Bulle-Grien: BULLENGRUEN [bullengrien]

Rezenter Beleg aus Lendorf  
Gemeinde
Borken (Hessen)
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Beleg

Standard-Flurname

Bulle-Grien

Belegort

Belegtyp

rezent

Deutungen

Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Grien

Zu mhd. grien, grîn st. M. N. ‚Kiessand, sandiges Ufer‘. Das Wort ist verwandt mit teils gleichbedeutendem nhd. Gries und Grind, und auch die FlN-Belege sind oft nicht voneinander zu trennen. Da sich zusätzlich Vermischungen mit grün und Grund ergeben haben, können hier nur wenige sichere Namen aufgeführt werden.

Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)

Farren m. / Brüll-; Brummel-; Fasel-; Reitochse m. / Bulle m. / Stier m.

1

Die zahlreichen Bezeichnungen für den Zuchtstier beziehen sich entweder auf den Ort oder die Weide, wo der Stier gehalten wurde, oder auf Grundstücke, deren Ertrag dem Stierhalter zugute kam.

Am häufigsten ist der Farr(en) belegt, ahd. far, st.m. farro sw.m. (Karg-Gasterstädt/Frings 3, 567,630), mhd. var st.m., varre sw.m. (Lexer 3, 20, 24). Während das Wort im Ahd. nur selten schwach flektiert wird, ist dies im Nhd. die Regel (Weigand/Hirt 1, 501; Kluge/Mitzka 185; DWB 3 [III], 1333). Im Hessischen ist Farr(en) südlich des Mains noch als Wort gebräuchlich, wird auch von E. Alberus (ein farr / steigfarr) genannt (SHessWb 1, 356f.). KehreinWb 133 verzeichnet als rhein. Faremschwanz ,Ochsenziemer‘, stellt aber keine FlN zu Farren (Nb 383).

Mehrfach wird die allgemeine Bezeichnung Ochse spezifiziert, um das Faseltier zu bezeichnen:

Brüllochse (zu brüllen) ist oder war anscheinend als Wort in ganz Hessen verbreitet (SHessWb 1, 1169; WaldWb 16; KehreinWb 98; Crecelius 214). Vilmar 289 nennt es „die üblichste Bezeichnung des Zuchtochsen“; v. Pfister 37 ergänzt, daß es „zumal auch kindlichem Munde“ angehöre. Jedoch nur Crecelius 214 erwähnt auch die Substantivierung der Brüller, die in hessischen FlN häufiger vorkommt.

Brummelochse (zu brummen) war wohl ein weniger gebräuchliches Synonym, besonders in Süd- und Mittelhessen (SHessWb 1, 1172; KehreinWb 98; Crecelius 214; Vilmar 289), wird aber von v. Pfister 37 als „eine weit im Lande verbreitete Benennung“ angeführt.

„Hier und da“ (KehreinWb 327), „nicht viel gebräuchlich“ (Crecelius 690), hauptsächlich anscheinend im Westhessischen (HNassWb 2, 838), ist die Bezeichnung Reitochse (mhd. rît-ohse sw.m.; Lexer 2, 467) verbreitet (DWB l4 [VIII], 789).

Vereinzelt schließlich kommt in hessischen FlN der Faselochse vor, zu ahd. fasal st.m.n. ‚Same, Frucht; Nachkomme‘ (Karg-Gasterstädt/Frings 3, 640f.), mhd. vasel st.m. ‚der Fortpflanzung dienendes männliches Vieh, Zuchtstier ...‘ (Lexer 3, 28), bei Alberus Fasel ‚semen‘ (Crecelius 365). Fasel bezieht sich auch auf weibliche Zuchttiere und Jungtiere (Faselschwein, Fasellamm; WaldWb 28; vgl. Weigand/Hirt l, 502; Kluge/ Mitzka 185; DWB 3 [III], 1337). Im Hessischen war Fasel, zumindest in bezug auf den Zuchtstier, anscheinend nicht sonderlich verbreitet (vgl. v. Pfister 311) und überlagert in Südhessen erst in jüngerer Zeit die alten Synonyme (SHessWb 2, 360). In FlN tritt die Bezeichnung selten auf; deshalb wurden neben Faselochse die wenigen weiteren mit Fasel- gebildeten Namen aufgenommen.

Die Bezeichnung der Bulle stammt aus dem Niederdt.‚ mnd. bulle (Schiller/Lübben 1, 449). Sie wird von J. Grimm (DWB 2 [II], 514) mit bellen in der Bedeutung ,brüllen‘ in Verbindung gebracht, während Weigand/Hirt 1, 306 und Kluge/Mitzka 110 etymologische Urverwandtschaft mit griech. phallos ,Glied‘ annehmen (mit Verweis auf hess. bille, biller ‚Penis‘; Vilmar 37). Im Mitteldt. ist Bulle erst in der Neuzeit belegt, im Hessischen zuerst 1613 (SHessWb 1, 1213). Als Wort wird Bulle außerdem bei KehreinWb 100 als Bullochs und im WaldWb 17 aufgeführt.

Der Stier, ahd. stior m. (Graff 6, 702), mhd. stier st.m. (Lexer 2, 1190) ist ein gemeingerm. Wort (Kluge/Mitzka 749; Weigand/Hirt 2, 971) für das männliche Rind, in der speziellen Bedeutung ,Zuchtstier‘ dialektal aber wohl nur im Alemannischen üblich, sonst „durch andere Wörter, z. B. bulle und farre, stark beschränkt“ (DWB 18 [X,II,2]‚ 2845, 2847). Als Wort ist Stier in Hessen ‚nur spärlich bezeugt‘ (HNassWb 3, 786) und wird von den älteren Wörterbüchern nicht erwähnt.

Wieweit einzelne Ochsen-FIN sich auf den Zuchtstier beziehen, läßt sich nicht feststellen. Ochsen-FlN sind gleichmäßig und dicht über ganz Hessen verbreitet. Eine kartographische Darstellung erübrigt sich, da auch die Verteilung der Hauptvarianten /ogse/ und /o(:)se/ nicht erkennbar von der dialektalen Verbreitung abweicht.

2

1. Bei den Farren-Namen ist Vermengung mit nhd. Farn nicht auszuschließen.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 44

Grind m. (n. ?) / Grien m./n. / Knatz m.

1A

Grind, ahd. grind, grint (Graff 4, 330), mhd. grint st.m. (Lexer 1, 1087) hat neben der nhd. Bedeutung ‚Schorf, Ausschlag‘ die ältere Bedeutung ‚Sand, Kies‘, die nach DWB 9 [IV, I, 6), 368 außerhalb des Niederfränkischen „nur in Spuren zu belegen“ ist. Das Verhältnis zu oberdt. Grind m. ,Kopf‘ ist unklar (DWB ebd.; Kluge/ Mitzka 271; Weigand/Hirt 1, 769; SchwäbWb 3, 839). Im Wortgebrauch herrscht in Hessen die Bedeutung ‚Schorf, Ausschlag‘, auch ‚Krätze‘ (Crecelius 437) vor, aber auch die Bedeutung ‚Kopf‘ ist nicht unbekannt (KehreinWb 174; SHessWb 2, 1466; WaldWb 41).

In hessischen FlN bezieht sich Grind meist auf ‚Kies, Sand‘ (Vilmar 137); vereinzelt bezeichnet der Name auch Bergkuppen (Einzelnachweise bei Stroh 9f.; Arnold 49); zu mhd. grinte sw.m. ‚Bergrücken‘ (Lexer 1, 1086).

1B

Grien „‚Sand, Kies‘; ein vorzugsweise alem. Wort, das erst in mhd. Zeit erscheint; selten im Md. als grîn und im Mnd. als grên“ (DWB 9 [IV, I, 6], 262); mhd. grien ‚Kiessand, sandiges Ufer‘ (Lexer 1, 1080). Als Wort ist Grien in Hessen heute unbekannt. Der FlN, „besonders häufig dem Oberrhein entlang“ (Buck 90; vgl. Zink 82f.‚ BadWb 2, 471), aber auch in den Rheinlanden nicht selten (Dittmaier 93), bezieht sich in Hessen wie dort auf sandig-kiesige Bodenbeschaffenheit (SHessWb 2, 1462; Stroh 8ff.).

1C

Knatz ist herzuleiten von mhd. gnaz st.m. ‚Schorf, Ausschlag‘ (Lexer 1, 1041), das seit dem ausgehenden 13. Jh. belegt und „ursprünglich wohl ein md. Wort (ist), das sich weithin über das nd. Sprachgebiet verbreitete. ... Das Ausgangsgebiet (vermutlich Hessen und Thüringen) kennt gnatz nur als Mask.“ (DWB 8 [IV, I, 5], 625; vgl. Hertel 108). Das mit ahd. gnîtan ‚reiben‘ etymologisch verbundene Wort (Weigand/Hirt 1, 746) ist bei Estor 1409 als „gnatz auf dem kopf, vom grinde flüsend“ für Hessen belegt. Vilmar 131, der die Bedeutungen ‚Krätze; Grind, besonders Kopfgrind; schmutziger Geiz‘ angibt, weist darauf hin, daß Gnatz im Hessischen im Anlaut mit stimmlosem Verschlußlaut /k/ gesprochen werde; diese Form ist auch meist in den FlN belegt.

Der in den gängigen Namenbüchern nirgendwo erwähnte FlN Knatz, Plur. Knätze scheint sich bildlich auf die sandig-kiesige- ,grindige‘ Beschaffenheit des Bodens zu beziehen, oft wohl auf der Kuppe größerer oder kleinerer Bodenerhebungen, wofür die vorherrschende Präpositionalfügung auf dem Knatz einerseits und der als einziger häufiger vorkommende Kombinationstyp Steinknatz andererseits sprechen. Das bei Leineweber 36 vereinzelt belegte Adjektiv knatzig in bezug auf ‚feuchte Stelle in der Wiese‘ ist deshalb eher mit Knatsch ‚Schmutz‘ zu verbinden. In Thüringen bezeichnet das Wort Gnatz neben ,Grind‘ allerdings auch ‚schweren, tonigen, unfruchtbaren Boden‘ (K. Spangenberg briefl.).

2A

Die Identifizierung der Grind- und Grien-Namen ist mit zahlreichen Unsicherheiten belastet. Wegen der phonetischen Ähnlichkeit, vor allem wegen des dialektal möglichen /d/- Ausfalls bei /grind/, lassen sich die rezenten Belege nur selten eindeutig sprachhistorisch einem der beiden Namentypen mit Bestimmtheit zuordnen, zumal Umdeutungen in historischen Belegreihen mehrfach bezeugt sind (Vilmar ebd.; Stroh ebd.; vgl. Dittmaier 93f.).

Deshalb kann im wesentlichen nur unterschieden werden, ob eine /d/-haltige rezente Form vorliegt oder nicht, wobei die /d/losen Belege in der Masse allerdings - schon wegen der vorherrschenden Vokallänge - zu /gri:n/ zu stellen sind.

Die Abgrenzungsprobleme gegen andere Namentypen sind vielfältig:

1. Grind vermengt sich im Plural und Diminutiv mit dem sehr häufigen FlN Grund (/grine, grinçe/ ; vgl. Ott 174), so daß diese Belege nicht berücksichtigt wurden.

2. Grien ist schwer von grün zu trennen, zumal der Name offensichtlich mehrfach in diese Bedeutung umgedeutet wurde (vgl. Arntz 15). Es wurde so verfahren, daß nur grün als Simplex oder GT als umgedeutetes /gri:n/ gewertet und deshalb aufgenommen wurden, obwohl im Einzelfall ein substantiviertes Grün ‚grüner Platz‘ (Dittmaier 95; Buck 91) nicht auszuschließen ist.

3. Die diphthongierte Form Grein, Krein (< mitteldt. /gri:n/) wurde aufgenommen, wenn die Herkunft von einem Besitzernamen (so in 5120b3 Gleimenhain VBK „Greinheinerswiese“) oder der zentralhessischen grün-Form mit steigendem Diphthong (/groin/) unwahrscheinlich ist. Entscheidend sind hier also nur die Grind- und Grien-Namen, die von der rezenten Form her mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den Namentypen gehören.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 102

Nachnutzung

Rechtehinweise

Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Bulle-Grien: BULLENGRUEN (Lendorf)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/341871_bullengruen> (aufgerufen am 04.11.2026)

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