Jude-Driesch: Jude-Driesch [jirrentriesch]
Deutungen
Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Driesch
Driesch ‚erschöpfter Acker, der brach liegen bleibt; Weide‘, mhd. driesch st. M.N. ‚unangebautes Land, ungepflügter Acker‘ ist in OrtsN bereits seit dem 8. Jahrhundert bezeugt. Das ursprünglich niederdt. Wort zählt vermutlich mit den Adjektiven mittelniederländ. und alem. driesch ‚brach‘ zu einer sk-Erweiterung von germ. *preuta- ‚ermüden, erschöpfen‘. Der in Hessen nördlich des Mains sehr häufig belegte FlN gehört in einen nördlichen Sprachzusammenhang. Da aus mhd. /ie/ im Untersuchungsgebiet steigender Diphthong /ei/ wird, finden sich häufiger Formen mit /ei/ (oder gerundet /oi/), die mit Dreis (s.d.) zusammenfallen können. Bei älteren Belegen ist deshalb eine klare Scheidung nur möglich, solange die Diphthongierung noch nicht eingetreten war. - Driesch hat in Cleeberg die Sonderbedeutung ‚einschürige Wiesen und Schafweiden‘ (Jäger).
Jude
Zu ahd. judeo, mhd. jude, jüde sw. M. ‚Jude‘. Der Name erscheint mit einer ungewöhnlichen Vielfalt im GT. Es lassen sich dabei Namentypen unterscheiden, die auf Begräbnisplätze hinweisen, Namen, die auf die spezifische Benutzung von Wegen (auch Judenluft in Grünberg: zu laufen?) Bezug nehmen und Namen, die auf die Präsenz von Juden in der ländlichen Siedlungsgemeinschaft hindeuten. Die Belege für Judengasse dokumentieren die vor allem in Städten, teilweise aber auch in Dörfern aufgezwungene Ansiedlung in Gettos. Manchmal markiert der Name das Fremde, so der Judenköppel in Mainzlar, der sich auf ein vorgeschichtliches Grab bezieht (Ortsliste). Unbekannt ist das namengebende Motiv für die Judeneiche. - Selten ist der FamN Jude namengebend, der auch historisch im Raum bezeugt ist; sicher nur im FamN Hans Jude.
Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Driesch
Driesch ‚erschöpfter Acker, der brach liegen bleibt; Weide‘, mhd. driesch st. M. N. ‚unangebautes Land, ungepflügter Acker‘ ist in ON bereits seit dem 8. Jh. bezeugt. Das ursprünglich niederdt. Wort zählt vermutlich mit den Adjektiven mittelniederländ. und alem. driesch ‚brach‘ zu einer sk-Erweiterung von germ. *þreuta- ‚ermüden, erschöpfen‘. Der in Hessen nördlich des Mains sehr häufig belegte FlN gehört in einen nördlichen Sprachzusammenhang und ist daher in Südhessen verhältnismäßig selten. An Varianten begegnen - falls die Belege sicher hierher gehören - Drays (zur Variante mhd. treis), Dreit-sand (aus *Traitz-sand
Jude
Zu ahd. judeo, mhd. jude, jüde sw. M. ‚Jude‘. In den südhess. FlN ist der Name seit Beginn des 15. Jh.s bezeugt und erscheint mit einer ungewöhnlichen Vielfalt von verschiedenartigen GT. Es lassen sich dabei Namentypen unterscheiden, die wie Judenkirchhof, Judenfriedhof, Judenbegräbnis und vielleicht Judensand (Schönberg) auf Begräbnisplätze weisen, Namen, die wie Judenweg, Judenpfad auf die spezifische Benutzung dieser Wege Bezug nehmen und Namen wie Judenacker, Judenwiese oder Judengarten, die auf die Präsenz von Juden in der ländlichen Siedlungsgemeinschaft hindeuten. Die Belege für Judengasse in Beerfelden, Dieburg, Götzenhain, Groß-Umstadt und Klein-Umstadt dokumentieren die vor allem in Städten, teilweise aber auch in Dörfern aufgezwungene Ansiedlung in Gettos. Neben dieser vergleichsweise häufigen Namenkombination stehen einzelne Belege wie Judeneck, -buckel oder -spitze, die sich wohl auf Flurstücke beziehen, die in Besitz von Juden waren. Gesondert zu deuten sind die Belege des Typs Judenbusch, -hecke, denen vermutlich die Pflanzenbezeichnung Judendorn (für die Hunds- oder Heckenrose, Rosa canina) zu Grunde liegt. Das Judenkreuz in Unter-Hambach war vermutlich ein Sühnekreuz
Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)
Driesch n.m.
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Driesch, mhd. driesch st.m.n. ,unangebautes Land, ungepflügter Acker’ (Lexer 1, 462), mnd. drêsch, drîsch (dreys) m. (Lasch/Borchling l, 475), gilt etymologisch als unklar (Weigand/Hirt l, 378; Kluge/Mitzka 143; DWB 2 [2], 1408). Im Gegensatz zu Dittmaier, der Driesch zu germ. *preu(t) ,ermüden, mangeln, untauglich werden’ stellt und ein westgerm. *priutisk als Adj. annimmt (Dittmaier 1960, 726 danach auch ²DWB 6, 1391), führt Förste 63 in Anlehnung an v. Pfister 54f. und DWB 22 [XI‚ I, 2], 486 das Wort auf ein Adj. germ. *preuska ,zerrieben, morsch’ zurück, so daß sich das Wort ursprünglich darauf bezogen habe, brachliegendes Land durch mehrfaches Pflügen mürbe und locker zu machen. „Diese ursprüngliche Bedeutung wird sich jedoch früh auf das noch ungepflügte, grasbewachsene Ruheland ausgeweitet haben“ (ebd. 68). In der alten Feld-Gras- Wirtschaft sind Driesche erschöpfte Äcker, die jahrelang brachliegen, sich mit Gras bewachsen und dann als Weide dienen, bevor sie wieder in Ackerland umgebrochen werden (ebd. 57; Dittmaier 54). In der Bedeutung ‚unbebautes, als Viehweide dienendes Land’ wurde das Wort auch in Hessen verwendet (Vilmar 416; v. Pfister 54; Crecelius 296f.; KehreinNb 185, 372; Knöpp 15; SHessWb 1, 1728), woraus sich allerdings auch eine Reihe von Sonderbedeutungen entwickelt haben, z.B. ,einschürige Wiesen und Schafweiden’ in 5517a4 Cleeberg GIE (Jäger = HFB 13, 51) oder ‚regelmäßig bestelltes Ackerland, welches sich von anderen Äckern allein dadurch unterscheidet, daß es erst vor nicht allzulanger Zeit angerodet bzw. anbaufähig gemacht worden ist’ in 5813c5 Langschied RTK (Köster 82).
Charakteristisch für den überaus häufigen hessischen FlN ist die Fülle an Namenvarianten. Neben den Leitformen /dri:ʃ/ und im Waldeckischen /dre:sk/ (WaldWb 23) sind vor allem die Varianten mit rekonstruierbarem Diphthong /ie/ (/dri:ʃ/, /dreiʃ/‚ /dre:ʃ/ usw.) und mit anzusetzendem Monophthong /i/ (/driʃ/, /dridʃ/) von Interesse. Auf die gebietsweise verbreitete Variante /druʃ/ ist unter sprachhistorischem Aspekt besonders hinzuweisen, weil hier wohl eine alte Nebenform mit Schwundstufe westgerm. *prusk- (zu *priosk-) erhalten ist, die sonst hauptsächlich auf das nördliche Niederdt. beschränkt ist (Förste 61). Als Genus herrscht in den hessischen Belegen neutr. vor, daneben vielfach mask. (vgl. Crecelius 296f.).
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Am problematischsten ist die häufige Form Dreis, Treis (dialektal oft zu /dra:s/ monophthongiert), vielfach als Bachname Treisbach. Soweit es sich um auf Siedlungsnamen bezogene Belege handelt („Treysa“ usw.), blieben sie unberücksichtigt. Im übrigen aber wurden sie aufgenommen, weil es kein formales Kriterium gibt, um zu entscheiden, ob diphthongiertes Driesch (ggf. sekundär monophthongiert) zugrunde liegt oder, wahrscheinlich meist bei den Gewässernamen, im BT eine Bedeutung ‚drehen, sprudeln, wallen’ anzusetzen ist (Dittmaier 53). Dieser Namentyp bedarf einer gesonderten Untersuchung. Unsicher ist /ufem dra:sliŋ/ (5717c2 Köppern HTK) (< Träuschling?).
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 32
Jude m.
- 1
Jude, ahd. Judeo sw.m. ,Jude' (Schützeichel 94) mhd. Jude, jüde sw.m. (Lexer 1, 1484) leitet sich von dem Namen eines der alten israelischen Stämme, dem Stamm Juda, her (Kluge/Mitzka 334). „Jude heißt sowohl der Bewohner des jüdischen Landes im Alten Testament als auch der von dort Vertriebene, der eigene Art und eigenen Glauben sich bewahrt hat“ (DWB 10 [IV‚ II], 2352).
Das Auftreten dieses Namens in Flurbezeichnungen ist seit dem Mittelalter allgemein verbreitet und historisch vor allem aus der rechtlichen und gesellschaftlichen Sonderstellung der Juden als einer in vielfältiger Weise diskriminierten Minderheit zu erklären. Der rezente FlN-Bestand Hessens weist eine Fülle mit Jude gebildeter Namen auf, von denen allerdings nur wenige in den regionalen Wörterbüchern Berücksichtigung gefunden haben (SHessWb 3, 991ff.; KehreinWb 212; Nb 467; Crecelius 493). Der jeweilige Sachbezug ist gerade bei diesen Namen häufig mit besonderen örtlichen und historischen Gegebenheiten verknüpft und bedarf vielfach auch noch der genaueren Aufklärung. Gleichwohl lassen sich bestimmte generelle Sachbezüge im Namenbestand herausstellen.
Eine große Zahl dieser FlN steht in Zusammenhang mit vorübergehender oder dauerhafter örtlicher Ansiedlung von Juden. Das gilt an erster Stelle für jene Gruppe von Namen, die auf entsprechende Wohnstätten bzw. Wohnkomplexe Bezug nehmen. Die den Juden traditionell vor allem in Städten, teilweise aber auch in Dörfern aufgezwungene Ansiedlung in Ghettos schlägt sich besonders in dem Kombinationstyp Judengasse nieder, wofür vereinzelt auch Judenstraße und in 4825c1 Reichensachsen WMK „Judenanger“ begegnet. Auf Siedlung bzw. Kultus nehmen ferner die FlN Judenschule bzw. Judenkirche (als weniger gebräuchliche Synonyme für ,Synagoge‘) und Judenbad Bezug. Selten sind die auf einzelne Wohnstätten bezogene FlN „Judenhaus“ (5421d4 Ulrichstein VBK, 5813c5 Langschied RTK) „Jutestube“ (5417d4 Dorlar LDK) und „Judenhof“ (4323a3 Gewissenruh KSK). In unmittelbarem Zusammenhang mit dem jüdischen Gemeindeleben steht die Vielzahl der Begräbnisplätze bezeichnenden FlN Judenfriedhof, -totenhof‚ -kirchhof, wofür mitunter auch Judengruft und Judenbegräbnis begegnen. Zweifelhaft ist, ob zu dieser Namengruppe auch der FlN Judensand zu stellen ist (DRWb 6, 561), da die hessischen Beispiele (5819a3 Dörnigheim MKK, 59l4a4 Hallgarten RTK) keinerlei Anhaltspunkte für ehemalige Friedhöfe in der entsprechenden Flur bieten.
Als eine eigene Gruppe zu betrachten sind die im außerörtlichen Bereich begegnenden FlN Judenweg, -pfad‚ -hohl u. ä. Die Namengebung dürfte in aller Regel auf eine spezifische Benutzung dieser Wege durch Juden beruhen. Die Deutung ‚Weg, der zu einem jüdischen Begräbnisplatz führt‘ (Dittmaier 123) erklärt allerdings nur eine der möglichen Funktionen dieser Wege. Mitunter handelt es sich um alte Triebpfade, die speziell von jüdischen Viehhändlern benutzt worden sind: „Am Judenpfad“ in 5318d6 Salzböden GIE; „Judenpfad“ in 6117c1 Darmstadt DAD (v. Hahn = HFB 4, 42); „Judenschneise“ in 58l9b1 Klein-Auheim MKK (Ott 1971, 214). In 62l7c1 Bickenbach DAD diente der „Judenpfad“ dem Gang zu der im Nachbarort gelegenen Synagoge (Reeg = HFB 7, 62). Ein Beispiel dafür, daß sich die Namengebung aber auch lediglich mit einem einmaligen Ereignis verknüpfen kann, liefert der FlN „Judenhohl“ in 6319b6 Lauerbach ODW, der auf einen Mord an einem Juden Bezug nimmt.
Auf die Präsenz von Juden in der ländlichen Siedlungsgemeinschaft deutet ferner eine ganze Reihe von Komposita, in denen Jude in Verbindung mit geläufigen Bezeichnungen für Kulturland auftritt (Judenländer, -gewann‚ -stück‚ -acker‚ -morgen‚ -gärten‚ -weide‚ -rod‚ -driesch) oder mit GTen kombiniert ist, die bildhaft auf bestimmte Flurformen Bezug nehmen (Judenspitze, -winkel‚ -ecke, -horn‚ -sack). Es kann sich hierbei um Fluren handeln, die vorübergehend oder auch längerfristig von Juden bewirtschaftet worden sind. Der Name kann aber auch lediglich mit einer früheren Verpfändung des betreffenden Flurstücks an einen Juden verknüpft sein und damit auf die besondere, von starken Vorurteilen belastete Rolle der Juden im Geldverleih zielen. Generell ist bei der Deutung dieser Namen zu berücksichtigen, daß Juden vor allem in der Zeit vor der sog. Emanzipation des frühen 19. Jahrhunderts landwirtschaftliche Erwerbstätigkeit, wenn überhaupt, so nur unter starken Einschränkungen zugestanden war. Insbesondere die Veräußerung von Grund und Boden an Juden unterlag bis zur Emanzipationszeit strengen landesherrlichen Verboten. Ebenso wie mit kulturlandschaftlichen Namen tritt das Wort Jude in einer nicht unbeträchtlichen Zahl von FlN auch in Verbindung mit naturräumlichen Stellenbezeichnungen wie Berg, Kopf, Küppel, Tal, Grund, Graben oder auch mit Gewässernamen wie Born oder Lache auf. Das Spektrum an möglichen Sachbezügen dürfte bei dieser Gruppe verhältnismäßig breit sein. Dabei ist hier auch mit der Möglichkeit sekundärer Namengebung zu rechnen, wie im Falle des „Judenköpfchens“ in 4923d1 Binsförth SEK, das seinen Namen offensichtlich dem unmittelbar benachbarten „Judenfriedhof“ verdankt. Allgemein ist zu beobachten, daß FlN dieser Gruppe vielfach in Orten bzw. Gemarkungen auftreten, in denen die Präsenz von Juden auch durch siedlungsgeschichtlich signifikantere FlN oder andere historische Zeugnisse belegt ist, so daß auch in Fällen, wo ein mit naturräumlichen Stellenbezeichnungen gebildeter FlN isoliert auftritt, grundsätzlich mit einem örtlichen siedlungsgeschichtlichen Bezug zu rechnen ist.
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Die zahlenmäßig kleine Gruppe der FlN vom Typ Judenbusch, -strauch, -hecke blieb unberücksichtigt, weil sie sich vermutlich auf den Judendorn ‚Rosa canina‘, eine volkstümliche Bezeichnung für die Hunds- oder Heckenrose (SHessWb 3, 996) beziehen. Die vier Belege für Judengalgen (in 5518b2 Wohnbach WET, 5519a2 Berstadt WET, 5520a4 Kohden WET, 5619d6 Echzell WET) sind in → Hessischer Flurnamenatlas, Karte 195 aufgenommen.
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 20
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Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0
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„Jude-Driesch: Jude-Driesch (Kirchhof)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/340736_jude-driesch> (aufgerufen am 05.11.2026)
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