Stede-Rain: auf dem Stehte Rein

Historischer Beleg aus Weidelbach  
Gemeinde
Haiger
Landkreis
Lahn-Dill-Kreis
Topografische Karten
KDR 100, TK25 1900 ff.
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Beleg

Standard-Flurname

Stede-Rain

Belegort

Belegtyp

historisch

Belegzeit

1773

Quelle

Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abteilung 360, Weidelbach Nr. 3.

Deutungen

Mittelhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Rain

Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. - Vereinzelt kann auch ein PN namengebend sein, so bei der Reynewiesen 1489 in Oppenrod, wo gleichzeitig eine Reyne Elsen als Eigentümerin genannt wird (Eckhardt).

Südhessisches Flurnamenbuch (Hans Ramge)

Rain

Zu ahd. rein ‚Schutzwehr; Rain, Ackergrenze‘, mhd. rein st. M. ‚begrenzende Bodenerhöhung, Rain‘, nhd. Rain ‚Grenzstreifen zwischen zwei Äckern oder Fluren, Bodenerhöhung als Grenze, Abhang‘. Im Südhess. ist die Bedeutung ‚mit Gras bewachsener Abhang; steiler Abhang an der Längsseite von terrassenförmig am Hang liegenden Äckern‘ vorherrschend; mit ungefähr gleicher Bedeutung wird (in FlN seltener) das Wort Rech verwendet. Ein Wechsel von Rain und Rech in FlN kommt in Südhessen jedoch nur in Ausnahmefällen vor. Formen mit einfachem Stammvokal sind in der Mundart häufig, in schriftlichen Belegen selten (etwa in Götzenhain, Viernheim). Im Westen sind Vermischungen mit dem GewN Rhein möglich. In Babenhausen hat eine Umdeutung stattgefunden1.

Stede

Die Vorkommensstreuung weist eine auffällige Konzentration auf das nördliche Ried auf. Die Namen stellen sich mit mehr oder weniger großer Wahrscheinlichkeit zu ahd. stad, stado, mhd. stade sw. M. ‚Gestade, Ufer‘, stete st. sw. F. ‚Stätte, Platz, Gestade, Ufer‘, wobei letztere Form die umgelautete Variante ist. In Hessen war das Wort früher bekannt, ist jetzt aber untergegangen. Die umgelautete Stede-Variante herrscht in den FlN eindeutig vor. Stade/Stede bezeichnet neben ‚Ufer‘ auch rainartige Hänge. - Wenn der Beleg Trebur 1277 iuxta Stadelangen zum rezenten FlN in Astheim gehört, ist dieser im Sinne von ‚Grundstück entlang eines Stadens‘ zu deuten (vgl. Weglang).

Hessischer Flurnamenatlas (Hans Ramge)

Rain m.

1

Rain, ahd. nur schwach in Namen bezeugt (Graff 2, 527; Förstemann 2, 2, 532), mhd. rein st.m. ,begrenzende Bodenerhöhung, Rain, limes‘ (Lexer 2, 388), mnd. rein ‚Rain, Grenze‘ (Schiller/Lübben 3, 451) ist ein gemeindt., „uraltes Wirtschaftswort ..., das den Streifen Landes bezeichnete, der ungebaut zwischen dem Ackerland zweier Gemarkungen gelassen wurde, sei es als ebenes Grasland oder als Bodenerhöhung“ (DWB 14 [VIII], 72; vgl. Kluge/Mitzka 579; Weigand/Hirt 2, 520; Dittmaier 239). Während im niederdt.-niederländischen Sprach- und Namengebrauch die Komponente ,Ackergrenze‘ vorherrschend wurde (vgl. für Limburg Goossens K. 11-13; Alpers/Barenscheer 127; Wiswe 344), gilt im Oberdt. daneben hauptsächlich die Bedeutung ,Abhang‘ (vgl. Valtavuo 120f.; Keinath 54, 114).

Rain bezieht sich im hessischen Sprachgebrauch heute fast ausschließlich auf kurze steile Abhänge, vor allem zwischen Ackerterrassen (SHessWb 4, 1193; HNassWb 2, 752), und ist deshalb synonym mit Rech im Südwesten und Ufer/Oiwer im Norden (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 84; zur Wortgrenze vgl. B. Martin 1925, 144).

In den mündlichen Formen der FlN herrschen entsprechend dem dialektalen Sprachgebrauch (Wiesinger K. 15 und 19) neben /rain/ die aus mhd. /ei/ entstandenen monophthongischen Formen /ra:/ und /re:/‚ teils weiter zu /ro:/ und /ri:/ gehoben, vor, wobei /ra:/ vereinzelt zu /rao, rou/ diphthongiert wurde. Wo das auslautende -/n/ erhalten ist, erfolgte mitunter Gutturalisierung zu -/ŋ/.

Die Raine sind teils natürlichen Ursprungs, teils aber auch erst durch terrassierende Pflugtechnik, durch Ablage von ausgelesenen Steinen oder durch Heckenpflanzungen entstanden (zur Heckenwirtschaft im Vogelsberg vgl. W. Kuhn). Insofern können u. U. bestimmte Kombinationstypen wie alter, langer, hoher, steinerner Rain Hinweise auf frühere Ackersysteme vor der Vergewannung enthalten (H. Jäger 33; Kroh 110).

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 83

Staden m. (n.), Stede f.

1

Stad, Staden, ahd. stad st.m. ‚Ufer, Gestade‘ (Schützeichel 181) mit einer Nebenform stado (Graff 6, 643), aus der mhd. stade sw.m. neben regulärem stat st.m.n. (Lexer 2, 1127, 1143) entstand, ist als Wort heute nur im Oberdt. gebräuchlich, war früher auch im Mitteldt. und Niederdt. (mnd. stâde n., Lasch/Borchling 406) verbreitet und ist durch den Einfluß Luthers heute standardsprachlich durch das ursprünglich aus dem Niederdt. stammende Wort Ufer (→ Hessischer Flurnamenatlas, Karte 84) ersetzt (DWB 17 [X, II, 1], 415; Kluge/Mitzka 254). Im Hessischen scheint - nach dem Zeugnis der FlN und der vereinzelten Wörterbuchnachweise - das schwach flektierende Staden als Mask. vorgeherrscht zu haben. E. Alberus hat sowohl stad wie staden (DWB ebd.). Vilmar 394 verzeichnet Staden m. als „jetzt schwerlich mehr üblich“; KehreinWb 386 kennzeichnet den Staden als „veraltet“, und das HNassWb 3, 721 nennt Staden m. „vereinzelt für ,Ufer‘“ und ‚Wasser, Bach, Flüßchen‘. Das WaldWb 173 schließlich führt als ausgestorben ein stade von 1741 an. Immerhin zeigen diese spärlichen Belege, daß Staden in Hessen bis weit in die Neuzeit bekannt gewesen sein muß.

Keinerlei Hinweis findet sich auf eine umgelautete Nebenform Stede, die es nach Ausweis zahlreicher FlN aber hier gegeben haben muß. Eine umgelautete fem. Nebenform stedi f. gab es bereits im Ahd. (Braune/Eggers § 216 A.4), wenn auch „in seltenen Belegen“. Diese erscheint anscheinend auch häufiger - jedoch bis zur Unkenntlichkeit mit ahd. stad st.f. ‚Ort, Stätte‘ vermengt - in Siedlungsnamen (Bach 2 § 110 u. ö.; vgl. Arnold 346-351). Das in FlN nördlich der mittelhessischen Namenscheide häufig auftretende Simplex die Stede (/ʃde:de, ʃde:re, ʃdi:de, ʃdi:re/; häufiger auch mit Kurzvokal) und der davon abgeleitete häufige Kombinationstyp Stedenrain u. ä. erlauben keine Zweifel, daß die umgelautete Variante hier verbreitet war, sogar gegen Staden vorherrschte. Einen entsprechenden Sachzusammenhang stellt Henn 1977, 79f. dar. Danz 344 stellt für die Vorkommen im Kreis Eisenach fest, daß die Namen an ‚steil ansteigenden Flurteilen‘ oder einem ‚kleinen Abhang‘ haften. An eine Verbindung mit thüring. Stete f. ‚schmaler Weg zwischen Gärten‘ (Hertel 235) ist wohl nicht zu denken, obwohl ähnliche Bedeutungen für Staden im Rheinischen bekannt sind (RheinWb 8, 491; vgl. Dittmaier 297).

2

Die Eingrenzung der Stad(en)-Namen ist unproblematisch. Hingegen ist eine einigermaßen vollständige Erfassung der Stede-Namen unmöglich, weil Stede im Genus und oft auch phonologisch mit Stätte ‚Ort, Stätte‘ zusammenfällt. Das sicherste Unterscheidungskriterium ist die Vokalquantität: Stede hat vorwiegend Langvokal, Stätte, von einigen Gebieten abgesehen, meist Kurzvokal. Um die Minimalmenge der sicheren Stede-Belege herauszufinden, wurden deshalb nur gesicherte fem. Belege mit Langvokal aufgenommen, sofern der Kombinationstyp nicht die Zugehörigkeit zu Stätte nahelegte. Umgekehrt kann aber die Zugehörigkeit zu Stede bei den Kombinationstypen Stederain und Stedebach unbeschadet der Vokallänge als sicher angenommen werden. Annähernd die Hälfte der Stede-verdächtigen Namen fielen so aus. Weitere Nachweise wären über die Realprobe und historische Belege zu erbringen.

Aus: Hessischer Flurnamenatlas, Karte 85

Nachnutzung

Rechtehinweise

Hessisches Flurnamenarchiv – Prof. Dr. Hans Ramge, CC BY-SA 4.0

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Stede-Rain: auf dem Stehte Rein (Weidelbach)“, in: Hessische Flurnamen <https://lagis.hessen.de/de/orte/hessische-flurnamen/alle-eintraege/106618_auf-dem-stehte-rein> (aufgerufen am 04.11.2026)

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