Ehemals Mainz, Pfarrkirche St. Quintin

 
Standort
Mainz
Anzahl Fenster
1
Anzahl Scheiben
1
AEC416D7-3050-4A60-B27E-A826B70B90DD

Katalogdaten

Beschreibung

Die älteste, schon im 8. Jh. erwähnte Pfarrkirche der Stadt – sie lag in deren nördlichen Teil unmittelbar beim Viertel »unter den Juden« – wurde nach Ausweis diverser Ablassbriefe in der Zeit um 1288–1326 als dreischiffige, dreijochige Hallenkirche mit einem einschiffigen, einjochigen Chor mit 5/8-Schluss und einer nördlich daran anschließenden Kapelle – die heutige Hl.-Kreuz-Kapelle – neu erbaut64. Die Fenster sind meist zweibahnig, in der Chorachse und im Ostjoch des Schiffes jedoch dreibahnig; ihre mittelalterliche Farbverglasung, über die einige wenige Nachrichten vorliegen, dürfte mit der Zeit restlos untergegangen sein65.

Die erste Nachricht zur Farbverglasung der Kirche stammt noch aus dem Mittelalter. Der Chronist Johannes Nauclerus (1425–1510) schreibt zu den Judenpogromen 1349 und den damit allenthalben verbundenen Bränden, es heiße, in Mainz sei das Feuer so groß gewesen, dass die Stadtglocke (campana civitatis) und die kostbaren Fenster (preciosae fenestrae) der Kirche St. Quintin aus dem Feuer geflossen seien (s. Reg. Nr. 35)66.

Der Wahrheitsgehalt dieser Erzählung lässt sich schlechterdings nicht mehr ermitteln, und so bleibt auch fraglich, wie die zweite Nachricht zur Farbverglasung der Kirche historisch einzuordnen ist. Der Mainzer Vikar und Inschriftensammler Georg Helwich berichtet in seiner um 1615 entstandenen Chronica Moguntinensis von einer Inschrift, der zufolge die Nikolaus-Kapelle an der Kirche – es dürfte sich dabei um die heutige Hl.-Kreuz-Kapelle handeln – von Frielo zum Eselweke erbaut (aedificavit) worden sein soll (s. Reg. Nr. 36); sie befand sich anscheinend in einem Fenster mit dem Wappen des Genannten, hier wiederum auf einem die Stifterfigur umlaufenden Spruchband, was ohne weiteren Aufruf zur Fürbitte jedoch seltsam anmutet. Dies dahingestellt, dürfte Frielo zum Eselweke entweder mit jenem Mainzer Bürger gleichen Namens zu identifizieren sein, dessen Altarstiftung zu Ehren der Hll. Nikolaus und Katharina 1318 von Erzbischof Peter von Aspelt bestätigt wurde67, oder er war Angehöriger des Geschlechts der Gensfleisch, die für eine gewisse Zeit den Beinamen »Zum Eselweck« führten68. In letzterem Fall wäre insbesondere an Frielo (Gensfleisch) zum Eselweck († 1372?) zu denken, den Großvater von Johannes Gutenberg, der die Kapelle nach 1349 instand gesetzt haben könnte.

Bibliographie

Nicolaus Serarius, Moguntiacarum rerum [...] libri quinque, Mainz 1604, S. 857 (zitiert Nauclerus; vgl. Reg. Nr. 35); Joannis 1722, S. 662 (dto.); C(arl) Forschner, Geschichte der Pfarrei und Pfarrkirche Sankt Quintin in Mainz, Mainz 1905, S. 15, 31 (Erwähnung der Zerstörung der »herrlichen Glasgemälde« 1348; Hinweis auf »wertvolle alte Glasmalereien« nach Joannis 1722); Arens 1958, S. 711f., Nr. 698a (Hinweis auf eine »Bauinschrift« nach Helwich; vgl. Reg. Nr. 36).

Nachweise

Fußnoten

  1. Zur Geschichte des Baues: Forschner 1905 (s. Bibl.), S. 4–9, 14–29, zuletzt Joachim und Ulrike Glatz, St. Quintin in Mainz (DKV-Kunstführer 639), München/Berlin 2007, S. 5, 7. Die Anbauten an der Chorsüdseite sind J. und U. Glatz zufolge »ab 1425« entstanden.
  2. Die Fenster der Kirche sind nach Forschner 1905 (s. Bibl.), S. 16f., 19f., 22, 31f., mehrere Male erneuert worden. Zu Beginn der 1650er-Jahre wurden neue Fenster im Chor eingesetzt. Im Jahr 1724 wurden die »Fenster [im Kirchenschiff; U.G.], welche in einem sehr schlechten Zustande waren, […] erneuert und teilweise mit Glasgemälden versehen«, die ein Glasmaler Hoven in Köln angefertigt hatte (s. hierzu und zum weiteren Schicksal der Verglasung, von der zwei Wappen in das Altertumsmuseum der Stadt Mainz gelangt waren, Arens 1985, S. 116, Nr. 2113). Bei der Explosion des Pulverturms im Fort Martin 1857 wurde die Verglasung der Kirche schwer beschädigt. In den Jahren 1880–1884 wurde die Kirche schließlich renoviert und erhielt abermals neue Fenster, die z.T. oder vollständig nach Entwürfen von Alexander Linnemann von dem Glasmaler Joachim Lettow geschaffen wurden. Zur heutigen Verglasung s. J. und U. Glatz 2007 (wie Anm. 65), S. 14.
  3. Zu dem Pogrom 1349 (in der älteren Literatur stets mit dem Jahr 1348 verbunden): Friedrich Schütz, Magenza, das jüdische Mainz, in: Dumont/Scherf/Schütz 1998, S. 679–702, hier S. 682f.
  4. Vogt 1913, S. 384, Nr. 2011. – Diese Deutung hat Arens 1958, S. 711f., Nr. 698a, vorgeschlagen.
  5. Gustav Frhr. Schenk zu Schweinsberg, Genealogie des Mainzer Geschlechtes Gänsfleisch, in: FS zum fünfhundertjährigen Geburtstage von Johann Gutenberg, hrsg. von Otto Hartwig (Centralblatt für Bibliothekswesen 8, H. 23), Leipzig 1900, S. 80–162.

Drucknachweis

Die mittelalterlichen Glasmalereien in Oppenheim, Rhein- und Südhessen / Uwe Gast unter Mitwirkung von Ivo Rauch (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. III, 1), Berlin 2011

Nachnutzung

Rechtehinweise

Katalogdaten: Corpus Vitrearum Deutschland / Freiburg i. Br.

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Ehemals Mainz, Pfarrkirche St. Quintin“, in: Mittelalterliche Glasmalereien in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/quellen-und-materialien/mittelalterliche-glasmalereien-in-hessen/alle-objekte/132-9_ehemals-mainz-pfarrkirche-st-quintin> (aufgerufen am 17.06.2026)

Kurzform der URL für Druckwerke

https://lagis.hessen.de/resolve/de/cvmahessen/132-9