Jude-Loch: JUDENLOCH [joudenloch]

Rezenter Beleg aus Adorf  
Gemeinde
Diemelsee
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Beleg

Standard-Flurname

Jude-Loch

Belegort

Belegtyp

rezent

Deutungen

Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Jude

Zu ahd. judeo, mhd. jude, jüde sw. M. ‚Jude‘. Der Name erscheint mit einer ungewöhnlichen Vielfalt im GT. Es lassen sich dabei Namentypen unterscheiden, die auf Begräbnisplätze hinweisen, Namen, die auf die spezifische Benutzung von Wegen (auch Judenluft in Grünberg: zu laufen?) Bezug nehmen und Namen, die auf die Präsenz von Juden in der ländlichen Siedlungsgemeinschaft hindeuten. Die Belege für Judengasse dokumentieren die vor allem in Städten, teilweise aber auch in Dörfern aufgezwungene Ansiedlung in Gettos. Manchmal markiert der Name das Fremde, so der Judenköppel in Mainzlar, der sich auf ein vorgeschichtliches Grab bezieht (Ortsliste). Unbekannt ist das namengebende Motiv für die Judeneiche. - Selten ist der FamN Jude namengebend, der auch historisch im Raum bezeugt ist; sicher nur im FamN Hans Jude.

Loch

Wohl meist zu ahd. loh, loch ‚Loch, Öffnung, Hähle‘, mhd. loch st.N. ‚Gefängnis, Versteck, Höhle, Loch, Öffnung‘. In FlN bezieht sich Loch auf alle Arten von Geländevertiefungen, von der sanften Mulde bis zum steilen Taleinschnitt. Vermengungen bestehen mit anderen Namen, vor allem mit Loh und Lache 2 (s.d.).

Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Jude

Zu ahd. judeo, mhd. jude, jüde sw. M. ‚Jude‘. In den südhess. FlN ist der Name seit Beginn des 15. Jh.s bezeugt und erscheint mit einer ungewöhnlichen Vielfalt von verschiedenartigen GT. Es lassen sich dabei Namentypen unterscheiden, die wie Judenkirchhof, Judenfriedhof, Judenbegräbnis und vielleicht Judensand (Schönberg) auf Begräbnisplätze weisen, Namen, die wie Judenweg, Judenpfad auf die spezifische Benutzung dieser Wege Bezug nehmen und Namen wie Judenacker, Judenwiese oder Judengarten, die auf die Präsenz von Juden in der ländlichen Siedlungsgemeinschaft hindeuten. Die Belege für Judengasse in Beerfelden, Dieburg, Götzenhain, Groß-Umstadt und Klein-Umstadt dokumentieren die vor allem in Städten, teilweise aber auch in Dörfern aufgezwungene Ansiedlung in Gettos. Neben dieser vergleichsweise häufigen Namenkombination stehen einzelne Belege wie Judeneck, -buckel oder -spitze, die sich wohl auf Flurstücke beziehen, die in Besitz von Juden waren. Gesondert zu deuten sind die Belege des Typs Judenbusch, -hecke, denen vermutlich die Pflanzenbezeichnung Judendorn (für die Hunds- oder Heckenrose, Rosa canina) zu Grunde liegt. Das Judenkreuz in Unter-Hambach war vermutlich ein Sühnekreuz1. Das Simplex in Nieder-Modau geht auf Besitz der Adelsfamilie Jude v. Stein zurück2.

Loch

Wohl meist zu ahd. loh, loch ‚Loch, Öffnung, Höhle‘, mhd. loch st. N. ‚Gefängnis, Versteck, Höhle, Loch, Öffnung‘. In FlN bezieht sich Loch auf alle Arten von Geländevertiefungen, von der sanften Mulde bis zum steilen Taleinschnitt. Allerdings ist mit einer größeren Zahl von Überschneidungen mit anderen Namen zu rechnen: Lache1 ‚kleineres stehendes Gewässer‘ (Darmstadt?, Gräfenhausen? u. a.), Lache2 ‚Grenzmarkierung‘ (so vielleicht im mehrfach vorkommenden Namen Lochweg) oder auch Loh ‚Gehölz, Wäldchen‘ (Erzhausen, Langen, Lindenfels?), vor allem bei den Diminutiven. Dem FlN aus Laudenau liegt der FamN Loch zu Grunde; Löcher als BT von Namenkomposita muss nicht immer als Pluralform von Loch aufgefasst werden, sondern kann auch auf einen FamN Locher oder Loher (Braunshardt) zurückführen.

Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)

Jude m.

1

Jude, ahd. Judeo sw.m. ,Jude' (Schützeichel 94) mhd. Jude, jüde sw.m. (Lexer 1, 1484) leitet sich von dem Namen eines der alten israelischen Stämme, dem Stamm Juda, her (Kluge/Mitzka 334). „Jude heißt sowohl der Bewohner des jüdischen Landes im Alten Testament als auch der von dort Vertriebene, der eigene Art und eigenen Glauben sich bewahrt hat“ (DWB 10 [IV‚ II], 2352).

Das Auftreten dieses Namens in Flurbezeichnungen ist seit dem Mittelalter allgemein verbreitet und historisch vor allem aus der rechtlichen und gesellschaftlichen Sonderstellung der Juden als einer in vielfältiger Weise diskriminierten Minderheit zu erklären. Der rezente FlN-Bestand Hessens weist eine Fülle mit Jude gebildeter Namen auf, von denen allerdings nur wenige in den regionalen Wörterbüchern Berücksichtigung gefunden haben (SHessWb 3, 991ff.; KehreinWb 212; Nb 467; Crecelius 493). Der jeweilige Sachbezug ist gerade bei diesen Namen häufig mit besonderen örtlichen und historischen Gegebenheiten verknüpft und bedarf vielfach auch noch der genaueren Aufklärung. Gleichwohl lassen sich bestimmte generelle Sachbezüge im Namenbestand herausstellen.

Eine große Zahl dieser FlN steht in Zusammenhang mit vorübergehender oder dauerhafter örtlicher Ansiedlung von Juden. Das gilt an erster Stelle für jene Gruppe von Namen, die auf entsprechende Wohnstätten bzw. Wohnkomplexe Bezug nehmen. Die den Juden traditionell vor allem in Städten, teilweise aber auch in Dörfern aufgezwungene Ansiedlung in Ghettos schlägt sich besonders in dem Kombinationstyp Judengasse nieder, wofür vereinzelt auch Judenstraße und in 4825c1 Reichensachsen WMK „Judenanger“ begegnet. Auf Siedlung bzw. Kultus nehmen ferner die FlN Judenschule bzw. Judenkirche (als weniger gebräuchliche Synonyme für ,Synagoge‘) und Judenbad Bezug. Selten sind die auf einzelne Wohnstätten bezogene FlN „Judenhaus“ (5421d4 Ulrichstein VBK, 5813c5 Langschied RTK) „Jutestube“ (5417d4 Dorlar LDK) und „Judenhof“ (4323a3 Gewissenruh KSK). In unmittelbarem Zusammenhang mit dem jüdischen Gemeindeleben steht die Vielzahl der Begräbnisplätze bezeichnenden FlN Judenfriedhof, -totenhof‚ -kirchhof, wofür mitunter auch Judengruft und Judenbegräbnis begegnen. Zweifelhaft ist, ob zu dieser Namengruppe auch der FlN Judensand zu stellen ist (DRWb 6, 561), da die hessischen Beispiele (5819a3 Dörnigheim MKK, 59l4a4 Hallgarten RTK) keinerlei Anhaltspunkte für ehemalige Friedhöfe in der entsprechenden Flur bieten.

Als eine eigene Gruppe zu betrachten sind die im außerörtlichen Bereich begegnenden FlN Judenweg, -pfad‚ -hohl u. ä. Die Namengebung dürfte in aller Regel auf eine spezifische Benutzung dieser Wege durch Juden beruhen. Die Deutung ‚Weg, der zu einem jüdischen Begräbnisplatz führt‘ (Dittmaier 123) erklärt allerdings nur eine der möglichen Funktionen dieser Wege. Mitunter handelt es sich um alte Triebpfade, die speziell von jüdischen Viehhändlern benutzt worden sind: „Am Judenpfad“ in 5318d6 Salzböden GIE; „Judenpfad“ in 6117c1 Darmstadt DAD (v. Hahn = HFB 4, 42); „Judenschneise“ in 58l9b1 Klein-Auheim MKK (Ott 1971, 214). In 62l7c1 Bickenbach DAD diente der „Judenpfad“ dem Gang zu der im Nachbarort gelegenen Synagoge (Reeg = HFB 7, 62). Ein Beispiel dafür, daß sich die Namengebung aber auch lediglich mit einem einmaligen Ereignis verknüpfen kann, liefert der FlN „Judenhohl“ in 6319b6 Lauerbach ODW, der auf einen Mord an einem Juden Bezug nimmt.

Auf die Präsenz von Juden in der ländlichen Siedlungsgemeinschaft deutet ferner eine ganze Reihe von Komposita, in denen Jude in Verbindung mit geläufigen Bezeichnungen für Kulturland auftritt (Judenländer, -gewann‚ -stück‚ -acker‚ -morgen‚ -gärten‚ -weide‚ -rod‚ -driesch) oder mit GTen kombiniert ist, die bildhaft auf bestimmte Flurformen Bezug nehmen (Judenspitze, -winkel‚ -ecke, -horn‚ -sack). Es kann sich hierbei um Fluren handeln, die vorübergehend oder auch längerfristig von Juden bewirtschaftet worden sind. Der Name kann aber auch lediglich mit einer früheren Verpfändung des betreffenden Flurstücks an einen Juden verknüpft sein und damit auf die besondere, von starken Vorurteilen belastete Rolle der Juden im Geldverleih zielen. Generell ist bei der Deutung dieser Namen zu berücksichtigen, daß Juden vor allem in der Zeit vor der sog. Emanzipation des frühen 19. Jahrhunderts landwirtschaftliche Erwerbstätigkeit, wenn überhaupt, so nur unter starken Einschränkungen zugestanden war. Insbesondere die Veräußerung von Grund und Boden an Juden unterlag bis zur Emanzipationszeit strengen landesherrlichen Verboten. Ebenso wie mit kulturlandschaftlichen Namen tritt das Wort Jude in einer nicht unbeträchtlichen Zahl von FlN auch in Verbindung mit naturräumlichen Stellenbezeichnungen wie Berg, Kopf, Küppel, Tal, Grund, Graben oder auch mit Gewässernamen wie Born oder Lache auf. Das Spektrum an möglichen Sachbezügen dürfte bei dieser Gruppe verhältnismäßig breit sein. Dabei ist hier auch mit der Möglichkeit sekundärer Namengebung zu rechnen, wie im Falle des „Judenköpfchens“ in 4923d1 Binsförth SEK, das seinen Namen offensichtlich dem unmittelbar benachbarten „Judenfriedhof“ verdankt. Allgemein ist zu beobachten, daß FlN dieser Gruppe vielfach in Orten bzw. Gemarkungen auftreten, in denen die Präsenz von Juden auch durch siedlungsgeschichtlich signifikantere FlN oder andere historische Zeugnisse belegt ist, so daß auch in Fällen, wo ein mit naturräumlichen Stellenbezeichnungen gebildeter FlN isoliert auftritt, grundsätzlich mit einem örtlichen siedlungsgeschichtlichen Bezug zu rechnen ist.

2

Die zahlenmäßig kleine Gruppe der FlN vom Typ Judenbusch, -strauch, -hecke blieb unberücksichtigt, weil sie sich vermutlich auf den Judendorn ‚Rosa canina‘, eine volkstümliche Bezeichnung für die Hunds- oder Heckenrose (SHessWb 3, 996) beziehen. Die vier Belege für Judengalgen (in 5518b2 Wohnbach WET, 5519a2 Berstadt WET, 5520a4 Kohden WET, 5619d6 Echzell WET) sind in → Hessischer Flurnamenatlas, Karte 195 aufgenommen.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 20

Loh n.

1

Loh, ahd. belegt als lôh st.m. ,Hain‘ (Schützeichel 116), mhd. 1 lôch st.m.n. ‚Gebüsch‘ (Lexer 1, 1949), ist, einst gemeindt. Wort, heute nur noch in einzelnen Dialekten lebendig (DWB 12 [VI], 1127; Kluge/Mitzka 445; Weigand/Hirt 2, 79). Etymologisch ist Loh mit lat. lucus verwandt und vielleicht die „altertümlichste der Waldbezeichnungen“ (Schröder 185). Doch ist die von Arnold 505 geäußerte Vermutung, „daß das Wort ursprünglich gleich dem lat. lucus die dem religiösen Cultus geweihten Waldorte bezeichnet und erst in der christlichen Zeit einen allgemeineren Sinn angenommen hat“, nicht haltbar (Bach 2 § 362; Trier 1952, 114-125; Debus 1968, 43).

Im 19. Jh. war Loh in Hessen „nur noch selten“, wohl aber „als Eigenname von Walddistricten äußerst häufig, nur erscheint es sehr oft verderbt in den Formen Lohn und Löhn (Lehn)“. Es bedeutet auch hier ‚Hain, kleines Gehölz, Buschwerk, welches einzeln mitten im angebauten Felde liegt‘ (Vilmar 252; vgl. v. Pfister 164f.; Crecelius 563). Heute ist Loh als Wort verschwunden (SHessWb 4, 377; HNassWb 2, 162; WaldWb 62).

Als gleichbedeutend mit Loh wird Hain angenommen, das als ostmitteldt. Wort unter dem Einfluß Luthers in der Neuzeit Loh verdrängt hat (Kluge/Mitzka 445).

2

Loh ‚Gehölz‘ ist nur sehr unsicher zu identifizieren, da Loh einerseits mit drei gleichlautenden anderen Bedeutungen konkurriert und andererseits spezifische dialektale Weiterentwicklungen der Form aufweist.

1. Gleichlautend mit Loh ,Gehölz‘ sind Loh n., Lohe f. ‚von den Gerbern zum Beizen gebrauchte Rinde‘ und Loh f. ,Sumpfwiese, sumpfige Stelle‘ (DWB 12 [VI], 1128, 1130), das auch in Hessen gelegentlich vorzukommen scheint (KehreinNb 498; Debus 1968, 43; vgl. Dittmaier 189f.). Während letzteres wegen des Genus leicht auszuscheiden ist (vorausgesetzt, Loh ,Gehölz‘ hat keine fem. Variante entwickelt), vermengen sich Loh ,Gehölz‘ und Loh ,Rinde‘ unlöslich, denn ob bei einem Waldstück die Eigenschaft als Gehölz oder die aus diesem gewonnene, allerorten benötigte Lohrinde namengebende Ursache war, läßt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Selbst bei den zahlreichen Lohmühlen, die in der Regel nach dem Mahlen der Lohrinde benannt sind, kann man nicht ganz sicher sein, wie der historische Nachweis der „Luhmühle“ bei 5417b4 Großen-Linden GIE: 1298 „in molendino, quod dicitur zůme Lo“ (Reichardt 242) zeigt.

Das einzige sichere Kriterium, um eine Teilmenge der Loh ,Gehölz‘-Namen zu identifizieren, ist der Strukturtyp; denn Loh ,Rinde‘ kommt nicht in der syntaktischen Position des Simplex oder als GT vor. Diese Position wird als sicher für Loh ,Gehölz‘ betrachtet; Loh als BT blieb deshalb unberücksichtigt, obwohl sich Loh darin auch vielfach auf ein Gehölz bezieht. Unberücksichtigt blieben wegen der möglichen Vermengung mit Loh ‚Sumpfwiese‘ alle fem. Belege. Eine Vermengung mit Lohe f. ‚wallende Glut‘ ist (trotz v. Pfister 164f.) nicht anzunehmen, weil dieses Wort kaum FlN-gebend gewesen sein dürfte.

2. Die dialektale Weiterentwicklung von mhd. lôch ,Gehölz‘ bereitet weniger deshalb Schwierigkeiten, weil im Einzelfall Vermengung mit mhd. loch ‚Loch‘ oder lâche ,Grenzzeichen‘ (Lexer 1, 1807) vorliegen kann, sondern vor allem, weil es einerseits eine umgelautete Nebenform mit ungeklärtem Status (vgl. Dittmaier 190) und eine schwach deklinierte, im Dativ (Plural ?) -n-haltige Nebenform gibt (vgl. Vilmar 252; Debus 1968, 45). Dadurch ist die sichere Trennung solcher Loh-Namen von Namen, die sich auf die „Lahn“ (dial. /le:/) beziehen oder die auf Lohn(e), Lehen, Lehne, sogar Leimen (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 104) zurückgehen, unmöglich. Von den umgelauteten Belegen wurden deshalb nur die mutmaßlichen Diminutive (meist dial. /li:çe/), Plurale sowie einige Namen mit -/n/ aufgenommen, die aufgrund des Struktur- und Kombinationstyps mit hoher Wahrscheinlichkeit hierher gehören.

3. Wegen der vielfältigen Unsicherheiten gelten hier nur die nach den angegebenen Kriterien verhältnismäßig sicheren Loh ,Gehölz‘-Namen.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 123

Nachnutzung

Rechtehinweise

Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Jude-Loch: JUDENLOCH (Adorf)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/372576_judenloch> (aufgerufen am 03.11.2026)

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