Ehemals Ersheim · Pfarr- und Friedhofskirche
![Ersheim, Pfarr- und Friedhofskirche. Grundriss mit Fensterschemata. Maßstab 1:300 [hier ohne Fensterschemata und nicht maßstabsgerecht]](https://www.lagis-hessen.de/img/cvmahessen/s3/106-1_25.jpg)
Ersheim, Pfarr- und Friedhofskirche. Grundriss mit Fensterschemata. Maßstab 1:300 [hier ohne Fensterschemata und nicht maßstabsgerecht]
Katalogdaten
Vorbemerkung
Heute mit einer Blankverglasung versehen, besaß die Pfarr- und Friedhofskirche St. Nazarius und Celsus in Ersheim ursprünglich eine erlesene, in der Zeit um 1800 entfernte Farbverglasung, von der Reste an vier Standorten nachzuweisen sind:
1. Insgesamt zehn Scheiben bzw. Fragmente befinden sich im Hessischen Landesmuseum Darmstadt: drei – z.T. rudimentäre – Rechteck- und drei Kopfscheiben mit figürlichen Darstellungen sowie vier kleinere Fragmente aus unterschiedlichen Zusammenhängen (Fig. 73–75, 79, 85f., Abb. 40–42, 45f., 49–52). 2. Zwei Scheiben mit Stifterdarstellungen werden in der Residenz München aufbewahrt (Abb. 47f.); eine dritte Scheibe mit der Darstellung der Hll. Andreas und Johannes Bapt. wurde dort während des Zweiten Weltkriegs zerstört (Fig. 77). 3. Eine geflickte, in der Komposition aber noch intakte Allianzwappenscheibe befindet sich im Langhausfenster nord VI der ehemaligen Karmeliter-Klosterkirche in Hirschhorn (Abb. 44). 4. Ein kleines Pasticcio mit der Figur eines Stifters im Zentrum ist in das Schloss Büdingen gelangt (Abb. 43).
Zur Frage des ursprünglichen Standorts
Obwohl lediglich bekannt ist, dass in den Jahren 1789/90 und 1816 Scheiben aus Ersheim entfernt worden sind (s. Reg. Nr. 19)1, ferner, dass im Jahr 1807 Scheiben aus Hirschhorn und Ersheim nach Darmstadt gelangt sind (s. Reg. Nr. 26), während unbekannt ist, um was für Scheiben es sich dabei jeweils gehandelt hat, kommt für die hier zu besprechende Gruppe von Glasmalereien dennoch allein der Chor der Ersheimer Kirche als ursprünglicher Standort in Frage. Die Fragmente von Wappen und Inschriften in Darmstadt und Hirschhorn lassen auf eine umfangreiche Fensterstiftung schließen, an der die Brüder Georg, Philipp II. und Engelhard III. von Hirschhorn mit ihren Frauen Amalia Fuchs von Bimbach, Apollonia Bock von Gerstheim und Margarete von Venningen beteiligt waren. Diese sind als Bauherren des Chores durch Inschriften bzw. Wappen ebenso bezeugt, wie dessen Vollendung im Jahr 1517 überliefert ist. So liegt eine Herkunft der stilistisch ins frühe 16. Jahrhundert zu datierenden Scheiben aus Ersheim nahe, und sie lässt sich damit zweifelsfrei begründen, dass die fünf dreibahnigen Chorfenster mit Bahnbreiten von 42–43 cm Abmessungen aufweisen, die exakt zur Breite der entweder noch vollständig erhaltenen Scheiben oder seitlich nicht beschnittenen Fragmente passen2. Die Zuordnung der Scheiben und Fragmente in München und Büdingen zu diesem Bestand ergibt sich dabei zum einen aus dem Zeugnis Aloys Schreibers von 1811 und ist zum anderen anhand ihrer Identität in Format und Stil zu belegen.
Bibliographie
Aloys Schreiber, Heidelberg und seine Umgebungen, historisch und topographisch, Heidelberg 1811, S. 254 (erwähnt Glasgemälde in Ersheim, »welche die Wappen und einige Familienbilder der Geschlechter von Handschuhsheim, Habern und Hirschhorn zeigen«); Jäger (1824), S. 177f. (beklagt den Verlust von »schönen Glasmalereyen aus der Hirschhorn’schen Geschichte«); Albert L. Grimm, Vorzeit und Gegenwart an der Bergstraße, dem Neckar und im Odenwald. Erinnerungsblätter für Freunde dieser Gegenden, (2. verbesserte und vermehrte Aufl.) Darmstadt 1828, S. 236 (bedauerlich sei, »daß die schönen von der Hessischen Regierung herausgenommenen Glasmalereien noch immer nicht [...] ersetzt« seien); Müller, 21837, II, S. 6, Nr. II (knappe Würdigung der Scheibe mit dem Hl. Georg und der Muttergottes); Brentano 1906, S. 66, Anm. 1 (erwähnt Verkäufe von Glasmalereien unter dem Amtsverweser Schiele); Führer durch Hirschhorn am Neckar, Hirschhorn/N. 1907, S. 36, 40f. (erwähnt »Reste von Glasmalereien [...] aus Ersheim« in der Stadtkirche von Hirschhorn, die 1834 aus Darmstadt zurückgekommen seien; Verkäufe von Glasmalereien aus der Kapelle um 1789/90 unter Amtsverweser Schiele und 1816 unter Amtmann Heberer); Kat. Darmstadt 1908, S. 46 (»Maria und der heilige Georg, seitlich Fragmente von knienden Stiftern auf blauem Grund. Unter dem Einfluß von Hans Baldung, um 1520«); Erich Reinecke, Die Ersheimer Kirche bei Hirschhorn am Neckar, in: Die Denkmalpflege 14, 1912, S. 28–31, hier S. 31 (Herausnahme der Glasmalereien Ende 18. Jh.); Back 1913, S. 98, Abb. 17–19 (vermutet eine Herkunft der Scheibe mit dem Hl. Georg und der Muttergottes sowie der zwei kleineren, aus »Stücken« zusammengesetzten Scheiben mit Stiftern aus der Pfarrkirche Babenhausen; Zuschreibung an die Werkstatt Hans Baldung Griens; identifiziert die Stifterfiguren mit Philipp III. von Hanau-Lichtenberg und dessen Frau Sibylla, Markgräfin von Baden); Wiegand 1913, S. 11 (Verkäufe von Glasmalereien in den Jahren 1790 und 1816); Kat. Darmstadt 1923, S. 11 (wie Back 1913); Oidtmann 1929, S. 379 (beiläufige Erwähnung der Scheibe mit dem Hl. Georg und der Muttergottes, »die man einer oberrheinischen Werkstätte zuschreiben möchte«); Rudolf Pérard, Alte Glasmalerei im Hessischen Landesmuseum, in: Heimat im Bild. Beilage zum Gießener Anzeiger 1933, Nr. 27, S. 105f. (erwähnt die Scheibe mit dem Hl. Georg und der Muttergottes: Entwurf von Hans Baldung Grien, Datierung 1518); Diehl 1935, S. 848 (wie Wiegand 1913); AK Darmstadt 1935, S. 29f., Nr. 145–150 (erste, annähernd vollständige Zusammenstellung des Darmstädter Konvoluts; Identifizierung der Stifter mit Georg von Hirschhorn und Amalia Fuchs von Bimbach; Zuschreibung an Hans Baldung Grien, Datierung »um 1520«; Herkunft aus Hirschhorn oder Ersheim); Merten 1935, S. 33 (spricht sich für eine Herkunft aus Hirschhorn aus); Fischer 21937, S. 148f. (weist im Zusammenhang mit den nach München abgewanderten Scheiben auf den Bestand in Darmstadt hin); AK München 1947, S. 6 und S. 25, Nr. 162–167 (Zuschreibung an die Werkstatt des Hans Baldung Grien mit Datierung »um 1517«; Herkunft aus Ersheim und Erwähnung dreier weiterer Scheiben des Bestandes in München); Einsingbach 1969, I, S. 242, 246, 256 (Glasmalereien 1816 entfernt und nach Darmstadt geschickt, 1833 z.T. zurückgegeben; Zuschreibung an Hans Baldung Grien; vermutet, dass die Wappenscheibe Venningen/Bock von Gerstheim in der ehemaligen Karmeliter-Klosterkirche in Hirschhorn aus Ersheim stammt und datiert »um 1517«); Beeh-Lustenberger 1967, Abb. 181–184, bzw. 1973, S. 214–219, Nr. 273–282 und Taf. 18 (grundlegende Bearbeitung der in Darmstadt erhaltenen Stücke: Diskussion der Herkunft, der Rekonstruktion und der Zuschreibung an eine Werkstatt unter oberrheinischem Einfluss); Becksmann 1979, S. LIXf. (steht einer Zuschreibung an Hans Baldung Grien bzw. die Werkstatt Hans’ von Ropstein skeptisch gegenüber und spricht sich stattdessen für deren Entstehung in der Konberger-Werkstatt in Heidelberg aus); Alfred Röder, Von Ersheim zu Hirschhorn. Der Weg der Doppelsiedlung durch die Geschichte, Hirschhorn 1984, S. 13 (Verlust von Glasmalereien 1816); Becksmann 1986, S. LVIII, 332 (folgt Becksmann 1979; verbindet die Anbetung der Könige in der Stadtkirche in Wimpfen a. B. mit den Ersheimer Scheiben, schreibt diese aber einer anderen in Heidelberg ansässigen Werkstatt zu); Michel Hérold, Les vitraux de Saint-Nicolas-de-Port (Corpus Vitrearum France VIII/1), Paris 1993, S. 63 (zieht die weibliche Stifterfigur in Darmstadt zum Vergleich mit der Darstellung der Marguerite de Neufchâtel in Saint-Nicolas-de-Port heran; erwägt eine Zuschreibung der Scheiben an Hans Gitschmann [von Ropstein]); Scholz, Bergstraße, 1994, S. XV und S. 76–78, Nr. 107f. (bespricht Inschriften und Inschriftenfragmente in Darmstadt und Hirschhorn; folgt in der kunstgeschichtlichen Beurteilung des Konvoluts Beeh-Lustenberger und Becksmann); Hess 1999, S. 77, Nr. 3 (erkennt in einer Scheibe im Schloss zu Büdingen das Fragment einer Stifterscheibe aus Ersheim); Spiegelberg 2006, S. 18f. (Erwähnung qualitätvoller Glasfenster von Hans Konberger, Heidelberg, die 1790 und 1816 herausgenommen worden seien; Aufzählung der heutigen Standorte); Dehio Hessen, II, 2008, S. 446, 448 (folgt Spiegelberg 2006); s. auch Bibliografie S. 155 und S. 156.
Nachweise
Fußnoten
- Die Veräußerung von Scheiben um 1789/90 ist allein in der Literatur überliefert, zuerst in: Führer Hirschhorn 1907 (s. Bibl.), S. 40f. ↑
- Andere Versuche einer Lokalisierung des Konvoluts – so dessen vermutete Herkunft aus der Pfarrkirche in Babenhausen oder aus der ehemaligen Karmeliter-Klosterkirche in Hirschhorn (s. Bibliografie) – sind nicht nur aus historischen oder baugeschichtlichen Gründen hinfällig, sondern nicht zuletzt auch aufgrund der eindeutig zu klärenden Standortfrage. ↑
Drucknachweis
Die mittelalterlichen Glasmalereien in Oppenheim, Rhein- und Südhessen / Uwe Gast unter Mitwirkung von Ivo Rauch (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. III, 1), Berlin 2011
Nachnutzung
Rechtehinweise
Katalogdaten: Corpus Vitrearum Deutschland / Freiburg i. Br.
Abbildungen: siehe Angaben beim jeweiligen Digitalisat
Zitierweise
Empfohlene Zitierweise
„Ehemals Ersheim · Pfarr- und Friedhofskirche“, in: Mittelalterliche Glasmalereien in Hessen <https://lagis.hessen.de/de/quellen-und-materialien/mittelalterliche-glasmalereien-in-hessen/alle-objekte/106-1_ehemals-ersheim-pfarr-und-friedhofskirche> (aufgerufen am 07.06.2026)
Kurzform der URL für Druckwerke
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