Ehemals Wetzlar, Stiftskirche St. Maria

 
Standort
Wetzlar
Anzahl Fenster
1
Anzahl Scheiben
1
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Katalogdaten

Beschreibung

Die Kenntnis einer farbigen, heute leider verlorenen Blankverglasung verdanken wir Heinrich Oidtmann, der die Halbrose zu Beginn des 20. Jh. in der Linnicher Werkstatt instand setzte (Fig. 644). Die Scheibenmaße betrugen 105 x 57,5 cm. Oidtmann gibt hiervon folgende Beschreibung: »Die Farbenstimmung ist außerordentlich warm; die weißen Bänder und Lilien, letztere rot gebunden, ruhen auf kräftig gelbem Grunde; einzelne Zwickel der Borte sind durch trefflich schattiertes Rot und ein ruhiges Blau ersetzt. Der innere Friesstreifen ist olivgrün; zwei Rosetten wechseln in rot und gelb, die anderen in oliv und gelb. Dieses olivgrüne Glas ist höchst wirkungsvoll mit grünlichen und gelblichen Streifen und Flecken durchsetzt, als wenn Silbergelb aufgetragen wäre. Die Farbenwahl läßt in ihrer Frische nichts zu wünschen übrig«. Die Scheibe besaß noch die alte Verbleiung und war durch ein doppeltes Umblei mit eingelegten Holzstäbchen stabilisiert. Diese Glasmalerei stammt aus dem Fenster SÜD VI des Südquerhauses, das zwischen 1240 und 1250 möglicherweise von Marburger Bauleuten errichtet wurde. Das erste, nach Osten gerichtete Fenster des Südquerhausarms zeigt auch das in Marburg und Haina anzutreffende Reimser Maßwerk, bei dem der Okulus von den beiden Lanzettspitzen getragen wird. Das Fenster ist heute vollständig zugemauert, war jedoch vor der Restaurierung von 1903–1910 noch zur Hälfte geöffnet; der außenseitig anliegende Eckturm machte hier eine teilweise Verblendung des Fensters notwendig. Die Flechtbandrosette saß in dem halb geöffneten Okulus, der auf einer historischen Aufnahme noch zu erkennen ist23. Das zentrale, von einem Zopfband umkränzte Kreuzmotiv mit herzförmig verwachsenden Endungen zählt zu den Mustern, die bei den Zisterziensern vielfach anzutreffen sind. Ältere Beispiele haben sich in Obazine, Pontigny, aber auch in Heiligenkreuz bei Wien erhalten24. Um die Mitte des 13. Jh. fand diese vegetabilisierte Kreuzform auch außerhalb der Ordensbauten, etwa gleichzeitig im Fenster süd V der Marburger Elisabethkirche (vgl. Abb. 322) Verwendung. Nach einer von Oidtmann zitierten handschriftlichen Aufzeichnung aus dem Jahr 1838 besaß der Dom überdies auf der Nordseite Teppichmuster aus der 2. Hälfte des 14. Jh. »mit Eichenblättern und Gesichtern nach gotischem Stil« gemustert. Aufgrund der starken Verwitterung wurden diese entfernt; andere Fenster sollen mit kleinen Rauten verglast gewesen sein.

Bibliographie

Oidtmann 1912, S. 129–131 (genaue Beschreibung einer damals noch vorhandenen Ornamentscheibe; Quellenüberlieferung zu einstmals vorhandenen Ornamentfenstern); Wentzel 1951 (Beispiel einer späten Umdeutung französischer Blankverglasungen); Zakin 1979, S. 191f., Taf. 189 (ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Kreuzmuster der Zisterzienserabtei in Obazine und der Wetzlarer Scheibe besteht in der bunten Farbigkeit); Eduard Sebald, Der Dom zu Wetzlar, Königstein im Taunus 1989, S. 69 (Abb. eines modernen Figurenzwickels als vermeintlich »einzig erhaltener Rest alter Glasmalerei«); Eduard Sebald, Die Baugeschichte der Stiftskirche St. Maria in Wetzlar (Manuskripte zur Kunstwissenschaft 31), Worms 1990, S. 156, Anm. 633, S. 158, Anm. 645 (schlägt eine Datierung der von Oidtmann publizierten Ornamentscheibe im Anschluss an die Fertigstellung des Chores um 1240/41 vor; die einstmals auf der Nordseite vorhandenen Glasmalereien, welche in die zweite Hälfte des 14. Jh. datiert wurden, seien für die Datierung dieses Bauabschnittes ungeeignet).

Nachweise

Fußnoten

  1. Sebald 1990 (s. Bibl.), S. 156f. Vgl. die Aufnahme bei Foto Marburg 16679.
  2. Zakin 1979, Taf. 5 (Obazine), Taf. 30 (Pontigny), Taf. 135 (Santes Creus, Schlusssteinrelief); Frodl-Kraft 1972, Abb. 303–305 (Heiligenkreuz, Kreuzgangfenster süd V).

Drucknachweis

Die mittelalterlichen Glasmalereien in Marburg und Nordhessen / Daniel Parello unter Verwendung von Vorarbeiten von Daniel Hess (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. III, 3), Berlin 2008

Nachnutzung

Rechtehinweise

Katalogdaten: Corpus Vitrearum Deutschland / Freiburg i. Br.

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Ehemals Wetzlar, Stiftskirche St. Maria“, in: Mittelalterliche Glasmalereien in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/quellen-und-materialien/mittelalterliche-glasmalereien-in-hessen/alle-objekte/359-1_ehemals-wetzlar-stiftskirche-st-maria> (aufgerufen am 10.06.2026)

Kurzform der URL für Druckwerke

https://lagis.hessen.de/resolve/de/cvmahessen/359-1