Ger-Loser-Grund: IM GERLOSER GRUND [im 'gelosər,grɔnd]
Deutungen
Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Ger
Zu ahd. gêr ‚Speer‘, mhd. gêr, gêre st. sw. M. ‚Wurfspieß; keilförmiges, wurfspießförmiges Stück (am Gewand), Schoß, Saum‘. Es handelt sich um einen FormN in Anlehnung an die dreieckige Form der Speerspitze bzw. des Stoffbesatzes als Zwickel. Häufig erscheinen Formen mit Hebung des Stammvokals von /e:/ zu /i:/.
Grund
Zu ahd. grunt ‚Grund, Wurzel‘, mhd. grunt st. M. ‚unterste Fläche, Abgrund, Tal, Grundstück, Grundeigentum‘ bzw. der Pluralform mhd. gründe. In den FlN sind meist Bodenvertiefungen bzw. Talsohlen namengebend.
Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Ger
Zu ahd. gêr ‚Speer‘, mhd. gêr, gêre st. sw. M. ‚Wurfspieß; keilförmiges, wurfspießförmiges Stück (am Gewand), Schoß, Saum‘. Es handelt sich um einen FormN in Anlehnung an die dreieckige Form der Speerspitze bzw. des Stoffbesatzes als Zwickel. Häufig erscheinen Formen mit Hebung des Stammvokals von /e/ zu /i/ bzw. Rundung zu /œ/. Hierher gehört möglicherweise auch girrung (Zellhausen) als Weiterbildung mit dem Suffix -ung. Beeinflussung durch gäh ‚steil, abschüssig‘ liegt wohl in Lengfeld vor. Fraglich ist die Zugehörigkeit des Belegs aus Mosbach; aber die Senkung /e/ > /ɒ/ begegnet öfter (Alsbach, Nauheim).
Grund
Zu ahd. grunt ‚Grund, Wurzel‘, mhd. grunt st. M. ‚unterste Fläche, Abgrund, Tal, Grundstück, Grundeigentum‘ bzw. der Pluralform mhd. gründe. Dazu treten ziemlich häufig Diminutive mit den Suffixen -chen und -lein. In den FlN sind meist Bodenvertiefungen bzw. Talsohlen namengebend. Auch bei Gewässern liegt die Bedeutung ‚tief‘ zu Grunde.
Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)
Ger m.
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In den FlN-Formen Ger, Gehren haben sich zwei Wörter unterschiedlicher Bedeutung vermischt: Zu ahd. gêr st.m. ‚Speer‘ (Schützeichel 68) besteht ahd. eine Ableitung gêro m., mhd. gêr, gêre sw.st.m. (auch f.) mit den Hauptbedeutungen ,keil-(wurfspieß-)förmiges Stück‘, ,keilförmiges Zeugstück am Gewand unterhalb des Gürtels‘ und daraus ,Schoß‘ (Graff 4, 225; Lexer 1, 869; Weigand/Hirt 1, 656, 684; Kluge/Mitzka 242, 249; DWB 5 [IV‚ I, 2], 2542ff.). Diese Wortbedeutungen waren auch in Hessen gebräuchlich (KehreinWb 156); Vilmar 124 betont die Komponente ,Schooß des Weiberkleides, ..., Zwickel‘, während v. Pfister 78 hervorhebt, daß das Wort „als Benennung gewisser Liegenschaften“ „hie und da noch ganz lebendig als wol verstandene Bezeichnung“ existiert. Heute erscheint das Wort in Hessen nur noch vereinzelt, z.T. in Spezialbedeutungen (SHessWb 2, 1263f.).
Als FlN bezeichnet Gehr(en) in Hessen wie anderswo durchweg ein dreieckig keilförmig zulaufendes Grundstück (Dittmaier 87), wobei im Einzelfall nicht entschieden werden kann, ob die bildliche Übertragung von den Vorstellungen ,Wurfspieß‘ oder ,Zwickel‘ usw. abgeleitet ist. Auch die Art der Flexion gibt hier wenig Anhaltspunkte, da die Formen sich früh vermengt haben und weiter dialektal verändert wurden. Eine fem. Nebenform, die von DWB 5 [IV‚ I, 2], 2551 als alt angesehen wird, kommt in hessischen Gehr(en)-Namen mehrfach vor.
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Bei der Hauptmasse der Belege gibt es keine Ein- und Ausgrenzungsprobleme. Kritisch sind Belege mit Gehren- als BT, weil hier im Einzelfall der PN Gero zugrunde liegen kann; vor allem aber als stark flektierter BT in Namen vom Typ Gerswiese, Giersbom u.ä., weil sowohl die Ableitung von gêr st.m. wie von einem PN/ FamN oder auch (im Monophthonggebiet) von Geier in Frage kommt. Heikel sind ferner die nicht seltenen Gerbäche, die z. T. wohl *Gerbbäche sind: sie wurden aufgenommen, wenn die sprachlich-formalen Voraussetzungen für die Identifizierung als *Ger-bach gegeben waren.
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 63
Los n.
- 1
Los in FlN bezieht sich in aller Regel auf ein Stück ehemaligen Gemeinlandes, das aufgeteilt und durch Los an die berechtigten Dorfgenossen ausgegeben wurde (Dittmaier 190), teils auf Dauer, teils auf Pacht (Stroh 37f.), manchmal auch auf den ‚dem Ortsbürger zufallende(n) Anteil Brennholz aus dem Gemeindewald‘ (SHessWb 4, 383) oder einen bei der Erbteilung durch Los gewonnenen Anteil (HNassWb 2, 166).
In den Los-Namen haben sich zwei etymologisch verwandte Varianten vermengt: l. ahd. lôz st.m.n. ‚Los, Schicksal; Spruch; Anteil; Stand‘ (Schützeichel 118), mhd. lôʒ (Lexer 1, 1973), das - im Hinblick auf die Namenentwicklung - stärker den Prozeß des Zuteilens betont; 2. ahd. hluz m. ‚Los, durch Los zugefallenes Grundstück‘ (Graff 4, 1124), mhd. luʒ st.m. (Lexer 1, 1999), das sich auf das Ergebnis der Zuteilung, das Landstück, bezieht (vgl. DWB 12 [VI], 1153-1155; Weigand/ Hirt 2, 83; Vollmann 70; Zink 138).
In den älteren hessischen Wörterbüchern wird Los nicht erwähnt, ist jedoch noch heute gebräuchlich (SHessWb, HNassWb ebd.).
Die beiden sprachhistorischen Formen haben sich durch die Senkung von mhd. /u/ > /o/ sowie durch die Hebung von mhd. /o:/ > /u:/, verbunden mit dem osthessischen Quantitätengesetz und mit hochsprachlichen Einflüssen, in den FlN so vermischt, daß eine Trennung von den heutigen Belegen her nicht mehr möglich ist. Nur die in Südhessen vorkommende Form /lise/ Lüssen (=Pl.) weist eindeutig auf mhd. luʒ, die die ältere Form zu sein scheint und die erst später durch /lo:s/ überlagert wurde (vgl. Ramge 1967, 201).
Sachentsprechend tritt Los in hessischen FlN, wenn nicht BT, meist im Plural auf.
Den gleichen Sachverhalt bezeichnet Teil, ein jüngerer Name, der gleichmäßig über ganz Hessen verteilt in FlN erscheint, nur in Südhessen selten ist, dort aber häufiger in der Form Teilung belegt ist.
- 2
1. Der in Nordhessen mehrfach belegte FlN Liese ist nicht berücksichtigt, da er, bei unklarer Bedeutung, ersichtlich nicht mit Los/Lüssen in Verbindung zu bringen ist.
2. Auszuschließen sind ferner die -los-Namen, die auf den in Mittelund Osthessen verbreiteten SN-Typus zurückgehen, sowie die FlN, die mit den GewN der „Losse“ (re. der Fulda östl. Kassel) und der „Lusse“ (Zufluß zur Bieber bei 5425d6 Hofbieber FUL) zusammenhängen.
3. Umdeutungen und Zersprechungen scheinen nicht vorzuliegen, höchstens in der Büdinger „Luxweide“ (Stroh 37; Corvinus = HFB 22, 86).
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 4
Nachnutzung
Rechtehinweise
Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Ger-Loser-Grund: IM GERLOSER GRUND (Kämmerzell)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/177772_im-gerloser-grund> (aufgerufen am 03.11.2026)
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