Mainz, Dom

 
Standort
Mainz
Anzahl Fenster
1
Anzahl Scheiben
1
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Katalogdaten

Beschreibung

Vom sog. Alten Dom Erzbischof Hattos (891–913) abgesehen, von dem Teile in der Kirche St. Johannis in Mainz erhalten sind38, weist kein anderer bestehender Sakralbau der Stadt eine so lange Geschichte auf wie die im südöstlichen Teil des Zentrums gelegene, dem Hl. Martin geweihte Domkirche (Fig. 453)39. Ein erster Bau, der Willigis-Bardo-Dom, brannte 1081 ab. In der Zeit um 1100 wurde von Kaiser Heinrich IV. mit dem bestehenden Neubau begonnen, der in mehreren Etappen errichtet wurde und im Jahr 1239 von Erzbischof Siegfried III. von Eppstein in Anwesenheit König Konrads IV. zu Ehren der Jungfrau Maria, des Hl. Martin und anderer Heiliger geweiht werden konnte40. Ältere Anbauten sind die Gotthard-Kapelle am Nordquerhaus, die 1137 in Benutzung stand, und die zu Beginn des 13. Jh. errichtete Memorie in der Ecke zwischen Südquerhaus und Langhaus41; jüngere Anbauten stellen die

Sakristeien am Westchor (um 1240, um 1500/01, um 1540/45), die Reihe der Kapellen am Langhaus (1279–1291, um 1300–131942, Marienkapelle um 1495) und – z.T. – der Kreuzgang mit Nikolaus-Kapelle und Stiftsgebäuden dar.

Da die Herkunft der Reste eines Vita-Christi-Zyklus in Wiesbaden aus dem Ostchor, wie sie Daniel Hess 1999 vorgeschlagen hat, bislang nicht nachgewiesen werden kann, bleibt der Mainzer Dom, der größte und bedeutendste Bau im Gebiet Rhein- und Südhessen, hinsichtlich seiner glasmalerischen Ausstattung ein verlorener Standort. Glasmalereien sind aus folgenden Bauteilen und Anbauten überliefert:

1. Im Westchor, der als liturgisches Zentrum des Domes fungierte43, befanden sich 1727 im Mittelfenster die Wappen der Erzbischöfe Albrecht von Brandenburg (1514–1545), Sebastian von Heusenstamm (1545–1555) und Daniel Brendel von Homburg (1555–1582); das Wappen Albrechts von Brandenburg, der hier auch begraben lag, war ein zweites Mal im angrenzenden nördlichen Fenster zu sehen (s. Reg. Nr. 33, pag. 7)44. So ist damit zu rechnen, dass der Westchor im 16. Jh. seine Erstverglasung aus dem 13. Jh. bereits eingebüßt hatte und eine Blankverglasung mit eingelassenen repräsentativ-heraldischen Darstellungen besaß45.

2. Die Marienkapelle auf der Nordseite des Langhauses, die 1964 zur Sakramentskapelle umgewidmet worden ist, enthielt in ihren zwei vierbahnigen, heute neunzeiligen, um 1495 verglasten Fenstern vermutlich einen Zyklus mit Darstellungen aus dem Leben Mariä, von dem 1727 noch die Verkündigung an Maria und vier Propheten mit Spruchbändern erhalten waren (s. Reg. Nr. 33, pag. 71).

3. Auf der Südseite des Langhauses, dessen Kapellen ab ca. 1300 bis 1319 erbaut worden sind und sechs vierbahnige Fenster sowie, in der Allerheiligenkapelle im Osten, ein achtbahniges Fenster besitzen (Fig. 454), befanden sich bis ins 18. Jh. noch zahlreiche Glasmalereireste (s. Reg. Nr. 32 und Nr. 33, pag. 98’’’, 97’, 96, 92’’’); von Westen nach Osten:

Michael-Kapelle: Hl. Bonifatius und Hl. Viktor, Wappen Erzbischof Albrechts von Brandenburg, 1521.

Andreas-Kapelle: Christus-Salvator und Hl. Andreas, darunter links ein kniender, betender Stifter, rechts dessen Wappen.

Laurentius-Kapelle: Hll. Laurentius und Georg, darunter ein Stifter mit Wappen Truchseß von Pommersfelden46.

Dionysius-Kapelle: In der Mitte der Hl. Bonifatius in pontifikaler Tracht, umgeben von den Namen der Suffraganbistümer von Mainz.

Allerheiligenkapelle: Hl. Martin, drei unter ihm liegende Tote erweckend(?); Hl. Katharina, auf dem Kaiser Maxentius stehend; Hl. Stephanus; König Salomo; Hl. Michael. Weitere Figuren waren offenbar nicht mehr erhalten. In den Kopfscheiben die Inschrift: Aurea Moguncia sanctae Romanae ecclesiae specialis vera filia.

Die erwähnten Glasmalereien scheinen teils aus der Erbauungszeit der Kapellen gestammt zu haben, teils auf Erneuerungen ihrer Verglasungen im 16. Jh. zurückgegangen zu sein.

4. In der Nikolaus-Kapelle und im Kreuzgang scheinen in drei Fenstern gemalte Epitaphien für Geistliche des Domstifts vorhanden gewesen zu sein: ein Epitaph für Johannes Scriptoris von Ulm († 1494) mit einem Bild des Gekreuzigten (s. Reg. Nr. 33, pag. 184), ein Epitaph für Jodokus Angelt (Altgelt) von Siegen († 1519) mit einem Bild der Verspottung Christi (s. Reg. Nr. 33, pag. 185) und ein Epitaph für Nikolaus Jossel († 1484) mit einem Bild der Muttergottes (s. Reg. Nr. 33, pag. 188)47.

5. In den beiden Kapitelstuben, die an den Kreuzgang-Südflügel anschlossen, befanden sich zwei umfangreiche Serien mit Wappen bzw. Darstellungen der Mainzer Suffraganbistümer, des Hl. Martin, des Erzbischofs, des Domkapitels und dessen Mitglieder. Die ältere Serie, die in das Jahr 1429 datiert werden kann, war in fünf Fenster der großen Kapitelstube eingesetzt und umfasste ursprünglich 75 Scheiben, deren Großteil 1727 noch erhalten war (s. Reg. Nr. 33, pag. 258–262, bzw. Arens 1958, S. 78–82, Nr. 114). Die jüngere, offenbar zwölf Scheiben umfassende Serie entstand im Jahr 1489 unter Erzbischof Berthold von Henneberg (1484–1504) und befand sich in der kleinen Kapitelstube (s. Reg. Nr. 33, pag. 254f.).

Alle diese Glasmalereien gingen spätestens im 18./19. Jh. verloren, sei es infolge der Barockisierung des Domes, über ihn hingegangener Brandkatastrophen oder der verheerenden Explosion des Pulverturms 1857.

Bibliographie

Joannis 1722, S. 53f. (Erwähnung des Bonifatius-Fensters mit schematischer Abbildung der Aufteilung); Fiorillo, I, 1815, S. 344 (Erwähnung ebendieses Fensters mit dem »Bildniß des heil. Bonifazius, und um ihn die Namen aller von dem Mainzer Erzbischof abhangenden Sufraganeaten«); Franz Werner, Der Dom von Mainz und seine Denkmäler, III, Mainz 1836, S. Xf., Anm. *) (Hinweis auf die Überlieferung bei Bourdon: in den Kapellen ehemals »sehr trefflich gemahlte Fenster«, die zu unbekannter Zeit entfernt wurden); Schaab, II, 1844, S. 74 (Renovierung des Domes 1757 unter Ebf. Johann Fr. K. von Ostein: »Alle gemalten, wenn auch beschädigten Fenster, welche zum Theil Scenen der mainzer Geschichte darstellten, wurden zur Schande der Zeit weggenommen und verschleudert«); (Franz) F(al)k, Verschollene und vernichtete Kunstwerke des Mittelalters in Mainz, in: Kirchenschmuck 24, 1868, S. 52–54, hier S. 53 (zitiert Gamans; s. Reg. Nr. 31); Schmitz 1913, I, S. 249f. (zitiert Bourdon; s. Reg. Nr. 32); Kautzsch/Neeb 1919, S. 167f. (Beseitigung alter gemalter Fenster bereits in der Zeit des Barock, weitere Zerstörungen 1767, 1793 sowie 1857; Auflistung der von Bourdon erwähnten Glasmalereien); Fritz Arens, Bonifatiusdarstellungen am Mittelrhein, in: St. Bonifatius. Gedenkgabe zum zwölfhundertjährigen Todestag, Fulda 1954, S. 586–612, hier S. 591 (Erwähnung des verlorenen Bonifatius-Fensters); Arens 1958, S. 41f., 78–82, 336f., Nr. 38, 114, 636f. (Auflistung derjenigen Fenster im Dom, die schriftlichen Quellen zufolge Glasgemälde mit Inschriften aufwiesen); Hess 1999, S. 36, 40f., 229, 311f. (rekonstruiert für den Ostchor eine Farbverglasung mit einem Vita-Christi-Zyklus, von dem Reste in Wiesbaden erhalten seien; wertet die Chorverglasung der Gelnhausener Marienkirche als Reflex der untergegangenen Westchorverglasung); Gast 2001, S. 565–567 (weist auf verschiedene Probleme der von Hess 1999 vorgeschlagenen Rekonstruktion der Ostchorverglasung hin; Erwähnung einer 1724 publizierten Ansicht des Westchores, auf der in der Achse ein Fenster mit Medaillons zu erkennen sei); Rüdiger Fuchs, Britta Hedtke und Susanne Kern, Mainz Nr. 42, in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di002mz00kooo4209 (Neubearbeitung der Inschriften, die von verschiedenen Autoren in einem Fenster mit der Standfigur des Hl. Bonifatius in der Dionysius-Kapelle bzw. der benachbarten Allerheiligenkapelle erwähnt werden; Datierung um 1316–1344).

Nachweise

Fußnoten

  1. Arens 1961, S. 409–440; Friedrich Oswald, in: Vorromanische Kirchenbauten, I, 1966–1971, S. 196f., 416, und Werner Jacobsen, in: Vorromanische Kirchenbauten, II, 1991, S. 263f.
  2. Friedrich Schneider, Der Dom zu Mainz. Geschichte und Beschreibung des Baues und seiner Wiederherstellung, Berlin 1886; Kautzsch/Neeb 1919; Winterfeld 1993, S. 119–164, Fritz Arens, Der Dom zu Mainz, neu bearbeitet und ergänzt von Günther Binding, Darmstadt 21998; zusammenfassend Untermann 2010, S. 203–206, und Winterfeld 2010 (jeweils mit weiteren Literaturangaben).
  3. Böhmer/Will 1886, S. 256, Nr. 334.
  4. Dethard von Winterfeld, Die Gotthard-Kapelle im Mainzer Dom. Zur Deutung architektonischer Formen, in: RückSicht. FS für Hans-Jürgen Imiela zum 5. Februar 1997, hrsg. von Daniela Christmann u.a., Mainz 1997, S. 17–31. Zur Memorie s. Juliane Schwoch, Locus Memoriae – zum Kapitelsaal des Mainzer Domes, in: Magister operis. Beiträge zur mittelalterlichen Architektur Europas. Festgabe für Det-hard von Winterfeld zum 70. Geburtstag, hrsg. von Gabriel Dette, Laura Heeg und Klaus T. Weber, Regensburg 2008, S. 79–100.
  5. Zu den Langhauskapellen s. zuletzt Schurr 2007, S. 247–251.
  6. Clemens Kosch, Zur sakralen Binnentopographie des Mainzer Domes im Hochmittelalter, in: Basilica nova moguntina. 1000 Jahre Willigis-Dom St. Martin in Mainz, hrsg. von Felicitas Janson und Barbara Nichtweiss (Neues Jb. für das Bistum Mainz 2009/10), Mainz 2010, S. 137–158, hier S. 146f.
  7. Zu Grab und Grabmal Albrechts von Brandenburg s. Kerstin Merkel, Jenseits-Sicherung. Kardinal Albrecht von Brandenburg und seine Grabdenkmäler, Regensburg 2004, S. 173–183, 192–199.
  8. Vgl. dagegen aber Gast 2001, S. 567, der unter Berufung auf eine alte, 1724 publizierte Ansicht des Mainzer Domes vermutet, dass der Westchor damals noch Fenster mit Medaillons besessen haben könnte. Vgl. AK Mainz 1975, S. 298, Nr. 73 (Alexander von Knorre).
  9. Die Stifterfigur – nach Jakob Chr. Bourdon ein betender Kanoniker – dürfte Lorenz Truchseß von Pommersfelden (1470–1543) dargestellt haben, der seit 1487 eine Domherrenpfründe besaß und 1513 zum Dekan ernannt wurde; J. B. Kissling, Lorenz Truchseß von Pommersfelden (1473–1543). Domdechant von Mainz. Ein Zeit- und Lebensbild aus der Frühzeit der Kirchenspaltung, Mainz 1906, S. 6, 10.
  10. Vgl. hierzu Arens 1958, S. 116, 127, 168, Nr. 208, 238, 327. Alle drei Epitaphien sind nicht als Glasmalereien ausgewiesen, die sie gemäß ihrer Beschreibungen aber gewesen sein müssten.

Drucknachweis

Die mittelalterlichen Glasmalereien in Oppenheim, Rhein- und Südhessen / Uwe Gast unter Mitwirkung von Ivo Rauch (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. III, 1), Berlin 2011

Nachnutzung

Rechtehinweise

Katalogdaten: Corpus Vitrearum Deutschland / Freiburg i. Br.
Abbildungen: siehe Angaben beim jeweiligen Digitalisat

Zitierweise

Empfohlene Zitierweise

„Mainz, Dom“, in: Mittelalterliche Glasmalereien in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/quellen-und-materialien/mittelalterliche-glasmalereien-in-hessen/alle-objekte/132-4_mainz-dom> (aufgerufen am 08.06.2026)

Kurzform der URL für Druckwerke

https://lagis.hessen.de/resolve/de/cvmahessen/132-4

Mainz, Dom. Aufriss der Südseite des Langhauses (vor 1870)