Schlicht-Eller: SCHLICHTELLER ['ʃlɛçd,ɛlər]
Deutungen
Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Eller
Eller steht als hessische Variante neben nhd. Erle (Alnus glutinosa) und geht auf ahd. elira ‚Erle‘ zurück.
Schlicht
Der Name geht auf das mhd. Adjektiv sliht, sleht in der alten Bedeutung ‚eben, gerade, glatt‘ zurück (vgl. schlecht). Der mündliche und der historische Beleg weisen einen dialektal bedingten /f/ > /ch/-Wechsel auf.
Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)
Eller
Eller und Ellen stehen als lokale Varianten neben nhd. Erle (Alnus glutinosa) und gehen auf ahd. elira und elina, mhd. erle sw. F. ‚Erle‘ zurück. Daneben steht Ellert als Kollektivbildung. In Erzhausen liegt eher der FamN Eller vor, in Sickenhofen erfolgte Umdeutung aus Eulensee.
Schlicht
Die meisten Namen gehen auf ahd. slihtî, mhd. slihte, slehte st. F. ‚glatte Fläche, Ebene, gerader Weg‘ u. ä. zurück, einer Substantivbildung zum Adjektiv schlecht, dessen heutige Bedeutungsverschiebung von älterem ‚eben, gerade, glatt‘ ausgegangen ist. Entsprechend beziehen sich die Namen auf meist höher gelegene, ebene Flächen. Die Namen weisen z. T. dialektale Senkung /i/ /e/ auf und sind dann formal nicht mehr von schlecht ‚minderwertig‘ zu trennen. In Reinheim knüpft eine Sage an den FlN an: Der heutige Ort Reinheim sei aus ursprünglichem *Schlechtheim umbenannt worden
Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)
Eller f. / Irre f.
- 1A
Die Eller ist zunächst eine Nebenform zum Baumnamen Erle, der aus ahd. erila durch Konsonantenumstellung von älterem elira (Karg-Gasterstädt/Frings 3, 265, 396f.) entstanden ist und zu heutigem Eller geführt hat (Kluge/Mitzka 172; DWB 3 [III], 416; Dittmaier 64). Als Wort scheint EIler als Bezeichnung für die ‚Erle‘ in Hessen südlich des Mains nicht verbreitet gewesen zu sein, da sich ein Eller-Gebiet erst im westlichen Rheinhessen abzeichnet (SHessWb 2, 252 und K. II 21); nördlich des Mains scheinen Erle und EIler zu konkurrieren (KehreinWb 127).
In hessischen FlN bezeichnet Eller jedoch sehr häufig ,ödliegendes Land‘ und wird von dieser Bedeutung in älteren hessischen Quellen auch als Wort verwendet (vgl. z. B. FrankfWb 3027; Raven 386).
Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß dieses Eller etymologisch von Eller ,Erle‘ abzuleiten ist, wie allgemein angenommen wird, so daß die Verödung mit dem Wurzelausschlag der Erlenbäume (Buck 12l) zusammenhinge. Die Eller-Namen scheinen zwar meist an feuchtem Gelände zu haften, wo Erlenbewuchs möglich war, oder „offene unbebaute Stellen im Wald oder auf ehemaligem Waldboden“ (Braun 1954, 73) zu bezeichnen. Aber in historischen Belegen seit dem 14. Jh. kommt der Name mehrfach als Eldern, Elder vor (Großkopf 1980, 8; Ott 137). Der bisher älteste betrifft 5818c2 Bergen-Enkheim FFM: 1320 „unam elderam dictam hobegarte super fontem dictum Hamersyn“ (Böhmer-Lau 2, 124). Dies stimmt mit dem von Buck 6 genannten Aldern, Altern, Eldern, Eltern, Ellern, Öllern ,Ödung, Wüstland, ungebautes Gelände‘ in Form und Bedeutung überein. Dessen Etymologie ist ungeklärt; das /d/ ist aber sicher nicht sekundär zwischen den Liquiden /l/ und /r/ entstanden, wie dial. aldr ,Erle‘ im Eichsfeld (E. Müller 1966, 68).
Durch die Assimilierung von /-ld/ > /-ll-/ haben sich in Hessen beide Ableitungen vermischt und sind im rezenten Namenbestand formal nicht zu trennen.
- 1B
Die Irre als Wort und Name hat sich mit einer Sonderbedeutung aus ahd. erda st.sw.f. (Schützeichel 43), mhd. ërde st.sw.f. ‚Erde, allgem. u. zwar: bebautes u. bewohntes Land‘ (Lexer 1, 620) entwickelt und entspricht deshalb nicht mehr voll der nhd. Bedeutung von Erde. In Südhessen bezeichnet das Wort ‚brachliegendes, auch ungepflegtes Ackerland, auch Wingert oder Waldstück, überhaupt Ödland, das bestenfalls noch als Weide genutzt wird‘ (SHessWb 2, 239). Wort und Name sind dialektal teils als /er/, teils als /ir/ (manchmal auch mit Vokallänge belegt, wobei die /i/-Formen historisch seit dem 16. Jh. häufig belegt sind, die Hebung /e/ > /i/ damit eine lautliche Widerspiegelung der Bedeutungsveränderung darstellt. Ursache muß der amtliche Namengebrauch gewesen sein, da es im Dialekt keine Grundlage für eine Hebung /e/ > /i/ gibt.
Als Wort scheint Irre heute nur noch im Odenwald gebräuchlich zu sein.
- 2A
Standardform in Hessen ist /eler/‚ häufig im Plural: /eler(e)n/, wobei die Pluralform in der Endung zu /elen/ verschliffen sein kann. Die letztere Form deckt sich mit Ellen-Namen verschiedenartiger Herkunft (z. B. <mhd. elne ,Elle‘; Lexer 1, 54l), wobei insbesondere die Belege mit Ellen- als BT höchst fraglich sind, während die Simplex- und GT-Belege nach dem Strukturtyp offenbar meist zu Eller gehören. Deshalb wurden nur diese (-)/elen/ berücksichtigt. Von den Eller-Namen wurden natürlich Namen wie Ellervater, Ellermutter, Ellerheite als Bezeichnungen für ,Großeltern‘ (vgl. zu letzterem WaldWb 134) ausgesondert. Auch mögliche Kollektive wie Ellerich, Ellerts u.ä. blieben unberücksichtigt (zu Eller ,Erle‘).
- 2B
Es ist schwierig, die Irre-Namen mit der Bedeutung ,Brach-, Ödland‘ von den allgemeinen Erde-Namen zu trennen, weil die Dialektformen gewöhnlich zusammenfallen. Zur Ausgrenzung wurden deshalb die Kombinationstypen herangezogen und alle Namen, die auf die Farbe (z. B. Weißerde, Roterde), die Bodenart (z. B. Leimenerde) o.ä. Bezug nehmen, ausgeschieden. Die verbleibenden Simplex- und GT-Vorkommen gehören alle ziemlich zuverlässig zu Irre.
Bei Irre als BT gibt es jedoch kein sicheres Kriterium, welcher Bedeutungsaspekt namengebend war. Neben Irre und Erde kommt hier auch mhd. irre st.f. ‚Irrtum, Verirrung‘ (Lexer 1, 1451; vgl. Hänse 80) in Betracht, wobei (sich) irren im Hessischen auch ,zanken‘ bedeutet (Vilmar 187). Ob die mehrfach belegten Irrgärten ‚Labyrinthe‘ waren oder nicht, kann ohne nähere Kenntnis der Örtlichkeit nicht entschieden werden. Wegen der hohen Unsicherheit wurden alle Namen mit Irr- als BT ausgeschieden, obwohl darunter sicher auch einige echte Irre-Namen sind, jedenfalls soweit sie in Südhessen liegen. Die kartierten Namen stellen damit nur die einigermaßen sichere Teilmenge der vorkommenden Irren dar.
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 33
Gleichen n. / Schlicht f.
- 1A
Gleichen gehört als Substantivierung zum Adj. gleich: ahd. gelîhhi st.f. ‚Gleichheit (Schützeichel 113), mhd. glîche st.f. (Lexer 1, 813). Im Niederdt. entfällt das Präfix z.T., und der Binnenkonsonant ist unverschoben: mnd. lîk, lîke (Lasch/Borchling 2, 819f.). Die mhd. Bedeutungskomponente ‚eben, gerade‘ (DWB 7 (IV, I, 4], 7992ff., 8035) herrscht im hessischen Sprachgebrauch noch im 19. Jh. stark vor (Crecelius 424; KehreinWb 166; v. Pfister 79) und ist auch heute noch belegt (SHessWb 1, 1384f.).
Als FlN bezeichnet Gleichen in Hessen eine ebene, meist hochgelegene Fläche (KehreinWb 166, Nb 413; Stroh 6f.; Knöpp 20; vgl. Dittmaier 90), gelegentlich auch eine Bergkuppe. Der Name hat - wie im Rheinland - meist neutr. Genus.
- 1B
Schlicht ist als ahd. slihtî st.f. ‚Fläche, Gegend‘ (Schützeichel 175), mhd. slihte, slëhte st.f. ‚glatte Fläche, Glätte, Ebene, gerader Weg ...‘ (Lexer 2, 978, 968) überliefert und Substantivierung zum Adj. schlecht, dessen ältere Bedeutung ‚in gerader Fläche od. Linie, eben, gerad, glatt‘ (Lexer 2, 967) darin eingegangen ist (DWB 15 [IX], 666f.; Kluge/Mitzka 654). Während das Adj. schlecht eine der Standardsprache vergleichbare Bedeutungsverschiebung mitgemacht hat (vgl. Vilmar 353f.; Crecelius 737; KehreinWb 350), ist im FlN Schlicht die ursprüngliche Bedeutung ,Ebene‘ erhalten (KehreinWb 351; KehreinNb 544), wie bei Gleichen wohl meist auf höher gelegene Ebenen bezogen (vgl. Dittmaier 271; Keinath 59; Zink 74). Bei FlN mit schlicht, schlecht, als BT ist schwer zu unterscheiden, ob das Substantiv oder das Adjektiv (in seiner früheren oder späteren Bedeutung) zugrunde liegt.
Neben Gleichen, Schlicht, auch Ebene ist die Namenentsprechung Platte in Hessen mit über 600 Vorkommen allgemein und gleichmäßig verbreitet.
- 2B
Abgrenzungsschwierigkeiten ergeben sich in den Fällen, in denen als BT oder Adjektiv schlecht(-) auftritt: „auf der schlechte Wiese“ (5814a1 Bärstadt RTK), „bei der schlechten Brücke“ (5919a1 Dudenhofen OFK) u. ä. Da es keine sprachlichen Abgrenzungskriterien gibt, wurden diese (wenigen) Fälle mit aufgenommen. Nicht hierher gehört „in der Urschlicht“ (5718b4 Groß-Karben WET): zu Urschlacht ,Pocken‘ (vgl. DWB 24 [XI, III], 2528f.); ebensowenig die „Schlichter“-Namen (6016b3 Groß-Gerau GRG) (zu Schlucht); „Schlichterweg“ (5716c4 Brombach HTK) und „Schlichterdeich“ (4926a3 Unhausen WMK) deuten vielleicht auf Wüstungsnamen hin.
Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 96
Nachnutzung
Rechtehinweise
Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Schlicht-Eller: SCHLICHTELLER (Abtsroda)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/171153_schlichteller> (aufgerufen am 31.10.2026)
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