Katalogdaten
Vorbemerkung
1989 ließ man aus dem stark fragmentierten, überwiegend aus dem Achsenfenster der Stadtkirche stammenden Depotbestand zehn Felder durch die Firma Klonk, Wetter-Oberrosphe, zwecks musealer Präsentation in Leuchtkästen instand setzen. Weitere Stücke, darunter auch ein Karton mit Scherben, sind gegenwärtig im Depot untergebracht. Die Ordnung des Katalogs (Nr. 2–18) folgt den jeweiligen Darstellungen (zur besseren Übersicht vgl. auch Fig. 312).
Katalog Seite(n)
S. 271
Standort heute
Immenhausen, Glasmuseum
Beschreibung
Georgsfenster: Das dreibahnige und elfzeilige Achsenfenster des Chores war einst mit einer prächtigen Farbverglasung ausgestattet: In drei monumentalen, bahn-übergreifend angelegten und miteinander verflochtenen Rautenvierpassmedaillons waren die grausamen Martern des Hl. Georg zur Darstellung gebracht; zwischen den Großmedaillons gedieh kräftiges und große Früchte ausbildendes Rankenwerk, das hier und da in die Medaillons hineinreichte. Mithilfe der zahlreichen, aus dem Schwarzlot herausradierten Versatzmarken – die Einzelscheiben wurden mit bahnweise durchlaufenden arabischen Ziffern nummeriert – lässt sich die einstige Verteilung der Felder rekonstruieren (Fig. 312)25. Trotz des schmerzlichen Verlusts zahlreicher Figurenfelder ist das Dargestellte noch in Umrissen bestimmbar: So füllte das untere Medaillon die Folterszene mit dem Hammer über einem Nagelfass, welches noch auf die vorausgegangene Tortur verweist26. Der Gemarterte war womöglich mit den Armen an einem Gerüst gefesselt, während die Schergen seinen Körper mit Werkzeugen wund schlugen. In der darüberliegenden Szene sah man den Heiligen nackt mit Händen und Füßen an einem Holzgerüst aufgehängt, während er von den Folterknechten mit brennenden Fackeln gepeinigt wurde. Das obere Medaillon schließlich zeigte die Enthauptung27. Die gänzlich verlorenen unteren Zeilen des Achsenfensters könnten für Stifternachweise genutzt worden sein. Die Kirche diente den Immenhausener Burgmannen bis ins 18. Jahrhundert als Grablege; ihre finanzielle Beteiligung an der künstlerischen Ausstattung ist für die freigelegten Wandmalereien erwiesen und wäre insbesondere auch für die Farbverglasung naheliegend28. Auf diese Weise hätte die Stiftung der in Immenhausen ungewöhnlich zahlreich vorhandenen Burgmannen im Verbund mit ihrem Dienstherren Ludwig I., dessen Wappen im Langhaus vertreten war, die treue Verbundenheit zum Ausdruck gebracht, welche in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts jenen dauerhaften Sieg über die mainzischen Territorialansprüche ermöglicht hatte.
Nachweise
Fußnoten
- Dem schon im Mittelalter offensichtlich weitverbreiteten System von Versatzmarken wird leider immer noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, eventuell vorhandene Ritzungen bzw. Radierungen werden daher auch kaum wahrgenommen. Zu Beobachtungen von Versatzmarken siehe die jüngeren Beiträge von Hilary Wayment, Glaziers’ Marks, S. 24f., Ulf-Dietrich Korn, Ordnungsmarken im Marienfens-ter von 1549 in St. Patrokli in Soest, S. 17, Helen J. Zakin, Glaziers’ Marks on Two Panels in the Hermitage Museum, St. Petersburg, S. 25; alle in: Corpus Vitrearum News Letter 46, 1999. Der Corpusband zur Farbverglasung der Kathedrale von Tarragona widmet diesem Phänomen dagegen gleich mehrere Beiträge: Joan Ainaud i de Lasarte, Joan Vila-Grau, Ma. Joana Virgili, Isabel Companys, Antoni Vila i Delclòs, Els vitralls del monestir de Santes Creus i la Catedral de Tarragona (CVMA Espagna 8 – Catalunga 3), Barcelona 1992, S. 48–63, 163–180, 233–239. – Möglicherweise ist die ungleiche Erhaltung in den drei Bahnen auf Sturmschäden zurückzuführen, lassen sich doch der linken und mittleren Lanzette nur noch die Reste von drei bis vier Feldern zuweisen, während die Felder der rechten Bahn weitgehend vorhanden sind; offenbar lagen sie geschützt im Windschatten des Gewändes. ↑
- Dass hier das Fass dargestellt wurde, ohne die eigentliche Folter zu schildern, könnte auf seine allgemeine Bedeutung für den Städtehandel hinweisen, wurde das Frachtgut doch vielfach in solchen Behältnissen transportiert. – Eine eindringliche Vorstellung des Fassmartyriums mit glühenden Nägeln zeigt eine Wandmalerei in St. Georgen bei Schenna/Meran aus der Zeit um 1430. Abb. bei Sigrid Braunfels-Esche, Sankt Georg. Legende, Verehrung, Symbol, München 1976, S. 17. ↑
- Auf einer vor dem Ausbau angefertigten Aufnahme des Fensters erkennt man die noch zu Teilen erhaltenen, heute verlorenen Abschlüsse des oberen Medaillons (Foto Marburg 1.506.538); dort ist auch der Kopf der rechten Assistenzfigur noch vorhanden. ↑
- Günther 1998 (wie Anm. 1), S. 18–36. Zur Stiftung der Wandmalereien von St. Georg durch die Familien Hase und Hake siehe Werner Wiegand, Burg- und Ratmannen von Immenhausen und ihre Wappen oder Siegel, in: Wiegand 1998, S. 84–128, hier S. 95–99. ↑
Drucknachweis
Die mittelalterlichen Glasmalereien in Marburg und Nordhessen / Daniel Parello unter Verwendung von Vorarbeiten von Daniel Hess (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. III, 3), Berlin 2008
Nachnutzung
Rechtehinweise
Katalogdaten: Corpus Vitrearum Deutschland / Freiburg i. Br.
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Chorfenster I“, in: Mittelalterliche Glasmalereien in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/quellen-und-materialien/mittelalterliche-glasmalereien-in-hessen/alle-objekte/312-1-13_chorfenster-i> (aufgerufen am 14.06.2026)
Kurzform der URL für Druckwerke
https://lagis.hessen.de/resolve/de/cvmahessen/312-1-13


