Großseelheim

Die Lage von Großseelheim im Orthofoto
Siedlung
Ortstyp
Dorf
Lagebezug
6 km östlich Marburg
Lage und Verkehrslage
Geschlossenes Dorf mit regellosem Grundriss auf langovalem Rücken über der Ohmaue beiderseits des Bauerbachs. Kirche mit wehrhaft ummauertem Kirchhof in erhöhter, zentraler Lage. Oval umlaufende Gassenführung entlang des Rückens (Oberdorf), Unterdorf mit teilweise linearer Ausrichtung. Moderne Wohnsiedlung im Norden jenseits des Bauerbachs. Straße Marburg-Kleinseelheim (alte Köln-Leipziger Messestraße) führt südlich am Ort vorbei Doppelter Anschluss von Südwest und Süden aus Richtung Schröck
Ersterwähnung
750/779
Siedlungsentwicklung
Wüstung Siedlungsstelle 1 km nördlich Großseelheim im Ohm-Rückhaltebecken
Flurnamen Hoffacker (1711)
Flurnamen Aulndorff (1572), Töpfersiedlung (?) ca. 1 km südöstlich Großseelheim
Historische Namensformen
- Seleheim (750/779, nach Abschrift des 12. Jahrhunderts) [Urkundenbuch des Klosters Fulda 1, Nr. 116]
- Seliheim (920)
- Seleheim, de (1236) [vgl. auch Klein-Seelheim]
- maior Seilheim (um 1248)
- Selehem (1274)
- Kyrchselhem (1292)
- maior villa Selheym (1310)
- major Selheim (1347)
- Großeme Selheym, z (1402/07)
- Großen Sehlheim (1577)
- Großseelheim (1708/10)
- Seelheim
Bezeichnung der Siedlung
- villa 1240 (Wyss, Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei 1, 1 Nr. 67)
Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung
- Hessel
- Liudolvesmunstar
- Odendorf
- Burg Seelheim (→ Burgen, Schlösser, Herrenhäuser)
- Großseelheim, Deutschordenshof (Marburg) (→ Klöster)
- Kleinseelheim, Deutschordenshof (Marburg) (→ Klöster)
Umlegung der Flur
1909/1911
Älteste Gemarkungskarte
1755
Koordinaten
Gauß-Krüger: 3490507, 5631268
UTM: 32 U 490436 5629455
WGS84: 50.816746° N, 8.864243° O
Statistik
Ortskennziffer
534011050
Flächennutzungsstatistik
- 1838 (Kasseler Acker): 3000 stellbares Land, 600 Wiesen, 100 Gärten, 480 Wald
- 1885 (Hektar): 946, davon 534 Acker (= 56.45 %), 183 Wiesen (= 19.34 %), 181 Holzungen (= 19.13 %)
- 1961 (Hektar): 951, davon 122 Wald (= 12.83 %)
Einwohnerstatistik
- 1542: 14 Schafhalter genannt
- 1577: 68 Hausgesessene
- 1747: 69 Hausgesessene
- 1768: 380
- 1768: 9 Leineweber, 4 Schmiede, 5 Wagner, 3 Schneider, 1 Schreiner, 1 Bader, 1 Maurer, 1 Zimmermann, 2 Wirte, 4 Tagelöhner, 8 Tagelöhnerinnen
- 1838 (Familien): 57 Ackerbau, 5 Gewerbe, 33 Tagelöhner 57 nutzungsberechtigte, 26 nicht nutzungsberechtigte Ortsbürger, 12 Beisitzer
- 1861: 640 evangelisch-lutherische, 7 römisch-katholische Einwohner
- 1885: 672, davon 671 evangelisch (= 99.85 %), 1 katholisch (= 0.15 %)
- 1961 (Erwerbspersonen): 252 Land- und Forstwirtschaft, 258 Produzierendes Gewerbe, 46 Handel und Verkehr, 55 Dienstleistungen und Sonstiges
- 1961: 1303, davon 1221 evangelisch (= 93.71 %), 67 katholisch (= 5.14 %)
Diagramme
Verfassung
Verwaltungsbezirk
- 1223: Vogtei Seelheim (erschließbar)
- 1577: Gericht im Amt Marburg
- 1809-1813: Königreich Westphalen, Departement der Werra, Distrikt Marburg, Kanton Amöneburg
- 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Kirchhain
- 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Marburg
- 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Kirchhain
- 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kirchhain
- 1932: Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Marburg
- 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg
- 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg
- 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Marburg-Biedenkopf
Altkreis
Marburg
Gemeindeentwicklung
Gericht
- 1240 und später: Gericht Selheim
- 1821: Justizamt Kirchhain
- 1867: Amtsgericht Kirchhain
Herrschaft
- Vogtei. Die fuldische Vogtei dürfte bereits seit dem Anfall der Villikation S. an das Kloster nach 1015 bestanden haben. In ihr scheinen alter Streubesitz des Kloster und ehemaliges Reichsgut verschmolzen zu sein. 1235 verkauft Kloster Fulda die nicht verlehnten Anteile an der Vogtei dem Deutsche Orden Marburg. Seit 1236 erwirbt der Deutsche Orden von den fuldischen Vögten weitere Anteile: 1236 jeweils ein Viertel von den Schenken zu Schweinsberg und den von Mölln; weitere Anteile 1240 von zwei Amöneburger Bürgern, 1257 von den von Wilnsdorf, 1292 von den von Kalsmunt und 1296 bzw. 1303 von den von Bicken. 1315 versetzen und verkaufen die Hofherren bis auf ein Viertel ihre Vogteinnteile an den Deutsche Orden; ein Vogthof befand sich 1296 in Kleinseelheim. 1434 führen die Adligen Klage darüber, dass der Deutsche Orden das Vogteigerich unterdrücke. Die 1478 und 1485 vereinbarte Wiederaufrichtung der Vogtei ist unterblieben. - Gericht. Aus der Immunität des Kloster Fulda erwachsen. 1240 und später neben der Vogtei bestehend. - Gerichtherrschaft vgl. Vogtei Seelheim; 1407 ist das Gericht zu drei Vierteln Deutsche Orden-Besitz, zu einem Viertel fuldischen Lehen der Hofherren. 1407 vergleichen sich beide Parteien, dass das Gericht derjenige Schultheiß oder Gerichtsherr hegen soll, der gerade anwesend ist. Sonst soll der Deutsche Orden über drei Fälle, der Hofherr über den vierten richten; das Gericht wird gleichwohl im Namen beider gehegt. 1480 ist Johann von Bechling im Besitz des fuldischen Lebens der Hofherren, 1485 im Besitz der Hälfte des Gericht 1519 belehnt Fulda die von Radenhausen mit dem heimgefallenen Lehen. 1559 belehnt Kaiser Ferdinand I. den Deutsche Orden mit dem halben Teil aller Obrigkeit zu Seelheim. 1577 unterliegt das Gericht der landgräflich Landeshoheit. Gericht und Peinlichkeit stehen dem Deutsche Orden und den von Radenhausen zu. 1776 erwirbt der Landgraf mit Md. Zustimmung die Gerichthälfte der von Radenhausen; den Anteil verwaltet der Kirchhainer Schultheiß. - Gerichtstätten: Gerichtslinde an der Westmauer des Friedhofs (1755). Auf den Urteilsplatz weisen die Flurnamen Galgen, Galgenberg. Stock und Gefängnis 1591. -advocatus 1223; comes 1290; Schöffen 1355; Schultheißen 1407; Grebe 1475; Unterschultheiß 1597
Besitz
Grundherrschaft und Grundbesitzer
- 750/779 schenkt (Graf?) Argoz dem Kloster Fulda den dritten Teil seines Besitzes zu Groß- (oder Klein-)Seelheim.
- Nach 1015 ist Seelheim Mittelpunkt einer fuldischen Villikation, die im Kern wohl auf Reichsbesitz zurückgeht (s. und Ziff. 7); sie umfaßt damals 3 Salhöfe (territoria) mit 36 Litenhufen; von 10 weiteren Hufen haben die Beständer drei Tagewerke zu leisten; weiterhin gehören 3 Mühlen und die Kirche samt Zehnten zum fuldischen Besitz; zum angegebenen Zeitpunkt ist aber ein Teil des Besitzes, der einst 78 Hufen umfaßt haben soll, offenbar von den Vögten schon entfremdet.
- 1025 erhält der nobilis Ruogger vom Kloster 10 Litenhufen zu prekarischer Nutzung.
- 1235 tritt Fulda dem Franziskushospital in Marburg Seelheim samt dem officium (Vogtei) gegen die Burg Lengsfeld (Altkreis Hersfeld) ab; ausgenommen bleibt der verlehnte Besitz des Kloster, so die 1347 vom Ritter Wigand von Mardorf an den Deutsche Orden verkauften Einkünfte de manso dicto Hobenerin.
- 1757 ist der wüst Burgsitz südwestlich des Kirchhofs fuldisches Lehen der von Radenhausen.
- Um 1248 ist das Erzstift Mainz in Groß-Seelheim mit einer Hufe begütert, die zum Hof (Wüstung) Eiloh gehört.
- Mit dem Ankauf der Vogtelanteile der fuldischen Vögte (vgl. Ziff. 3 a) erwirbt der Deutsche Orden zu dem 1235 genannten Besitz des Franziskushospitais weiteren umfangreichen Güterbesitz.
- Er umfaßt 1358 2 Hufen und 7 Höfe mit 303 Morgen Ackerland und 26 Morgen Wiesen.
- 1707: 11 ganze, 7 halbe Höfe, 2 Viertelhöfe.
- 1310 erwirbt Kloster Haina Güterbesitz in Seelheim.
- Landgräfliche Hof 1402/07 erwähnt
- 1395 erwerben die Grafen von Nassau-Dillenburg durch Ankauf der Herrschaft Greifenstein Besitz in Groß-Seelheim.
Zehntverhältnisse
Der Zehnte war zwischen Fulda (1398) und Mainz (1333) geteilt
Ortsadel
Hofherren 1267-1372
Kirche und Religion
Ortskirchen
- mater ecclesia 1025 [XII] (DRONKE, Cod. dipl. Fuld. Nr. 740)
Patrozinien
- Albanus [1505]
Pfarrzugehörigkeit
Pfarrkirche; eingepfarrt 1577 und später: Kleinseelheim (Filiale), Schönbach
Patronat
ursprünglich wohl fuldisch
Anfang 13. Jahrhundert sind die fuldischen Vögte in Seelheim Patrone (Schenken zu Schweinsberg, von Mölln jeweils zu einem Viertel; einen weiteren Anteil besitzen die Hofherren). 1236 kauft der Deutsche Orden die beiden Viertel der Schenken und von Mölln. 1310 präsentiert der Deutsche Orden, 1330 die Hofherren. 1330 vergleichen sich die Parteien, abwechselnd zu präsentieren; so auch 1407 und 1413. Seit 1485 besitzt der Deutsche Orden den Patronat allein. 1493/94 wird die Kirche dem Deutsche Orden inkorporiert.
Bekenntniswechsel
Einführung der Reformation in der Landgrafschaft Hessen ab 1526.
Erster evangelischer Pfarrer: Ludwig Milichius 29.12.1556 bis vor 22.3.1558
Reformierter Bekenntniswechsel: 1605, 1624 wieder lutherisch.
Kultur
Schulen
1910 Volksschule mit zwei Klassen
Sprachgeschichte (Quellenfaksimiles)
Historische Ereignisse
920: Königsaufenthalt und Hoftag König Heinrichs I. (MG DH I Nr. 2)
Wirtschaft
Mittelpunktfunktion
Bedeutender Villikationsmittelpunkt (vgl. Ziff. 3 b). - Das Gericht Seelheim umfaßte 1292: Groß- und Kleinseelheim
1296 ferner (Wüstung) Artzbach, (Wüstung) Odendorf, (Wüstung) Hessel
Nachweise
Literatur
- G. Freiherr Schenk zu Schweinsberg, Beiträge zur althessischen Territorialgeschichte. Der Königshof zu Seelheim und das Reichsgut im Oberlahngau. In: AHG 13 (1874), S. 422 ff.
- H. Diefenbach, Kreis Marburg, Königshöfe im Umland der Amöneburg. In: Hessenland 50, 1939, S. 154-161
- TH. MAYER-EDENHAUSER, Untersuchungen über Ahnerbrecht und Güterschluß in Kurhessen (1942), S. 152-183
- H. LESCH, Das Gericht Seelheim (1967)
- E. Müller, Die Stadtteile Groß- und Kleinseelheim. In: Küther (Bearb.), Kirchhain, Stadt an Ohm und Wohra in Wort und Bild, 1977, S. 214 ff.
- Kern, Amöneburger Becken, S. 101 ff.
- Historisches Ortslexikon Marburg, S. 283-286
- Hütteroth, althessische Pfarrer, S. 502
Weblinks
Siehe auch
Weitere Angebote in LAGIS
Orte
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Personen
Quellen und Materialien
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„Großseelheim, Marburg-Biedenkopf“, in: Historisches Ortslexikon <https://lagis.hessen.de/de/orte/historisches-ortslexikon/alle-eintraege/9322_grossseelheim> (aufgerufen am 06.05.2026)
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