9) (DWB 19 [X, III], 475). Die Namenformen und Kombinationstypen sowie die Verbreitung der Namen machen es wahrscheinlich, daß die Hauptmasse der Namen auf die erste Bedeutung zurückgeht. Stoß, durchweg kurzvokalisch, weist neben der dialektal üblichen Hebung > /u/ (/ʃdus/‚ manchmal /ʃdu:s/) mitunter eine umgelautete Variante /ʃdös, ʃdes, ʃdis/ auf. Vereinzelt sind unverschobene Formen < mnd. stôt m. (Schiller/Lübben 4, 417) belegt.
- 1B
Der Stutz, mhd. stuz, stutz st.m. ‚Stoß, Anprall‘ (Lexer 2, 1283), ist eine Substantivierung zu stutzen ‚stoßen, hemmen, zögern, prangen, aufrecht stehen‘, einem Intensivum zu stoßen (Kluge/Mitzka 762). Das Wort ist in der Bedeutung ‚Stoß‘ und in der Redensart auf den Stutz ‚plötzlich, unerwartet‘ im Hessischen gebräuchlich (Crecelius 825; Vilmar 407; HNassWb 3, 892; vgl. DWB 20 [X, IV], 738). Aus der Bedeutungskomponente von stutzen ‚steil aufrecht stehen oder stellen‘ (DWB 20 [X, IV], 767) hat sich vor allem im Alemannischen Stutz ‚steiler Hang‘ herausgebildet (DWB 20 [X, IV]‚ 739), das auch im Odenwald und in Mainfranken verbreitet ist (Valtavuo 75-77). Mit diesem Sachbezug tritt auch der hessische FlN auf. Neben Stutz ist die gesenkte Form /ʃdods/ üblich.
- 2B
Bei Stutz ist in Einzelfällen Vermengung mit Stutzen m. ‚Stumpf, Stummel‘ (DWB 20 [X, IV], 755) nicht auszuschließen. Wahrscheinlich gehören die Belege in 5718d2 Rodheim v.d.H. WET, 6117b1 Pfungstadt DAD, 6217d1 Allmendfeld GRG eher zu Stutzen. Manchmal scheint Vermischung mit Sturz eingetreten zu sein, was von der Sache her mit ‚Bergabfall‘ erklärt werden kann.
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 88
Nachnutzung
Rechtehinweise
Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Stoß-Rain: VOR DEM STOSSRAIN (Gertenbach)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/421116_vor-dem-stossrain> (aufgerufen am 04.11.2026)
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